HAG-Literaturkursus zeigt Dürrenmatts „Die Physiker“
Improvisation statt Perfektion

Lengerich -

Friedrich Dürrenmatt ist ein vielgelesener Autor an deutschen Schulen. Kein Wunder also, dass sich der HAG-Literaturkursus der elften Jahrgangsstufe „Die Physiker“ vornahm und jetzt auf die Bühne brachte. Die Form, wie das geschah, war allerdings ungewöhnlich.

Montag, 17.06.2013, 20:06 Uhr

Schon der Beginn war ungewöhnlich bei der Aufführung von Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ in der Studiobühne des Hannah-Arendt-Gymnasiums. Drei Schülerinnen werden von einer fiktiven Lehrerin in ein fiktives Klassenzimmer gebeten, man bespricht Dürrenmatts Stück. Vermutungen über seinen Sinn werden geäußert, dann wird aus den umfangreichen szenischen Anweisungen zitiert und die Schülerinnen erstellen ein improvisiertes Bühnenbild – den Salon im privaten Sanatorium der Irrenärztin Mathilde von Zahnd (Marie Brinkmann).

Damit ist klar: Der Literaturkursus der Jahrgangsstufe 11 will nicht den aussichtslosen Versuch starten, in Konkurrenz zum professionellem Theater zu treten. Es soll stattdessen die eigene Adaption der obligatorischen Schullektüre vorgestellt und einsichtig gemacht werden – absichtlich improvisierend und ohne Anspruch auf perfektes Illusionstheater. So ist denn auch das Bühnenbild bewusst aufs Nötigste reduziert – drei weiße Türen in einer schwarzen Wand, sechs weiße Stühle, ein Tisch, ein Schränkchen und ein Servierwagen.

Umso eindringlicher kann sich das dramatische Geschehen entfalten. Eine Krankenschwester ist ermordet worden. Die Polizei ermittelt, obwohl der Täter bekannt ist – ein Patient, der sich selbst für Einstein (Cihab Marangoz) hält, hat sie erdrosselt. Natürlich kann dieser Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden, er ist ja schon „verrückt“. Die Polizei macht jedoch zur Auflage, dass die Krankenschwestern auf dieser Station durch Pfleger ersetzt werden, war dieser Mord doch schon der zweite. Auch ein anderer Patient – er hält sich für den großen Physiker Newton (Alexandra Sadowski) – hatte seine Pflegerin ermordet.

Was als ziemlich abstruse Kriminalkomödie beginnt, entwickelt sich nach und nach zum Parabelstück. Es geht um die Verantwortung der Wissenschaft für die Ergebnisse ihrer Forschung – exemplarisch verdeutlicht am Beispiel des dritten Physikers Johann Wilhelm Möbius (Lukas Kock). Er hat sich bewusst in eine Irrenanstalt zurückgezogen, weil er seine Entdeckungen für viel zu gefährlich hält. Aber seine Flucht aus der Verantwortung scheitert – dass die Irrenärztin selbst verrückt ist, damit hatte er nicht gerechnet.

Regisseur Thomas Bongard ist es gelungen, seine Schüler mit großer Spiellaune, Lust an der Verkleidung und Sinn für Nuancierungen agieren zu lassen. Newton und Einstein überraschen in historischem Kostüm und Maske, das Personal der Klinik kommt im obligatorischen Weiß daher, die Pfleger, die sich später als Werkschutz herausstellen, er-scheinen in martialischem Schwarz, der Kriminalinspektor (Richard Voss) trägt Trenchcoat, seine Leute sind in weiße Ganzkörperoveralls gehüllt, die geschiedene Frau Möbius (Carolin Werner) mit neuem Gatten und den drei Söhnen bieten ein bürgerlich-karikiertes Genrebild.

Drei Regiereinfälle akzentuieren den Werkstattcharakter der Inszenierung. Jessika Koop (Klavier) und Katharina Bosse (Geige) sind nicht nur als Doubles für Einstein und Zahnd zu hören, sie greifen auch musikalisch kommentierend ins Geschehen ein. Ein mächtiger Bauzaun trennt am Schluss des Stückes den Bühnenraum von den Zuschauern, so eingekerkert halten die drei Physiker ihre Schlussmonologe. Und ganz am Ende mischen sich die Schülerinnen des Anfangs unter die Protagonisten und zitieren aus Dürrenmatts Kommentar zu seinem Stück („21 Punkte“) – „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“

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