Canyon als Zankapfel: Naturschutz contra Freizeitwert
Das illegale Vergnügen

Lengerich -

Der Canyon im Teutoburger Wald in Lengerich ist seit vielen Jahren ein Naturschutzgebiet - und ein Geheimtipp für Erholungsuchende. Jetzt will der Kreis Steinfurt dem einen Riegel vorschieben, hat Kontrollen und die Verhängung von Bußgeldern ab 35 Euro aufwärts angekündigt.

Montag, 05.08.2013, 07:08 Uhr

Freitagnachmittag zwischen 13.30 und 14 Uhr. Das Thermometer am Auto zeigt 32 Grad an. Zum Arbeiten gar nicht ideal, zum Sonnen und Baden absolut ideal. Und dennoch ist die Zahl der Menschen, die am Canyon sind, überschaubar. Doch peu à peu werden es mehr, die sich zum illegalen Vergnügen einfinden.

Auf dem Weg zum Nordufer surren die Fliegen. Hier und da liegt Müll, einzelne Stimmen schallen von der Blauen Lagune herüber.

Am Wasser angekommen, fällt der Blick als erstes auf einen Schäferhund. Herrchen hat ihn zum Baden ins Wasser gelassen. Dem Vierbeiner macht‘s offenbar genau so viel Spaß wie einige Meter weiter den vier „Badenixen“. So nennt ein junger Mann seine Bekannten.

Die Gruppe sagt, sie sei aus Hamburg wegen einer Geburtsparty in die Region gekommen. Über Google-Map sei man auf den Canyon gestoßen. Vom Verbot hätten sie nichts gewusst, Schilder seien ihnen angeblich nicht aufgefallen. Also haben sie es sich gemütlich gemacht. Decken und Handtücher, Getränke und Melonen – die Hanseaten sind bestens eingedeckt. Bis zum Abend wollen sie an der Lagune bleiben, „paradiesisch“ nennen sie das Naturschutzgebiet und versprechen, die „Winnetou-Szenerie“ komplett ohne Müll zu hinterlassen.

Weit, aber nicht so weit wie die Hamburger, hatten es die vier Frauen um die 20, die gerade die pralle Sonne genießen. Sie kommen aus Gütersloh und sind auch das erste Mal im Canyon. Für das Bade- und Lagerverbot haben sie eher wenig Verständnis, noch weniger dafür, dass sie bei einer Kontrolle zahlen sollen. Sie wollen auf jeden Fall wiederkommen, zu gut gefällt es ihnen am grün schimmernden Wasser.

Im Ton zurückhaltender, aber in der Sache ähnlich konsequent äußern sich zwei andere junge Frauen. Sie kommen aus Osnabrück und Georgsmarienhütte. Als sie eine Frau nach dem Weg fragten, bekamen sie als erstes den Hinweis, dass es dort ein Badeverbot gibt. „Verstehen können wir es schon irgendwie.“ Konsequenzen dürfte dieses Verständnis indes nicht haben, auch sie wollen wiederkommen, auch sie finden den Platz einfach zu schön, um ihn zu ignorieren.

Samstagnachmittag, mit gut 25 Grad ist es nicht ganz so heiß wie am Vortag. Ein paar Wolken am Himmel. Der Attraktivität des Canyon tut das wenig Abbruch, einige Sonnenanbeter haben sich eingefunden, die meisten um die 20 Jahre alt.

Eine achtköpfige Gruppe, zum ersten Mal da, scheint etwas besucherfreundlicheres erwartet zu haben. „Das ist ja total steil. Wie soll man da runterkommen?“, bemängeln sie die schmalen Pfade. Am Kalkstrand an der Westseite, wo noch drei Feuerstellen von vergangenen Partys zeugen, werden schließlich Decken ausgebreitet.

Erfahren hätten sie von der „Blauen Lagune“ durch das Internet. Eine Fanseite auf Facebook listet knapp 2800 „Gefällt-mir-Angaben“. Bei Google findet sich neben zahlreichen Bildern auch die Suchhilfe „Canyon Wegbeschreibung“.

Bei der jungen Gruppe ist kurz von Klippenspringen die Rede, das hätten sie auf Youtube gesehen. Tatsächlich kann man sich auf der Videoplattform fast ein Dutzend Aufnahmen davon anschauen, wie Menschen an der steilen Kalkwand herab über mehr als zehn Meter ins Wasser springen. Was passieren kann, wenn man aus dieser Höhe auf dem Seegrund aus spitzen Steinen aufkommt, scheint kaum jemandem bewusst zu sein.

Zunächst gehen aber alle schwimmen. Für mögliche 35 Euro Strafe ein zu teures Vergnügen? „Ein bisschen Risiko muss doch auch dabei sein“, finden sie. Und man zahle doch ohnehin für fast jedes Erlebnis. Also eine Art Eintrittsgeld. Das ist eine interessante Deutung.

Ähnlich sehen es wohl ein paar andere Jugendliche, die hörbar aus den Niederlanden stammen. Sie haben sich als Badeort eine kleine Schlucht auserkoren und sind wie alle „Touristen“ ganz begeistert vom Naturkleinod. „Bei uns in der Nähe gibt es so etwas nicht. Das werden wir zuhause sicherlich weiterempfehlen.“

„Das ist Erholung für die Seele. Man kann sehr gut nachdenken“, findet eine Mutter, die mit ihren beiden Töchtern am Nordufer wandert. Sie hat über Freunde von der Naturoase erfahren und war schon häufiger hier. Dass das Betreten des Geländes untersagt ist, sei ihr klar. Wiederkommen würde sie trotzdem.

Weiter östlich sitzt ein junges Paar am Wasser, sie aus Lengerich, er aus Diepholz. „Ich habe ihm den Platz gezeigt. Selber kenne ich ihn durch Bekannte.“ Das Aufenthaltsverbot sei auch ihnen bekannt, allerdings sehen beide keinen Grund, nicht herzukommen. „Klar ist das verständlich, dass man das Areal irgendwann absperrt, wenn es ständig zugemüllt wird.“ Das sei auch nicht wünschenswert. „Aber wir nehmen unseren Müll immer mit.“ Und warum ist gerade der Canyon so besonders? „Die Stille macht es richtig erholsam.“ An öffentlichen Badeseen sei so viel los, da könne man nicht richtig abschalten.

Auch in den 80er Jahren sei hier schon entspannt und gefeiert worden, weiß ein Tecklenburger zu berichten, der in der Nähe mit seinem Hund unterwegs ist. Dass nun massiv Kontrollen durchgeführt werden, liege wohl an der neuen überregionalen Popularität des Canyons. Mittlerweile seien einfach zu viele Gäste da, häufig auch mit dem falschen Benehmen. „Wenn hier weiterhin alles in geordneten Bahnen abgelaufen wäre, hätte es doch niemanden gekümmert“, vermutet er.

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