Segelfliegen in Südamerika
Die Anden rufen

Lengerich -

Klaus Reinhold ist ein Routinier. Als Segelflieger hat der 76-jährige Lengericher schon eine Menge erlebt. Doch was ihm nun bevorsteht, ist etwas Besonderes. Zusammen mit Freunden geht es für drei Monate nach Argentinien.

Mittwoch, 21.09.2016, 05:09 Uhr

Am höchsten Berg Amerikas, dem Aconcagua (links), fand Klaus Ohlmann 1997 beste Segelflugbedingungen vor. Nun wollen er, Diether Memmert, der Lengericher Klaus Reinhold und weitere Expeditionsteilnehmer etwas weiter südlich aktiv werden.
Klaus Ohlmann, Diether Memmert, der Lengericher Klaus Reinhold (von links) und weitere Expeditionsteilnehmer zieht es nach Argentinien. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Die Jüngsten sind die drei Männer zweifelsohne nicht mehr. Klaus Ohlmann ist 64, Klaus Reinhold 76 und Diether Memmert sogar 83. Andere lehnen sich zumindest ein wenig zurück, wenn sie diese Altersklasse erreicht haben. Das Trio hingegen denkt nicht daran. Anfang November geht es nach Südamerika . Drei Monate lang wollen sie in den argentinischen Anden Segelfliegen . Weltrekorde seien zwar kein Muss, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich, sagen die Routiniers über ihre Ambitionen.

Segelflieger seit 61 Jahren

In Lengerich haben sie nun einen Container beladen. Vier Segelflugzeuge, zerlegt in Rumpfe und Flügel, wurden in der großen Stahlbox untergebracht. Über Hamburg und den Panamakanal geht das Equipment per Schiff nach Chile, wo es in gut fünf Wochen ankommen und zusammengebaut werden soll.

Verantwortlich für diesen Part ist vor allem Klaus Reinhold. Von den anderen wird er respektvoll als „absoluter Macher“ bezeichnet. Der Lengericher hat sein Berufsleben als Maschinenbauer verbracht und ist, was das Fliegen angeht, familiär vorbelastet: Sein Vater war bereits Fluglehrer. Er selbst betreibt das Segelfliegen seit 61 Jahren.

Erster Segelflug über den Mount Everest

Mit viel Erfahrung können auch der Regensburger Diether Memmert und der in Südfrankreich lebende Klaus Ohlmann aufwarten. Memmert war unter anderem Sprecher der deutschen Nationalmannschaft der Segelflieger und hat noch mit 80 Jahren einen Weltrekord aufgestellt. Ohlmann hat seinen Beruf als Zahnarzt vor Jahren aufgegeben, ist seitdem Segelfluglehrer, hat eine Reihe von Weltrekorden inne und überflog 2014 als erster Segelflieger überhaupt den Mount Everest.

Die kleine Truppe, die die Südamerika-Expedition in Angriff nimmt, kennt sich seit Jahren. Komplettiert wird sie von zwei weiteren deutschen Segelfliegern und einem Drachenflieger aus der Schweiz. Ihre Basis werden sie im argentinischen Zapala haben. Das Städtchen liegt auf 1100 Meter Höhe nahe der chilenischen Grenze. „Die Berge steigen dort auf 2500 bis 3000 Meter an, manche Vulkane auch bis 4000 Meter“, sagt Klaus Ohlmann. Er schwärmt von einer „wunderbaren Landschaft“.

Fast wie Wellenreiten

In den 90er Jahren sind ihm bei einem Südamerika-Aufenthalt die idealen Bedingungen für die Segelfliegerei aufgefallen. Zum einen sei das Wetter in den kommenden Sommermonaten in dieser Region auf der Südhalbkugel sehr stabil. Zum anderen, und das sei das absolut Besondere, gebe es in den Bergen die weltweit vielleicht besten Bedingungen überhaupt für sogenannte Wellenflüge. Ohlmann: „Zu vergleichen ist das mit dem Wellenreiten der Surfer. Es ermöglicht, extrem weite Entfernungen von mehr als 3000 Kilometern zurückzulegen.“ Solche Flüge, die länger als 15 Stunden dauern können, seien für den Piloten eine große Herausforderung.

Klaus Reinhold, der während des Pressetermins die meiste Zeit im Container herumschraubt, ruft aus dem Hintergrund: „Das Fliegen hält fit.“ Spricht er von sich und den Freunden, kommt auch schon einmal die Formulierung „alte Säcke“ über seine Lippen. Er wie auch die anderen Männer haben für ihre Passion viele Teile der Welt bereist. Drei Monate wollen sie sich diesmal Zeit nehmen, den Himmel über den Anden zu erobern.

Tolle Gastfreundschaft in Südamerika

Sollen dabei Rekorde fallen, müssen nicht nur die äußeren Bedingungen stimmen. Erfahrung, da sind sich die drei Männer einig, spiele ebenfalls eine wesentliche Rolle, wenn es um Spitzenleistungen gehe. Das Fliegen begeistere und fordere sie auch nach Jahrzehnten immer noch dermaßen, dass während der gemeinsamen Zeit weder Langeweile noch schlechte Laune eine Chance hätten.

Auch auf die technischen und bürokratischen Herausforderungen einer solchen Reise scheinen Klaus Reinhold und Co. dank guter Kontakte zu Gleichgesinnten sowohl in Chile als auch in Argentinien bestens vorbereitet zu sein. Die Deutschen schwärmen von der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der südamerikanischen Segelflieger. Die wiederum könnten vom großen Erfahrungsschatz der Besucher aus Europa profitieren. Klaus Ohlmann kann da sein Segelfluglehrer-Dasein voll entfalten.

„Macher“ Klaus Reinhold schaltet sich wieder in das Gespräch ein. „Wollen wir noch ein Foto machen“, fragt der Lengericher. Er scheint offenbar der Meinung zu sein, dass genug der Worte gewechselt sind. Die Arbeit ruft – und das Segelfliegen in den Anden.

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