Lengerich
Premiere besticht durch Parodie

Sonntag, 06.06.2010, 16:06 Uhr

Lengerich - „Und der Haifisch , der hat Zähne“, natürlich beginnt auch die „Dreigroschenoper“ des Literaturkurses mit der berühmten Moritat von Mackie Messer, vorgetragen von Martin Dubs mit einer Drehorgel-Attrappe.

Die Schülerinnen und Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasiums haben sich das Stück von Bertolt Brecht - die Uraufführung fand am 31. August 1928 in Berlin statt - in intensiver monatelanger Arbeit angeeignet und zu einer eigenständigen Fassung gefunden, die vom Premierenpublikum am Freitagabend mit großem Applaus gefeiert wurde.

Natürlich ist das Stück schon bei Brecht keine Oper, der Titel ist ganz und gar ironisch gemeint. Der Literaturkurs handelt durchaus konsequent, wenn er den Musikanteil - Kurt Weill hatte für Brecht eine damals sehr moderne Musik geschrieben - kräftig reduziert. Neben der Eingangsmoritat gibt es noch das Lied der Seeräuber-Jenny - von Anna Neumann als Polly eindrucksvoll interpretiert - und den Kanonen-Song - da trumpfen Martin Feldmeyer als Mackie und Sebastian Specht als Polizeichef Brown mächtig auf. Weniger ist hier mehr - die Handlung, die Personen treten in den Vordergrund der Inszenierung.

Irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - in London hat Jonathan Peachum (Colin Wierum) ein eigenwilliges Gewerbe aufgezogen: Er organisiert das Betteln wie ein Kapitalist seine Produktion, die Bettler werden zu Lohnsklaven, das Mitleid der Menschen wird mit raffinierten Methoden ausgenutzt. Ihm gegenüber erscheint der Mörder, Straßenräuber und Zuhälter Macheath, genannt „Mackie Messer“, richtig altmodisch. Zwar beutet auch er seine „Platte“ (Bande) und seine Huren kräftig aus, aber er ist nicht zum kalten Geschäftsmann mutiert, er bleibt Genussmensch.

Der Gegensatz wächst sich zur Katastrohe aus, als Jonathan Peachums Tochter Polly heiratet. Der Vater sieht das als Angriff auf sein Eigentum und inszeniert eine Intrige, der sein ungeliebter Schwiegersohn schließlich zum Opfer fällt. Allerdings naht Rettung in letzter Minute, denn ein reitender Bote des Königs erscheint und verkündet die Begnadigung.

Spätestens hier wird die parodistische Absicht des Stückes und der Inszenierung überdeutlich. Bürgerliche Verhaltensweisen sollen entlarvt, bürgerliche Moral als scheinheilig denunziert und Erwartungshaltungen des Publikums desavouiert werden. Dass dies zu vielen komischen Effekten führt und durch Überzeichnung zur Groteske wird, arbeitet die Inszenierung von Angelika Heitmann konsequent heraus. Die Schülerinnen und Schüler verstehen es zunehmend besser, die Pointen richtig zu setzen und die Gags präzise herauszuarbeiten.

Den größten Lacher erzielt Frau Peachum (Sabrina Mensen), als sie plötzlich ins Zimmer tritt, in dem Polly und ihre Rivalin Lucy (Vanessa Winski) sich um ihr Recht an dem von beiden geliebten Macheath streiten. Der sitzt zu diesem Zeitpunkt bereits in der Todeszelle. Frau Peachum erklärt hierzu „Ach, Polly, hier find ich dich. Zieh dich um, dein Mann wird gehängt. Das Witwenkleid habe ich mitgebracht.“ Das ist natürlich makaber, aber das Unangemessene entlädt sich hier und noch an vielen anderen Stellen in befreiendem Gelächter.

Der Literaturkurs hat das Stück zu einer unterhaltsamen Komödie mit Musik gemacht, bei der die gestrichenen Songs zum Teil als Umbaumusik eingespielt werden. Dabei gehen viele bekannte Zitate aus jenen Songs, die seit der Entstehungszeit der Oper zu Evergreens geworden sind, ein wenig unter. Auch der Anteil der für Brechts episches Theater typischen Verfremdungseffekte wird kräftig reduziert. Allerdings sind Bühnenbild und Kostüme raffiniert stilisiert, die Ausstattung besticht durch liebevoll arrangierte Details und die jungendlichen Darsteller tragen ihre Kostüme und Frisuren mit sichtlichem Behagen.

Am Ende eines kurzweiligen Premierenabends wurde die Moritat von Mackie Messer noch einmal angestimmt, die Akteure und die Helfer hinter den Kulissen mit krätigem und lang anhaltenden Applaus bedacht und schließlich erklatschte das Publikum noch eine Zugabe.

Weitere Aufführungen der Inszenierung gibt es am Freitag, 11. Juni, und am Samstag, 12. Juni, jeweils um 19.30 Uhr.

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