Projekt für ältere Russlanddeutsche
Ein Leben in zwei Welten

Lengerich -

„Auf den Spuren des Lebens“ ist zurzeit eine Gruppe älterer Russlanddeutscher in Lengerich. Im Zuge eines gleichnamigen Projektes beschäftigen sie sich ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ausdruck finden soll das in zwei Fotoausstellungen und einem Film.

Donnerstag, 04.06.2015, 07:06 Uhr

Die Teilnehmer an „Auf den Spuren des Lebens“ können viel erzählen. Projektleiterin ist Anna Beller (hinten links).
Die Teilnehmer an „Auf den Spuren des Lebens“ können viel erzählen. Projektleiterin ist Anna Beller (hinten links). Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Wer mit offenen Augen und vor allem Ohren durch Lengerich geht, wird recht schnell feststellen: Es leben viele Menschen in der Stadt, deren Wurzeln in Russland liegen oder anderen Staaten, die einst zur Sowjetunion gehörten. Offizielle Statistiken gibt es nicht, denn die meisten haben längst einen deutschen Pass und tauchen somit in keiner Ausländerstatistik auf. Jemand der dennoch ein ziemlich genaues Bild hat, ist Olga Gubert . Sie taxiert die Zahl der Russlanddeutschen in Lengerich auf 1400.

„1000 kenne ich und die anderen 400 kennen mich“, sagt sie mit einem ironischen Lächeln. Zusammen mit anderen älteren Frauen und Männern sitzt sie in den Räumen des Vereins Begegnungszentrum an der Münsterstraße. Alle machen mit beim Projekt „Auf den Spuren des Lebens“. Für die Russlanddeutschen im Alter zwischen Anfang 50 und Ende 70 geht es dabei zum einen darum, auf das bisherige Leben in der alten und in der neuen Heimat zu schauen. Zum anderen soll ein Blick in die eigene Zukunft in Lengerich geworfen und dabei auch die eigene Identität in den Fokus gerückt werden.

Was es bedeutet, Russlanddeutscher zu sein, dürfte Olga Gubert nur zu gut wissen. Sie gehört zu ihnen und sie hat nach ihrer Ankunft im Tecklenburger Land in den 90ern fünf Jahre lang als Beraterin für Spätaussiedler gearbeitet. Deshalb ist sie so bekannt bei ihnen und deshalb kann sie sich so gut ein Bild von der Situation machen.

Widerspiegeln wird sich ihre Welt wohl auch in einem Film, der im Zuge des Projekts entstehen soll. Anna Beller , die „Auf den Spuren des Lebens“ leitet, erzählt, dass es zudem Vorträge und Ausflüge gibt und zwei Fotoausstellungen mit den Titeln „Damals“ und „Heute“ geplant sind.

Was „damals“ für die oder den Einzelnen bedeutet, wird beim Gespräch mit der Gruppe deutlich. Da gibt es zum Beispiel Susanna Siemens. Sie hat zehn Kinder, 26 Enkel und 15 Urenkel. „Alle sind hier.“ Sie hat noch Erinnerungen an die Kriegszeit, als unter Stalin viele der deutschstämmigen Bewohner der Sowjetunion in den Osten des Riesenreiches zwangsumgesiedelt wurden. Als Vierjährige habe sie miterlebt, wie die Menschen nach der Vertreibung in Erdhöhlen leben mussten.

Irina Wall kam 1991 aus dem heutigen Usbekistan nach Lengerich. Erst sei die Familie sechs Wochen in einer Sporthalle untergebracht worden. „Das erste Jahr war das schwierigste“, sagt sie. Durch die mangelhaften Sprachkenntnisse habe man sich selbst ein Stück weit aus der Gesellschaft ausgeschlossen. „Wir waren Deutsche ohne Deutsch.“ Weitere typische Anfangsprobleme waren der Umgang mit der deutschen Bürokratie sowie die Suche nach einer Wohnung und nach Arbeit.

Längst ist das Vergangenheit und längst leben die Russlanddeutschen einen Alltag, der geprägt ist von zwei Kulturen. Brötchen sind ein kleines Beispiel. Die hätten sie zu Sowjetzeiten gar nicht gekannt, heute mag sie keiner mehr missen, mancher backt sie sogar selbst. Übertragen hat sich auf den oder anderen auch das Verhalten der Deutschen beim Thema Besuch: „Hier meldet man sich vorher an, früher bei uns kamen die Leute einfach unangekündigt. Das kann ich mir jetzt gar nicht mehr vorstellen“, sagt Irina Wall.

Kommen sie alle zusammen, wird Russisch geredet, sagen die „Auf den Spuren des Lebens“-Teilnehmer. „Die Sprache verbindet“, sind sich Anna Beller und die Vereinsvorsitzende Marina Tscherepanja einig. Genauso wie das gemeinsame Kochen. Typisch Deutsches kommt dann ebenso auf den Tisch wie Russisches oder Gerichte aus der kirgisischen oder kasachischen Küche.

Die Runde berichtet von einer Besonderheit in Lengerich: Aus einem Dorf in Kasachstan sei eine ganze Gruppe von Spätaussiedlern nach Lengerich gekommen. „Sie wohnen alle auf zwei Straßen verteilt.“

Wolfgang Oehlke könnte man als weitere Besonderheit bezeichnen. Er selbst ist kein Russlanddeutscher, macht aber trotzdem mit. Der Grund sind seine Eltern. Die, erzählt der Lengericher, seien in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen – frühe Spätaussiedler sozusagen.

Zum Thema

Gefördert wird das Projekt von der LWL-Kulturstiftung und vom Kreis Steinfurt. Eine Kooperation besteht zudem mit dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Dessen Leiterin Dr. Katharina Neufeld war jüngst anlässlich eines Vortrages in Lengerich.

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