LWL-Klinik: Gedenkpfad eröffnet
440 Namen mahnen

Lengerich -

1940 und 1941 wurden 440 Patienten aus der LWL-Klinik abtransportiert, um sie zu töten. Den Opfern ist nun ein Gedenkpfad auf dem Gelände der Einrichtung gewidmet. Am Donnerstag wurde er eröffnet.

Freitag, 22.09.2017, 05:09 Uhr

Eine große Tafel mit den Namen aller Opfer ist in einem Innenhof am Hauptgebäude aufgestellt worden. Künstler Mandir Tix, Maria Brümmer-Hesters und Stephan Bögershausen (von links) haben zusammen mit vielen anderen in einer Arbeitsgruppe die Idee für den gesamten Pfad entwickelt.
Eine große Tafel mit den Namen aller Opfer ist in einem Innenhof am Hauptgebäude aufgestellt worden. Künstler Mandir Tix, Maria Brümmer-Hesters und Stephan Bögershausen (von links) haben zusammen mit vielen anderen in einer Arbeitsgruppe die Idee für den gesamten Pfad entwickelt. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Auf dem Gelände der LWL-Klinik haben am Donnerstag Vertreter des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe , der LWL-Klinik und der Stadt sowie Gäste einen Gedenkpfad eingeweiht. Mit ihm soll an jene Patienten erinnert werden, die während der NS-Zeit aus der Einrichtung weggebracht und dann getötet wurden.

Drei Transporte gab es in den Jahren 1940/41. Der erste verließ Lengerich am Donnerstag vor 77 Jahren. An jenem 21. September 1940 wurden sieben Patienten jüdischen Glaubens zunächst nach Wunstorf gefahren, später weiter nach Brandenburg. Am 1. Juli waren es dann 222 Menschen, die ausselektiert wurden, am 26. August 1941 schließlich 211. Viele von ihnen wurden in der berüchtigten Tötungsanstalt Hadamar ermordet.

Bereits 1983 war auf Initiative von Mitarbeitern der Klinik eine Gedenktafel im Foyer des Hauptgebäudes angebracht worden, um an die Ermordeten zu erinnern. Von 250 Opfern ging man seinerzeit aus. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Einrichtung rückte das Thema 2014 erneut in den Blickpunkt. Zum einen wurde durch die intensive Aufarbeitung des Geschehens klar, dass die Zahl der Getöteten wesentlich höher war. Zum anderen wurde 2015 eine Projektgruppe gegründet, die sich zur Aufgabe machte, einen Gedenkort zu gestalten. Zweieinhalb Jahre arbeiteten Mitarbeiter und Ex-Mitarbeiter der Klinik, Bürger aus Lengerich und der Künstler Mandir Tix an dem Vorhaben. Am Donnerstag wurde das Ergebnis nun der Öffentlichkeit präsentiert.

LWL-Direktor Matthias Löb erinnerte in seiner Rede daran, dass „mehr als ein Drittel der gesamten Patienten der damaligen Lengericher Klinik“ der NS-Rassenideologie zum Opfer gefallen sind. Mit Blick auf das Personal, das an den Taten aktiv beteiligt war, sagte er weiter: „Diejenigen, die einen Eid darauf geschworen haben, Leben zu retten, halfen dabei, als unwert gebrandmarktes Leben zu vernichten.“ Seinen Worten zufolge wurden aus westfälischen Einrichtungen 5796 Patienten deportiert. „2896 Menschen haben nachweislich ihr Leben verloren, darunter mehr als 250 Kinder.“

Immer wieder gab es während der mehrstündigen Veranstaltung besonders bewegende Momente. So fanden drei Enkelinnen Erwähnung, die sich damit einverstanden erklärt hatten, dass das Schicksal ihrer getöteten Großmutter Maria Emma Esmeier in einer Broschüre wiedergegeben wird, die über den Gedenkpfad und die historischen Hintergründe informiert. Pflegedirektorin Mechthild Bischop und Regine Groß, Stabsstelle Pflegeentwicklung, schilderten durch die auszugsweise Wiedergabe von Berichten, wie die sogenannte „Aktion T4“, also die systematische Ermordung von rund 70 000 psychisch kranken und behinderten Menschen überhaupt möglich war und welche Rolle dabei nicht zuletzt das Gehorsamsdenken in Reihen des Pflegepersonals spielte. Und Mandir Tix berichtete, wie sehr ihn diese besondere künstlerische Arbeit berührte. „Bei den ersten Zahlen hatte ich Tränen in den Augen.“

Damit bezog er sich auf die 440 Steine, von denen er jeden mit einer Zahl für ein Opfer versah. Viele sind auf dem Pfad, der von der Pforte bis zu einem kleinen Innenhof am Hauptgebäude führt, in den Boden eingelassen worden. Andere sind Teil einer der sieben Stelen. Zudem gibt es acht Text- und Bildtafeln. Die ersten beiden am Zugang zum Gelände enthalten allgemeine Erläuterungen zum Gedenkpfad, vier informieren über die NS-Rassenpolitik und über die drei Lengericher Transporte, eine weitere nimmt Bezug auf die Auswirkungen des Geschehens auf die Gegenwart. Die größte steht in einem Innenhof am Hauptgebäude. Auf ihr sind alle Lengericher Opfer namentlich aufgeführt.

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