Diskussion über Straßennamen
Nun auch noch Luther

Lengerich -

In Lengerich wird seit Monaten über die mögliche Umbenennung von Straßennamen diskutiert. Nun erhält die Debatte eine neue Wendung. Über Martin Luther solle auch nachgedacht werden, meint ein Bürger und begründet das mit antisemitischen Aussagen des Reformators.

Dienstag, 25.06.2013, 06:06 Uhr

Die Debatte über mögliche Straßenumbenennungen in Lengerich wird neu befeuert. Wenn sich heute der Kulturausschuss mit dem Thema befasst, steht ein weiterer Name zur Diskussion: Martin Luther . Dietmar Mann , Diakon der katholischen Kirchengemeinde Seliger Nils Stensen, schreibt über den Reformator an Bürgermeister Friedrich Prigge: „Luther war bis in seinen Tod hinein ein ausgewiesener Antisemit, ein ausgeprägter Judenhasser – ein Tatbestand, der seitens der evangelischen Gemeinschaften bislang leider nicht ausreichend reflektiert worden ist/wird.“

Mann führt verschiedene Luther-Zitate als Begründung für seine Aussage an. Unter anderem eines aus dem Jahr 1542. „Juden sind rituelle Mörder, Wucherer. Sie sind schlimmer als der Teufel. Sie sind zur Hölle verdammt.“ Weiter argumentiert der Diakon, dass man die Äußerungen „sicherlich aus ihrem geschichtlichen Kontext heraus betrachten muss“. Gleichwohl entschuldige die „Übereinstimmung mit dem Zeitgeist“ Luther nicht.

Dr. Matthias Pohlig kennt die Aussagen Luthers bestens. Er ist Historiker für Frühe Neuzeit an der Universität Münster , einer seiner Schwerpunkte ist die Reformationszeit. Konfrontiert mit den Aussagen Manns erklärt er, dass er dessen Argumentation nicht teile.

Grundsätzlich, beschreibt er die Problematik bei Straßennamen , sei es schwierig, Personen, die vor 1900 gelebt hätten, aus der heutigen Sicht zu beurteilen. „Sie können unseren demokratischen, pluralistischen und liberalen Maßstäben nicht gerecht werden.“ Das gelte für einen Richard Wagner ebenso wie für einen Martin Luther.

Richtig und unbestritten sei, dass sich Luther wiederholt „sehr, sehr drastisch“ über Juden geäußert habe. „Dieses Thema ist in der Forschung als auch in der evangelischen Kirche präsent.“ Konsens sei aber auch, dass Luther kein Antisemit im heutigen Sinne gewesen sei. Entscheidend sei, zu unterscheiden zwischen zwei Formen der „Judenfeindschaft“: Zum einen sei das der religiös begründete Antijudaismus, wie er bei Luther zu finden sei. Zum anderen der Antisemitismus, der im 19. Jahrhundert aufkam und im Nationalsozialismus gipfelte.

Der Antijudaismus sei im 16. Jahrhundert sehr weit verbreitet gewesen. „Es gibt nur wenige Personen, die pro-jüdisch argumentierten.“ Bei Luther habe sich der Antijudaismus mit der Zeit verstärkt. Sein Ziel sei es zunächst gewesen, die Juden zu bekehren. Die Erfolglosigkeit dieses Unterfangens habe dann zu den bekannten Aussagen geführt.

Für Pfarrer Wernfried Lahr von der evangelischen Kirchengemeinde Lengerich besteht ein wesentliches Problem darin, dass Luthers Aussagen „Jahrhunderte später wieder aufgegriffen“ worden seien. Wichtig sei jedoch, immer den thematischen, historischen und gesellschaftlichen Kontext zu berücksichtigen, in dem sich Menschen äußern. „Damals war die Art zu diskutieren zum Beispiel eine ganz andere als heute.“ Aus seiner Sicht könne durchaus von einem „Missbrauch“ der Worte Luthers gesprochen werden, der später stattgefunden habe.

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