Eisenbahntunnel Lengerich
581 Meter unter der Lupe

Lengerich -

Harte Arbeit an einem tristen Ort: Die DB Netz Instandhaltung hat den Lengericher Tunnel umfangreich inspiziert. Eine groß angelegte Aktion mit schwerem Gerät. Die WN haben die Fachleute der Bahn exklusiv bei ihrer nächtlichen Arbeit begleitet.

Dienstag, 23.10.2018, 06:20 Uhr aktualisiert: 23.10.2018, 07:11 Uhr
Gleichsam jeder Zentimeter der 581 Meter langen Tunnelröhre wird von den Experten begutachtet.
Gleichsam jeder Zentimeter der 581 Meter langen Tunnelröhre wird von den Experten begutachtet. Foto: Jens Keblat

Regionalbahnen, Intercitys, Güterzüge – sie alle fahren durch den Lengericher Tunnel. „Hier findet richtiger Mischverkehr statt“, sagt Philipp Nelle , der für den Tunnel zuständige Anlagenverantwortliche bei der Bahn. „Rund um die Uhr rollen hier die Züge.“ Normalerweise. Doch an diesem Tag ist alles anders.

Es ist kurz vor 23 Uhr. Bauingenieur Nelle, der seinen Sitz eigentlich in Münster hat, kann an diesem Abend – wie viele seiner Kollegen – nicht die Füße hochlegen. Er ist als Nachtschwärmer gefragt – dienstlich. Nur nebenbei kommt er bei dieser Aufgabe im Rahmen einer Rufbereitschaft auch noch seiner Funktion als Notfallmanager nach. In einem eigens dafür vorgehaltenen Einsatzfahrzeug ist er aus der rund 40 Kilometer entfernten Friedensstadt angerückt. Mit im Schlepptau: mehrere Pritschenwagen samt Fachleuten und Spezialausrüstung sowie weitere externe Fachkräfte für die Erdung der Bahnstrecke. Aus ganz NRW sind sie zusammengezogen worden für diesen doppelten Einsatz, wie sich später noch zeigen wird.

Lange im Voraus geplante Inspektion

Über die Schlesierstraße nähern sich die Bahn-Spezialisten den beiden Tunnelröhren. Über einen für Fahrzeuge etwas unwegsamen Weg geht es bis zum Eingang der alten, weitaus älteren Röhre. Noch ist es an diesem düsteren Ort stockfinster, kalt und mehr als herbstlich. Das Scheinwerferlicht von Nelles Einsatzfahrzeug (ein Allrad-Transporter) lässt einen flüchtigen Blick auf das zu, was offiziell von dem einstigen Lengericher Tunnel, der mit 765 Metern viel längeren Röhre, geblieben ist. Dieser wird heute nicht mehr von der Bahn genutzt.

Experten kontrollieren Lengericher Eisenbahntunnel

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Seine ganze Aufmerksamkeit gilt an diesem späten Abend dem neuen Tunnel. Zwei Jahre im Voraus sei dieser Einsatz geplant und angemeldet worden, sagt der Fachmann. Was ansteht? Eine Tunnelinspektion. Spätestens alle sechs Jahre muss diese großangelegte Aktion, sofern der Tunnel soweit in gutem Zustand ist, vorgenommen werden.

Auf ihren Pritschenwagen haben die Fachleute alles dabei, was sie für diesen Einsatz benötigen. Mit Kopflampen und Sicherheitskleidung bahnen sie sich den Weg gen Tunnel, während ein weiteres Team die Oberleitung geerdet hat. Im Bahnhof Lengerich hat zeitgleich weitere Unterstützung Halt gemacht – der ganze Stolz der Eisenbahner: das Tunnelinspektionsfahrzeug, kurz TIF. Aus Duisburg ist dieses gelbe Ungetüm, ein leer 76,5 Tonnen wiegendes, so genanntes schweres Nebenfahrzeug, angerückt. Gerade einmal zwei Exemplare hält die DB Netz Instandhaltung davon seit 2016 vor.

Voller Körpereinsatz

Bei dieser Inspektionstour soll das unter anderem mit drei Kränen ausgestattete Spezialfahrzeug dazu dienen, die komplette Tunnelröhre zu begutachten. Ganz langsam nähert sich das mit vier Fachleuten besetzte Gerät dem Tunnel. Nelle springt schnell auf diesen Zug auf. Die Stimmung an Bord ist gut. Die Begrüßung: mit festem Händedruck. Der Kaffee: schwarz – und stark.

Die Männer verschiedenen Alters widmen sich das ganze Jahr über dieser doch harten Arbeit. Mit vollem Körpereinsatz rücken sie jedem Tunnel in Deutschland zu Leibe, entdecken jede noch so kleine Unstimmigkeit, falls vorhanden. Der Lengericher Tunnel, sagen sie, stelle für sie aufgrund der Beton-Bauweise keine allzu große Herausforderung dar – so besonders er als Deutschlands nördlichster Tunnel, der durch ein Gebirge verläuft, auch sei. Noch viel ältere Tunnel seien da anspruchsvoller.

Nichts für schwache Nerven

Zwei der vier Männer stammen aus Leipzig, obwohl ihr Dienstsitz in Duisburg ist. Sie sind ständig unterwegs, meist zwei Nächte im Einsatz und dann wieder zwei Nächte Zuhause. Das kann an die Substanz gehen. Ihr Job ist nichts für schwache Nerven. Während das schwere Schienenfahrzeug im Schritttempo durch den 581-Meter-Tunnel rollt, steht ein Mann im Korb eines der Kräne, während der Fachbeauftragte für Tunnel- und Erdbauwerke, Thomas Göke, gemeinsam mit Fachmann Nelle auf dem Dach des gelben Riesen steht.

Er hämmert, ebenso wie sein Kollege im Korb, überstehendes Gestein und Beton von der Röhre. Immer wieder rieseln teilweise beachtliche Brocken von der Decke und den Wandseiten. Es ist mittlerweile weit nach Mitternacht, die Bahnstrecke ist noch immer komplett gesperrt und es ist kalt und zugig.

Echter Knochenjob

Unterdessen erneuert ein weiteres Team die Beschilderung innerhalb der Röhre. Eine Arbeit, die man praktischerweise direkt mit erledige, um eine weitere Sperrung zu vermeiden, sagt Nelle. So arbeite man immer bei der Bahn. Oberstes Gebot sei stets, dass der Schienenverkehr rollen kann. Einen echten Knochenjob erledigen sie bei der Netz Instandhaltung dafür.

Doch ihr Einsatz lohnt sich, am Ende der langen Nacht haben Tunnel und Fachleute die gesamte Inspektion ohne jede Blessur bestanden. Für Nelle und den Lengericher Tunnel bedeutet das auf einer knappen Skala von Neuzustand bis Sanierungsbedarf: Zustand zwei – von vier, so die Einordnung von Thomas Göke, der speziell für die Begutachtung solcher Bauwerke ausgebildet wurde.

Ein gutes Ergebnis für den fast auf den Tag genau 90 Jahre alten Tunnel. Wohl noch mindestens bis nach seinem 100. Geburtstag, schätzt Nelle, wird dieser Tunnel als bedeutendes Eisenbahnbauwerk auf der wichtigen Nord-Süd-Achse zwischen dem Ruhrgebiet und Hamburg ohne jede Einschränkung zur Verfügung stehen und wie selbstverständlich dazu beitragen, dass Pendler, Reisende und eilige Güter ihr Ziel erreichen.

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