Direktversicherungen: Ruheständler kämpft gegen gesetzliche Regelungen
Rudi Volkmer fühlt sich abkassiert

Lengerich/Tecklenburger Land -

Eine Direktversicherung als private Altersvorsorge stand jahrzehntelang hoch im Kurs. Bei Eintritt ins Rentenalter kommt das böse Erwachen: Knapp 20 Prozent Sozialversicherungsbeiträge sind auf den Gesamtbetrag zu zahlen, weil der Gesetzgeber es als Betriebsrente sieht.

Mittwoch, 22.08.2018, 17:36 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 22.08.2018, 05:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 22.08.2018, 17:36 Uhr
Eine Direktversicherung als Anlage- und Vermögensplanung für die Zeit der Rente, darauf haben rund sechs Millionen Bundesbürger gesetzt. Doch mit Eintritt in den Ruhestand werden Sozialversicherungsbeiträge fällig, knapp 20 Prozent der Gesamtsumme.
Eine Direktversicherung als Anlage- und Vermögensplanung für die Zeit der Rente, darauf haben rund sechs Millionen Bundesbürger gesetzt. Doch mit Eintritt in den Ruhestand werden Sozialversicherungsbeiträge fällig, knapp 20 Prozent der Gesamtsumme. Foto: Jens Schierenbeck/dpa

Mit der höchstrichterlichen Feststellung, dass alles rechtens sei, gibt sich Rudi Volkmer nicht zufrieden. Er ist nicht der Einzige, der sich als Ruheständler von Politik und Krankenkassen übers Ohr gehauen fühlt. „Die private Vorsorge, die lautstark propagiert worden ist, wird konterkariert“, sagt der Tecklenburger beim Thema Direktversicherung. Denn von dem Geld, was er für die Altersvorsorge vorgesehen hatte, wurden bei der Auszahlung knapp 20 Prozent einkassiert. „Nicht auf einen Schlag, sondern über zehn Jahre verteilt.“

Hintergrund ist eine Gesetzesänderung, die von der rot-grünen Bundesregierung 2003 beschlossen wurde. Das „Gesundheitsmodernisierungsgesetz“ sollte den in einer finanziellen Notlage steckenden Krankenkassen helfen. Zum 1. Januar 2004 trat das Gesetz in Kraft. Das Fatale aus Sicht von Rudi Volkmer und vielen anderen Direktversicherten: Nicht nur Neuverträge wurden damit erfasst, das Gesetz griff auch auf Altverträge zu.

„Aus der freiwilligen Altersvorsorge ist eine Betriebsrente geworden“, schimpft der Rentner und verweist auf die daraus resultierenden Änderungen: Mit Beginn der Auszahlung ist er unversehens krankenversicherungspflichtig geworden – mit dem Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil sowie dem Pflegeversicherungssatz.

An einem Beispiel erklärt er die Folgen: Werden aus einer Direktversicherung mit Renteneintritt 100 000 Euro fällig, stehe umgehend die Krankenkasse auf der Matte und fordere die Sozialversicherungsbeiträge ein. In diesem Beispiel knapp 20 000 Euro. „Die werden nicht auf einen Schlag fällig, sondern müssen über zehn Jahre, also 120 Monatsraten, bezahlt werden.“ Damit werde die Beitragsbemessungsgrenze umgangen, kritisiert er.

Viele Betroffene – er schätzt deren Zahl auf rund sechs Millionen Bürger – hätten das noch gar nicht auf dem Schirm. Zumal, so schätzt Rudi Volkmer, erst rund ein Drittel dieser Direktversicherungen fällig geworden sind. Der Tecklenburger hat sich nicht damit begnügt, mit den Zähnen zu knirschen. Er engagiert sich im Verein der Direktversicherungsgeschädigten (DVG), ist im Stammtisch Nordrhein-Westfalen Nord/Niedersachsen Süd aktiv. „Gemeinsam kämpfen wir um die Abschaffung der Doppelverbeitragung auf Betriebsrenten und um die Rückzahlung der ungerechten Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung auf unsere arbeitnehmerfinanzierten Kapital-Lebensversicherungen“, benennt er das Ziel des Vereins.

Sein Stammtisch lädt, gemeinsam mit den Kollegen aus Minden, am Donnerstag, 30. August, zu einer Informationsveranstaltung – Direktversicherung: Böses Erwachen bei der Auszahlung – von 19 bis 21 Uhr im Van der Valk-Hotel Melle (das mit dem Tukan an der Autobahn 30) ein.

Die Versuche, Politiker auf dieses Thema aufmerksam zu machen, seien bislang zäh verlaufen. Als Beispiel verweist er auf Anja Karliczek. Die Bundestagsabgeordnete sei drei Mal beim Stammtisch gewesen und habe von der Problematik nichts gewusst. Dann habe die CDU-Politikerin verschiedene Vorstöße unternommen. „Als Ministerin hat sie jetzt natürlich viele andere Themen zu bearbeiten“, schimmert ein gewissen Maß an Verständnis beim Tecklenburger durch.

Versuche des Stammtisches, mit Informationsständen in Rheine und Ibbenbüren die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, seien wenig erfolgreich verlaufen. „Die Leute haben gedacht, wir wollten denen Versicherungen verkaufen.“

Etwas Galgenhumor schimmert durch, wenn Rudi Volkmer feststellt, „dass viele von uns deswegen nicht unter einer Brücke schlafen müssen“. Allerdings hätten Einige mit dem Geld gerechnet – und erlebten eine böse Überraschung.

Was den Tecklenburger noch bewegt: „Was soll man denn jungen Menschen sagen, wie sie Altersvorsorge betreiben sollen?“

 

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