Schandfleck in der Stadt
Dreck und Scherben

Lengerich -

Vor sieben Jahren sind die letzten Maschinen und Einrichtungsgegenstände versteigert worden, seitdem tut sich nichts mehr im klr-Gebäude an der Schulstraße. Die Pläne des Besitzers, dort einen Discounter und einen Elektro-Fachhandel anzusiedeln, wurden von einer Veränderungssperre der Stadt durchkreuzt.

Samstag, 19.08.2017, 13:08 Uhr

Zertrümmerte Fensterscheiben und Graffiti dominieren den Anblick auf der Rückseite des klr-Gebäudes. Eine Tür steht sperrangelweit offen. Eine Absperrung gibt es nur zur Schulstraße hin.
Zertrümmerte Fensterscheiben und Graffiti dominieren den Anblick auf der Rückseite des klr-Gebäudes. Eine Tür steht sperrangelweit offen. Eine Absperrung gibt es nur zur Schulstraße hin. Foto: Michael Baar

Bau- und Heimwerker, Hobby-Gärtner, Motorradfahrer, Reiter, Bootsfahrer und Segler, Campingbedarf, elektrische Einbaugeräte für Haushalte, Fahrräder, Teppiche, Waffen samt Munition und Jagdbedarf – oder doch lieber Erotikartikel? Alles vorstellbar, wenn der „Schandfleck“ in der Innenstadt einem Neubau weichen würde.

Das Sortiment gibt die sogenannte Lengerich Liste her. Es sind ausschließlich „nicht zentrenrelevante Sortimente“. Und die könnten auf dem klr-Gelände angeboten werden – wenn sich denn ein Interessent für die Immobilie findet.

Das Gebäude nördlich der Schulstraße steht seit Jahren leer. Zerbrochene Fensterscheiben und Graffiti künden von unbefugter Nutzung. Seit dem vergangenen Jahr steht zur Schulstraße hin ein Bauzaun vor dem Komplex. „Einsturzgefahr. Betreten des Gebäudes verboten! Eltern haften für ihre Kinder!“ steht auf einem Schild. „Wir hatten den Eigentümer aufgefordert, das Gelände vor fremdem Zutritt zu schützen“, erläutert Beigeordneter Frank Lammert den Sachverhalt.

Eine Aufgabe, die nur unzureichend erfüllt worden ist. Wer den schmalen Weg zwischen klr-Gebäude und dem Nachbarhaus in Richtung TWE-Gleise hochgeht, findet keinen Zaun mehr, der den Zutritt zum Gebäude verhindert. Im Gegenteil. Auf der Rückseite steht eine Tür sperrangelweit offen. Davor Unrat, wohin das Auge blickt, und jede Menge Scherben. Die stammen aus den elf Fenstern der Nordseite. Dort stecken nur noch Restzacken der Scheiben in den Rahmen.

Dabei hätte alles ganz anders kommen sollen – wenn es nach dem Eigentümer gegangen wäre. Denn die Entwicklung des Unternehmens klr glich in der ersten Dekade dieses Jahrtausends einer Achterbahnfahrt. Anfang 2004 meldet die klr mediapartner Insolvenz an. Der Betrieb läuft – nicht zuletzt dank einer guten Auftragslage – weiter. Dieses Tief wird überwunden.

Dass der Gebäudekomplex nördlich der Schulstraße für die Geschäfte – unter anderem Bedrucken von Kartonagen – denkbar ungeeignet ist, überrascht nicht. Im Jahr 2010 teilt klr mit, dass die Firma an einen neuen Standort verlagert werden soll. Allein die Energiekosten sollen durch diesen Schritt um bis zu 80 Prozent gesenkt werden.

Kommentar

Schwärende Wunde

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Integriertes Stadtentwicklungskonzept, Abriss des Marktcarrés und Neubau – alles gut und schön. Wenn es da nicht eine schwärende Wunde gäbe: Das klr-Gelände an der Schulstraße.

Es ist ein Schandfleck. Als solcher wird er auch in Befragungen von Geschäftsinhabern bezeichnet. Doch seit sieben Jahren tut sich nichts dort – bis auf das Aufstellen eines Bauzauns an der Front zur Schulstraße, um den Zutritt zu verhindern. „Einsturzgefahr“ steht auf einem Schild. Es soll als Warnung dienen, drückt aber auch eine Hoffnung aus.

Wenn es Handlungsbedarf in der Stadt gibt, dann dort!

Michael Baar

Voraussetzung für die Umsiedlung ist die Vermarktung der rund 8000 Quadratmeter großen Fläche. Und da hat der Eigentümer gründlich vorgearbeitet: Ein Discounter und ein Elektronik-Fachmarkt seien willens, sich an dem Standort anzusiedeln. Denn das Areal, auf dem die Gebäude stehen, ist als Nahversorgungsbereich ausgewiesen. Im Klartext: Dort dürften Lebensmittel verkauft werden.

Nicht mehr lange, denn am 28. September 2010 beschließt der Stadtrat eine Veränderungssperre für das Gelände nördlich der Schulstraße – also das klr-Areal. Was von der Geschäftsführung als Affront aufgefasst wird. Der Stadtverwaltung sei seit zwei Jahren bekannt gewesen, dass klr umsiedeln wolle und sich ein Discounter für den Standort an der Schulstraße interessiere. So heißt es damals von Firmenseite.

Im Mai 2011 dann das Aus für klr. Erneut muss Insolvenz angemeldet werden. Die vom Stadtrat beschlossene Veränderungssperre soll dem Unternehmen das Genick gebrochen haben. „Das war das endgültige Aus für uns“, sagte der Geschäftsführer damals im Gespräch mit den WN. Gut 18 Monate später wird der Ex-Geschäftsführer zu einer Geldstrafe – 130 Tagessätze a 20 Euro verurteilt. Insolvenzverschleppung, Bankrott sowie Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt hatte ihm die Staatsanwaltschaft vorgeworfen.

Das Inventar war bereits im September 2010 unter den Hammer gekommen. Seitdem herrscht Ruhe an der Schulstraße. Der Verfall schreitet fort.

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