Eine faszinierende Frau
Frau mit Amt war Pionierarbeit

Laer -

Altbürgermeisterin Hildegard Voß-Segbert hat sich Zeit ihres Lebens in zahlreichen Bereichen engagiert. 1969 übernahm die gebürtige Saerbeckerin in Laer den Vorsitz des Landfrauenverbandes, der 1972 in das Amt der Kreisvorsitzenden mündete. Zudem war die fast 90-Jährige zehn Jahre Kreistagsabgeordnete und fand ihren politischen Höhepunkt für zwei Legislaturperioden zunächst in der Übernahme des Amtes der stellvertretenden Bürgermeisterin. Diesen krönte sie dann im Jahr 1989 bis 1994 mit dem Bürgermeisteramt – wieder als eine der ersten Frauen im Land.

Dienstag, 04.09.2018, 14:44 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 31.08.2018, 18:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 04.09.2018, 14:44 Uhr
Hildegard Voß-Segbert kam 1952 nach Laer. Die Gebürtige Saerbeckerin legte schon früh viel Wert auf verbindende Gespräche und verantwortungsbewusstes ehrenamtliches Engagement.
Hildegard Voß-Segbert kam 1952 nach Laer. Die Gebürtige Saerbeckerin legte schon früh viel Wert auf verbindende Gespräche und verantwortungsbewusstes ehrenamtliches Engagement. Foto: Weide

Wer durch das Münsterland fährt, findet an vielen Ackerrainen und Hofstellen Bildstöcke. Meistens ist die heilige Familie abgebildet oder das Motiv „ Madonna mit Kind“. Diese kleinen Kunstwerke entstanden vielerorts nach 1945. Sie sind stumme Zeitzeugen und Ausdruck von Dankbarkeit nach einer beklagenswerten Zeit. Eingemeißelte Verse, verweisen auf den Beweggrund der Errichtung oder aber man trifft auf Menschen, die um die Bewandtnis der Errichtung noch wissen.

Vor ihrer Haustür steht ebenfalls so ein in Stein gemeißeltes Denkmal. Selbstverständlich ist die Historie im Haus bekannt, aber nicht nur diese. Altbürgermeisterin Hildegard Voß-Segbert verfügt wie nur wenige in Laer über ein so multidisziplinäres Erinnerungspotenzial. Dieses ruft die fast 90-Jährige für Historiker und Heimatkundler immer gerne problemlos ab.

Als die Seniorin 1952 nach Laer kam, fand sie eine Bevölkerung vor, die materiell und seelisch noch deutlich mit der Aufarbeitung der Kriegswirren zu kämpfen hatte. Vermisste, versehrte oder gefallene Angehörige erschwerten das Zurückfinden in den Alltag für alle. „Da waren die bescheidenen Freuden, die wir hatten, die wenigen jahreszeitlichen Feste und Familienfeiern ein Segen für die dörfliche Gemeinschaft“, erinnert sie sich.

Die gebürtige Saerbeckerin hatte selbst als neuntes von elf Kindern zwei Brüder verloren. Sie legte schon früh, vielleicht sogar darin gegründet, viel Wert auf verbindende Gespräche und verantwortungsbewusstes ehrenamtliches Engagement. Heute, wie damals, als sie als Anwärterin für das Bürgermeisteramt Wahlkampf betrieb, bezeichnet(e) sie sich zurückhaltend als „Bäuerin“. Dabei hatte sie im Wahljahr 1989, und ohne dass der Begriff „Frauenquote“ überhaupt existent war, schon eine Karriere hinter sich, wie kaum eine andere Frau im Kreis Steinfurt.

Frau mit Amt war Pionierarbeit und wurzelt bei ihr biografisch schon in der Volksschulzeit. Wenn Hildegard Voß-Segbert sagt: „Die Voraussetzungen waren da, aber es war etwas Besonderes. Ich durfte als einziges Mädchen zur weiterführenden Schule wechseln, und absolvierte sie mit sehr gutem Erfolg“, kristallisiert sich in dieser Aussage ihre typische Eigenschaft, wegweisende Ereignisse intellektuell abzuwägen.

Mit sehr viel Wertschätzung wusste sie die damalige Chance zu nutzen und absolvierte die ländliche Hauswirtschaftsprüfung mit äußerst repräsentabler Leistung. Eine gemeinwohlorientierte Veredelung schloss schnell an. 1969 übernahm die Saerbeckerin in Laer den Vorsitz des Landfrauenverbandes, der 1972 in das Amt der Kreisvorsitzenden mündete.

Verbandliche Arbeit lag ihr und bot ausreichend Nährboden ihr Wissen, einmal für satzungsgebundene Gremienarbeit und für (land-)wirtschaftliche Belange zu erweitern. Dabei blieb die Christdemokratin immer mit beiden Beinen fest auf westfälischen Boden. „30 Kühe mussten gemolken werden“, schmunzelt die vierfache Großmutter. „Das Rind interessiert sich nicht für ein Ehrenamt“.

Ihr Mann Heinrich wusste um ihr Potenzial und unterstütze sie, wo er nur konnte. Er wunderte sich kaum noch, als seine Gattin als erste Frau in Westfalen zum Mitglied in der Kreisstelle der Kammer ernannt wurde. Zwölf Jahre war sie dort tätig. Warum?

„Wenn ich von einer Sache wirklich überzeugt bin, finde ich auch die Zeit mich dafür zu engagieren“. Für diese Antwort überlegt sie nicht lange. „Und wer im Jahr 1928 geboren ist und die Schreckensszenarien des Nationalsozialismus bis in die eigene Familie erlebt hat, fühlt sich schnell zum gemeinwohlorientierten Ehrenamt verpflichtet“, fügt sie hinzu.

Diese Haltung legte die 89-Jährige nie ab. Viel mehr noch, sie konzentrierte sich nach der Verbandsarbeit 20 Jahre hauptsächlich auf kommunalpolitische Belange. So war die Seniorin zehn Jahre Kreistagsabgeordnete und fand ihren politischen Höhepunkt für zwei Legislaturperioden zunächst in der Übernahme des Amtes der stellvertretenden Bürgermeisterin. Diesen krönte sie dann im Jahr 1989 bis 1994 mit dem Bürgermeisteramt – wieder als eine der ersten Frauen im Land.

Die Übergabe des Hauses Rollier an das Gemeinwohl und die Rückbegegnung in Badersleben, der Partnergemeinde nach dem Mauerfall mit drei vollen Bussen seien herausragende Höhepunkte gewesen. „Ach, und so vieles, vieles mehr“. Ruhestand? Ach wo!

Die mittlerweile 15- jährige Gemeinwohltätigkeit, die sie gemeinsam mit Freiherr von Heereman begann – die Landseniorenbetreuung – ist immer noch aktuell. Gleiches gilt für die Altbürgermeister des Kreises, „auf den regelmäßigen Austausch mit aktuellen politischen Themen freuen wir uns immer alle“, und dann lässt sie ihren Blick aus dem Fenster über das nahe Maisfeld kreisen.

„Der setzt bei der Trockenheit zu wenig Eiweiß an, gut, dass wir in Laer keine 18er Böden haben“, meint sie. Mit Blick auf die Marienstatue am Hauseingang betont die immer noch passionierte Landwirtin, dass sie jeden willkommen heiße, der regionalhistorisch interessiert sei.

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