Interview mit FMO-Geschäftsführer Dr. Rainer Schwarz
Hoffen auf den Nachholbedarf

Greven/Ladbergen -

Flughäfen gehören weltweit zu den Verlierern der Corona-Krise. Deutlich zu sehen ist das auch am FMO. Dessen Geschäftsführer, Dr. Rainer Schwarz, erklärt im Interview, wie er die momentane Situation beurteilt und wie er die Zukunftschancen bewertet.

Sonntag, 06.09.2020, 18:10 Uhr

Es ist gespenstisch in der riesigen Halle. Das Terminal des FMO ist fast menschenleer, nur einige Mitarbeiter der Reisebüros sind zu sehen. Und die sehen eher gelangweilt aus. Auch oben im Bereich der Verwaltung ist niemand. Der Empfang ist verwaist, auch am FMO gibt es Kurzarbeit. Und selbst die Uhren dort sind stehen geblieben. Nein, nicht auf fünf vor zwölf, die Zeiger zeigen 13.55 Uhr. Trotzdem: Der FMO leidet, wie alle anderen Flughäfen auch, an den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Wie geht es dort weiter? Welche Konsequenzen hat der (Fast)-Stillstand? Dr. Rainer Schwarz , Geschäftsführer des FMO, stellt sich den Fragen von WN-Redakteur Peter Beckmann .

 

Seit 2017 sind Sie Geschäftsführer am FMO. Erst kommt die Pleite der Germania, jetzt die Corona-Pandemie. Sie haben sich Ihren Job vermutlich auch ein wenig anders vorgestellt?

Schwarz: Der Luftverkehr ist nun einmal eine sehr volatile Branche, insofern gehören Krisen zum Geschäft. Ich habe da schon ganz andere Krisen erlebt. Wenn ich zum Beispiel an den 11. September 2001 denke, da hatte ich gerade meinen elften Arbeitstag als Vorsitzender der Geschäftsführung am Flughafen Düsseldorf. Es geht also immer noch schlimmer.

Im Juni nutzten 3100 Passagiere den FMO, im Juli waren es 19 000. Experten sagen, dass die Corona-Pandemie auch weitergehende Effekte haben wird. Stichwort Video-Konferenzen. Für Firmen ist das eine günstige Alternative zu Geschäftsreisen. Und auch die Touristen sind weitaus vorsichtiger geworden und machen lieber Urlaub in Deutschland. Wie wird sich all dies auf den Flughafen auswirken?

Schwarz: Das ist natürlich schwer zu prognostizieren. Im Urlaubsverkehr merken wir sehr deutlich, dass die Passagiere durch permanent wechselnde Reisewarnungen erheblich verunsichert sind. Insofern gibt es eine sehr starke Zurückhaltung bei den Buchungen, ja selbst gebuchte Flüge werden oftmals nicht angetreten. Ich gehe allerdings fest davon aus, dass in dem Augenblick, wo entweder ein Impfstoff gefunden wurde oder aber Berechenbarkeit wieder gegeben ist, ein erheblicher Nachholbedarf nach Urlaubsreisen in fremde Länder einsetzen wird. Die Erfahrung aus vergangenen Krisen lehrt: Krisenbedingte Verluste werden durch ein exponentielles Wachstum in den Folgejahren mehr als ausgeglichen. Nur diesmal wird dieser Prozess deutlich länger dauern.

Und die Geschäftsreisen?

Schwarz: Ich kann mich genau an die Zeit nach dem 11. September erinnern, als erstmals in der Geschichte der Luftfahrt Flugzeuge als Waffe eingesetzt worden sind. Danach hatten natürlich auf einmal alle Angst zu fliegen. Auch damals gab es schon Video-Konferenzen – natürlich auf einem anderen technischen Niveau als heute. Als erste Reaktion hieß es sofort, alle Gespräche, Verhandlungen und Konferenzen werden jetzt nur noch digital abgehalten. Das war dann auch ein, zwei Jahre der Fall. Und danach war davon keine Rede mehr.

So oder so: Der finanzielle Schaden für die Flughäfen ist immens. Wie sieht es beim FMO aus? Wie viel Verluste macht der FMO momentan? Und wie viel Schulden hat er?

Schwarz: Wir verlieren im Augenblick eine Millionen Euro im Monat. Um das einmal in Relation zu setzen: Die Lufthansa verliert eine Millionen Euro in der Stunde, der Flughafen Düsseldorf eine Millionen Euro pro Tag.

Aber auch das summiert sich.

Schwarz: Durch das Finanzierungspaket, das wir Ende 2014 mit den Gesellschaftern beschlossen hatten, haben wir Schulden massiv abgebaut. Ausgehend von ursprünglich 90 Millionen Euro Bankdarlehen haben wir die Verbindlichkeiten bis zu diesem Jahr auf unter 25 Millionen Euro reduziert.

Sie haben 30 Millionen Euro als Unterstützung in der Corona-Krise von den Gesellschaftern gefordert. Reicht das überhaupt?

Schwarz: Das ist nicht richtig. Wir haben gesagt, wir schätzen die Situation in diesem und im nächsten Jahr so ein, dass wir corona-bedingt etwa zehn Millionen Euro verlieren werden. Der Aufsichtsrat hat – übrigens einstimmig – der Gesellschafterversammlung die Empfehlung gegeben, diese zehn Millionen Euro als Eigenkapital dem FMO zum Ausgleich der corona-bedingten Verluste zuzuführen. Die Gesellschafterversammlung muss nun darüber im Rahmen der Verabschiedung unseres Wirtschaftsplans für das nächste Jahr beschließen. Wir haben darüber hinaus darauf aufmerksam gemacht, dass – wenn sich die Krise, wie viele Auguren prognostizieren, noch bis 2025 erstrecken sollte – der corona-bedingte Schaden sich auf ein Volumen von bis zu 30 Millionen Euro summieren kann.

Den Flughafen Paderborn hat es ja wohl noch heftiger erwischt. Dort droht sogar die Insolvenz. Da wollen die ersten Gesellschafter – zum Beispiel der Kreis Gütersloh – ihre Anteile zurückgeben. Ein Szenario, das hier am FMO auch denkbar wäre?

Schwarz: Es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen den Flughäfen Paderborn und Münster-Osnabrück. Paderborn ist deutlich kleiner und von daher weit davon entfernt, eine kritische Unternehmensgröße zu erreichen. Folgerichtig war die Situation in Paderborn auch schon vor Corona – im Gegensatz zu uns – sehr problematisch Die von Ihnen erwähnte Diskussion wurde deshalb in Paderborn bereits 2019 intensiv geführt. Bei uns hingegen haben die Gesellschafter noch im Dezember 2019 ein Paket zur Finanzierung von Instandhaltungsinvestitionen verabschiedet. Vor Corona waren wir der wachstumsstärkste Flughafen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres. Wir sind also völlig unverschuldet in die jetzige Situation geraten. Dies sehen nach meiner Beobachtung auch unsere Gesellschafter so.

Ein Oberbürgermeister-Kandidat aus Dortmund hat jetzt angeregt, dass sich die Flughäfen Münster, Dortmund und Paderborn zu einem westfälischen Flughafenverbund zusammenschließen. Was halten Sie davon?

Schwarz: Die Chance dafür hat es in der Tat einmal gegeben. In den 70er-Jahren gab es sehr konkrete Planungen, in der Nähe von Drensteinfurt einen westfälischen Flughafen, als Gegengewicht zu den beiden großen rheinischen Flughäfen Köln und Düsseldorf, zu bauen. Die drei Flughäfen Dortmund, Paderborn und Münster/Osnabrück existierten damals noch gar nicht. Es wäre in der Tat sehr vernünftig gewesen, das Potenzial an westfälischen Fluggästen an einem Standort zu bündeln. Aber die Idee ist in den damaligen Zeiten des kalten Krieges gescheitert, da das Grundstück in einer Nato-Einflugschneise lag. Heute, nachdem für viel Geld drei Flughafenstandorte errichtet wurden, erschließt sich mir nicht wirklich, welchen Vorteil ein solcher Zusammenschluss bringen soll.

Am FMO stehen noch einige Projekte zur Erhaltung der Infrastruktur auf dem Programm, Finanzierungskonzept 2.0 genannt. Sanierung des bestehenden Start- und Landebahnsystems, die Sanierung der Fluggastbrücken, der Austausch der Gepäckförderanlage, die Sanierung der Strom- und Kälteversorgung sowie der Ersatz von Vorfeldfahrzeugen für Feuerwehr und Enteisung. Auch dafür benötigt der FMO ab 2021 über einen Zeitraum von fünf Jahren jährlich sieben Millionen Euro. Bleibt es trotz Corona dabei?

Schwarz: Das Investitionsprogramm ist beschlossen worden, weil neue EU-Sicherheitsvorschriften eine Vielzahl von Verbesserungsmaßnahmen und Ersatzinvestitionen notwendig gemacht haben. Daran hat sich auch unter Corona-Bedingungen nichts geändert. Für Erweiterungsmaßnahmen war von vorn herein kein Budget vorgesehen.

Wobei: Die Erweiterung der Start- und Landebahn hat sich ja sowieso erledigt, oder?

Schwarz: Wir haben bereits 2017 einvernehmlich im Gesellschafterkreis festgelegt, diesbezügliche Planungen und Verfahren bis auf weiteres ruhen zu lassen.

Ab 2025 dürfen öffentliche Gesellschafter eines Flughafens nach EU-Vorgaben keine Betriebsverluste eines Flughafens mehr ausgleichen. Könnte das für den FMO ein Problem werden?

Schwarz: In den vergangenen drei Jahren hatten wir stets ein positives Betriebsergebnis im Sinne der EU-Vorgaben, also nach Abzug der sogenannten „hoheitlichen Kosten“ (Feuerwehr, Sicherheit etc).

Dies in Corona-Zeiten zu erreichen, dürfte schwer fallen.

Schwarz: Wenn wir die Corona-Verluste ausgleichen können, werden wir auch nach Corona positiv sein.

Eine letzte Frage zu ihrer Person: Sie sind jetzt 63 Jahre alt, ihr Vertrag läuft noch zwei Jahre. Machen Sie danach weiter – vor allem unter den aktuellen Bedingungen?

Schwarz: Diese Frage steht zwei Jahre vor Vertragsablauf nicht an. Aber, um es deutlich zu sagen: Krisen, wie sie immer wieder in unserer Branche vorkommen, sind für mich kein Grund aufzuhören.

Vergnügungssteuerpflichtig ist Ihr Job zur Zeit aber wohl eher nicht, oder?

Schwarz: Im Luftverkehr geht es nun mal rauf und mal runter. Und das macht für mich auch ein Stück des Reizes dieses Berufs aus.

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