Pfarrer Peter Kossen über die Ausbeutung von Arbeitsmigranten
Von Mietwucher bis Prostitution

Lengerich -

Am 6. September findet im Gemeindehaus St. Margareta ein Informations- und Austauschtreffen statt. Das Thema: die Ausbeutung von Arbeitsmigranten. Jemand, der sich besonders stark gegen diesen Missstand engagiert, ist der katholische Pfarrer Peter Kossen. Gegenüber den WN berichtet der Geistliche, was er von der Situation in Lengerich weiß.

Samstag, 01.09.2018, 18:15 Uhr aktualisiert: 01.09.2018, 19:00 Uhr
Pfarrer Peter Kossen
Pfarrer Peter Kossen Foto: Johannes Hörnemann

Peter Kossen ist seit Anfang 2017 Pfarrer in der katholischen Gemeinde Seliger Niels Stensen. Schon bevor er dort seinen Dienst antrat, hat er sich einem Thema ganz besonders verschrieben: der Aufklärung über die Ausbeutung von Arbeitsmigranten, speziell aus Ost- und Südosteuropa. In Lengerich ist er unter anderem im „Arbeitskreis Akteure“ aktiv, in dem Missstände aufgezeigt und über Maßnahmen zur besseren Integration beraten wird. Am Donnerstag, 6. September, lädt der Geistliche um 14 Uhr zu einem Informations- und Austauschtreffen im Gemeindehaus St. Margareta ein. Im Vorfeld sprach WN-Redakteur Paul Meyer zu Brickwedde mit Kossen über sein Engagement und die „dunklen Seiten“ der Arbeitsmigration.

Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?

Pfarrer Peter Kossen: Es ist ein offenes Treffen, bei dem ich hoffe, dass wir eine gewisse gesellschaftliche Breite haben werden, um Erfahrungen, Beobachtungen und Wissen auszutauschen. Also dass Leute kommen, die beruflich mit Arbeitsmigration zu tun haben, die Sachkenntnis haben oder einfach nur daran interessiert sind, wie Arbeitsmigranten hier leben, sodass wir die Situation, wie sich in der Stadt darstellt, erheben können.

Sie engagieren sich seit Jahren in diesem Bereich. Warum?

Kossen: Ich hatte bei meiner vorherigen Aufgabe mit dem Phänomen zu tun und habe gemerkt, dass da Menschen buchstäblich unter die Räder geraten – und das in unserer sozialen Marktwirtschaft, in unserem Rechtsstaat. Leute, die am Rande leben, sich in einem Graubereich bewegen und deswegen zum Teil auch ein Stück weit wehrlos sind. Es geht um Ausbeutung und um Schicksale. Da war ich der Meinung, da muss jemand etwas sagen.

Sie haben nicht nur Rückendeckung erfahren, sondern wurden auch angefeindet. Ist Ihnen so etwas in Lengerich ebenfalls schon passiert?

Kossen: Anfeindungen nicht, aber Widerspruch. Ist das überhaupt Aufgabe eines Kirchenmenschen? Hat der überhaupt Ahnung von dem, was er da sagt? Mit derlei kritischen Fragen ist jedoch immer zu rechnen, wenn etwas pointiert zur Sprache gebracht wird. Es gab beispielsweise nach einer Predigt eine „stramme Rückmeldung“. Da drohte jemand, aus der Kirche auszutreten. Er fühlte sich wohl direkt angesprochen, obwohl ich seine Art von Geschäftsgebaren gar nicht kannte, ihn also auch nicht speziell im Blick hatte.

Bestätigt Sie so etwas in Ihrem Handeln oder bestürzt es Sie?

Kossen: Wenn man die Öffentlichkeit sensibilisieren möchte und wenn man möchte, das sich ein politischer Wille bildet und sich Dinge ändern, dann muss man sehr konkret werden und so etwas in der Folge auch in Kauf nehmen.

Es gibt in Lengerich den „Arbeitskreis Akteure“. In einer Mitteilung ist nun von Mietwucher die Rede, von menschunwürdiger Unterbringung, (Zwangs-) Prostitution und dubiosen Arbeitsverhältnissen. Sind Sie sich sicher, dass diese Dinge in der Stadt passieren oder sind es nur Vermutungen?

Kossen: Die Leute, die davon berichten, sind sich sicher, dass das so ist. Ich nehme es zunächst zur Kenntnis und bringe dann die Menschen und die Informationen zusammen. Es ist wie ein Mosaik aus ganz vielen Teilen. Beispielsweise hatte ich heute Morgen noch mit Erzieherinnen Kontakt, die mir erzählten, dass Kinder vor Müdigkeit fast vom Stuhl kippen, weil sie nachts in den Unterkünften nicht schlafen können und alles Mögliche erleben – Drogen, Prostitution, Alkohol, Gewalt. Frauen, die sich öffnen – es geht dann um Bulgarinnen oder Rumäninnen –, schildern, dass sie auf den Strich gehen, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, ihre Kindern durchzubringen. Es wird von Familien berichtet, die zwar wissen, dass für sie Kindergeld beantragt worden ist, aber davon noch keinen Cent gesehen haben. Der Grund: Die Leute, die diese Menschen hierher bringen, für sie möglicherweise eine geringfügige Beschäftigung besorgen, damit sie in den Leistungsbezug kommen, greifen die Bezüge ab und verdienen an den Migranten auch noch, indem sie sie in prekären Wohnverhältnissen leben lassen. Neulich sagte mir jemand, er wisse vom Schlafen im Dreischicht-System – hier in Lengerich.

Ist das alles glaubwürdig?

Kossen: Ich kann es nicht verifizieren, halte es jedoch für glaubwürdig.

Und wo arbeiten diese Menschen?

Kossen: Es gibt die Busse, die sehr früh morgens, sehr spät nachts Leute transportieren. Das muss erst einmal nichts bedeuten. Aber manche wissen ein bisschen mehr und berichten, dass sich die Fleischindustrie und andere Branchen durchaus der genannten Menschenvermittler bedienen.

Kindeswohl, das offenbar nicht gewährleistet ist, Mietwucher, Zwangsprostitution, da würde ich annehmen, dass das Fälle sind, um die sich Behörden kümmern müssten.

Kossen: Das Problem ist, dass die Menschen riesige Sprachschwierigkeiten haben, wenn sie in die Bundesrepublik kommen, und keinen Zugang zu Deutschkursen oder nicht wissen, wo sie solche Kurse absolvieren können. Es gibt zudem eine enorme Skepsis gegenüber Behörden, weil diese Migranten Ämter in ihren Heimatländern als korrupt und vielleicht sogar feindlich gesinnt erleben. Sie tun sich also sehr schwer, in eine Verwaltung, ein Rathaus zu gehen, obwohl da Hilfsmöglichkeiten wären, auch hier in Lengerich. Man staunt manchmal, wie lange Leute unter diesen Voraussetzungen in Abhängigkeiten gehalten werden können. Ich höre zum Beispiel aus Kindergärten oder vom Jobcenter, dass Leute offenbar unter immensen Druck stehen von den Personen, die sie hierher gebracht haben.

Gibt es Anhaltspunkte, wie groß die Zahl der Betroffenen in Lengerich sein könnte?

Kossen: Ich weiß aus der Statistik, dass wir um die 800 Rumänen und Bulgaren haben. Das ist eine große Zahl bezogen auf die Lengericher Bevölkerung, die aber erst einmal nichts bedeuten muss; schließlich ist längst nicht jeder von diesen Menschen in einer solchen Situation. Es gibt aber bestimmte Straßen und Unterkünfte, von denen Einheimische sagen, da „hausen“ ganz viele. Das deutet zumindest darauf hin, dass es keine Einzelfälle sind. Und es sind manchmal auch noch Polen oder Ungarn, die in diesen prekären Verhältnissen leben. Im Oldenburger Land sind vor Kurzem noch Arbeiter aufgegriffen worden, die rumänische Pässe hatten, faktisch aber Moldawier und Ukrainer waren.

Was kann ich als einzelner Bürger tun, was will der Arbeitskreis leisten?

Kossen: Es gibt Vorschriften für die Kommunen und für die Landkreise, was sie zulassen dürfen und was nicht. So sind den Behörden manchmal die Hände gebunden, wenn es um die Kontrolle von Privatunterkünften geht. Allerdings will wohl niemand, dass beispielsweise ein Brand in einer Unterkunft ausbricht, in der 20 Menschen auf engstem Raum leben. Da würde ich mir wünschen, dass Leute aus der Nachbarschaft klar sagen, das halten wir für problematisch.

An wen sollen die sich denn wenden? Sollen die zur Stadtverwaltung gehen?

Kossen: Ja, zum Ordnungsamt. Die Aufmerksamkeit beim Bürgermeister und den Fachdienstleitern ist in Lengerich da, das habe ich woanders schon anders erlebt. Und wenn sechs, acht, zehn Leute in einem Zimmer untergebracht sind, ist Mietwucher sicher auch ein Thema. Ich weiß, dass da oft schwer dranzukommen ist. Aber nichts tun verbessert die Situation nicht, sondern verschlechtert sie eher.

Und der Arbeitskreis?

Kossen: Ein Schlüssel könnte eine Rechtsberatung sein. Wir hatten jemanden da von der Fairen Mobilität aus Dortmund. Das ist ein Projekt des DGB, finanziert von Bund und Land, bei dem es niederschwellige, kostenlose Beratungen in der Muttersprache gibt. Das kriegen wir nicht ohne weiteres nach Lengerich, aber eine solche Rechtsberatung ist sicher ein Ziel.

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