Die Reichspogromnacht 1938 in Lengerich
Schlägertrupps in der Synagoge

Lengerich -

Wer in Lengerich aufmerksam die Münsterstraße entlang geht, kann in Höhe der Hausnummer 23 einen Stolperstein im Bürgersteig entdecken. Die schlichte, kleine Gedenktafel hat die Inschrift „Hier stand die Jüdische Synagoge Erbaut 1820/21 Zerstört 10.11.1938“ und erinnert an ein trauriges Kapitel der Lengericher Stadtgeschichte: die Reichspogromnacht im November 1938.

Donnerstag, 08.11.2018, 13:00 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 08.11.2018, 12:43 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 08.11.2018, 13:00 Uhr
Der Lengericher Rathausplatz in den 1920er Jahren. Am 10. November 1938 wurde dort ein Haus in Brand gesteckt.
Der Lengericher Rathausplatz in den 1920er Jahren. Am 10. November 1938 wurde dort ein Haus in Brand gesteckt. Foto: Stefan Herringslack

Die Gewalttaten des 10. November 1938 waren kein einmaliges Ereignis, sondern hatten ihren Nährboden in politischen Vorgängen in Deutschland seit 1933, seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Bereits am 1. April 1933 hatte der „Ausschuss der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gegen die jüdische Lügenpropaganda“ die „Deutschen Volksgenossen“ zum Kampf aufgerufen: „1. Deshalb kauft von heute ab niemand mehr beim Juden 2. Keiner spricht mehr mit ihm 3. Jeder Verkauf an den Juden ist ausgeschlossen 4. Niemand pflegt mehr Umgang mit ihm 5. Der Jude ist für uns Deutsche einfach nicht mehr da.“

Wenig später war in der Lokalzeitung zu lesen, „dass auch in Lengerich der ‚Boykott gegen das Judentum mit aller Schärfe und Disziplin‘ durchgeführt worden sei.“ Die Geschäfte der jüdischen Familien Daniel Meyer , Albersheim, Mildenberg, Gutmann und Neufeld wurden rasch zu Zielscheiben der Boykottaufrufe, ebenso der Viehhändler Löwenberg. Dies führte bald zu großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die Betroffenen.

Der Textilkaufmann Erich Gutmann aus Hohne wurde am 16. August 1935 von NSDAP-Mitgliedern überfallen und gewaltsam durch die Stadt getrieben – um den Hals trug er ein Schild mit den Worten: „Ich habe Christenfrauen geschändet!“ Er wurde für eine Woche in sogenannte Schutzhaft genommen; diese Maßnahme wurde vom damaligen Lengericher Bürgermeister und NSDAP-Mitglied August Steinriede ausdrücklich befürwortet.

Kurze Zeit später, am 15. September 1935, wurden auf einem Reichsparteitag die „Nürnberger Gesetze“ verabschiedet und die jüdischen Mitbürger auch juristisch ausgegrenzt. Es folgten weitere Gesetze, die unter anderem die Zulassung von jüdischen Ärzten und jüdischen Rechtsanwälten aufhoben.

Veranstaltungen von Heimatverein und Gewerkschaften

Der Arbeitskreis Stadtgeschichte im Heimatverein sowie der DGB-Ortsverband und der Verdi-Ortsverein organisieren am Freitag, 9. November, Veranstaltungen anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht. Die für jedermann offene Gedenkveranstaltung des Heimatvereins beginnt um 17 Uhr auf dem Parkplatz neben der Gempt-Halle – in der Nähe stand einst die Synagoge – mit Musik und Wortbeiträgen. Anschließend geht es zu Stolpersteinen auf den Rathausplatz, wo mit Texten an jüdische Mitbürger erinnert wird. Das Ende wird dann am Ehrenmal an der Stadtkirche sein. DGB und Verdi sind zuvor von 11 bis 16 Uhr mit einem Informationsstand in der Fußgängerzone präsent. Auch sie wollen an die jüdischen Mitbewohner erinnern und zugleich ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus setzen.

...

Auslöser – und willkommener Vorwand – für die Ereignisse des 9. und 10. November 1938 war das Attentat des 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in Paris. Als die in München versammelte NSDAP-Führung vom Tod vom Raths am Abend des 9. November erfuhr und Propagandaminister Josef Goebbels die Stimmung durch eine Hass-Rede aufheizte, sandte der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, noch in der Nacht ein Fernschreiben an alle Staatspolizeistellen, in dem Richtlinien für die „Demonstrationen gegen die Juden“ ausgegeben wurden.

In Lengerich waren am Abend des 9. November Parteimitglieder und Sympathisanten im Saal Maug versammelt, um der „Gefallenen der Bewegung“, wie man die Opfer des Hitler-Putsches von 1923 nannte, zu gedenken. Zuvor hatte der Lengericher Ortsgruppenleiter Meyer im Tecklenburger Landboten bekanntgegeben: „Ich erwarte, dass alle Parteigenossen und Parteianwärter an der Feierstunde am 9. November, die um 20 Uhr in der Gastwirtschaft Maug stattfindet, teilnehmen.“

Als die Nachricht vom Tode vom Raths bekannt wurde, kam es noch in der Nacht zu Zerstörungen beim Metzgerladen Neufeld an der Osnabrücker Straße. Am Abend des 10. November drangen Schlägertrupps in die Synagoge an der Münsterstraße ein, zertrümmerten die Inneneinrichtung und warfen das gesamte Mobiliar auf die Straße. Wegen der angrenzenden Gebäude wurde wohl darauf verzichtet, das Gebäude in Brand zu setzen. Ein Lengericher sagte später: „Es sah in dieser Synagoge aus wie auf einem Müllhaufen.“

Das Haus der Witwe Albersheim am Rathausplatz wurde in Brand gesteckt – der heranrückende Löschzug der Feuerwehr bekam die Anweisung, lediglich den angrenzenden Römer und die Stadtkirche vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen. Ihr Sohn Eugen Albersheim wurde – zusammen mit Hermann Abrahamson, Norbert Neufeld und dem Familienvater Felix Neufeld – im Rathauskeller für acht Tage in Schutzhaft genommen. Sie entgingen nur durch zufällige Umstände einer Überstellung in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Die heimische Presse hatte schon am 8. November durch einen ganzseitigen Bericht mit der Überschrift „Deutscher Diplomat niedergeschossen. Jüdische Mordbanditen in der Deutschen Botschaft in Paris“ die Stimmung innerhalb der Lengericher Bevölkerung kräftig angeheizt und vom „jüdischen Verbrechergesindel“ geschrieben. Zwei Tage nach dem Pogrom in Lengerich kommentierte der „Tecklenburger Landbote“ – völlig auf der Linie der Partei – das Geschehen mit folgenden Worten: „Gerechte Empörung. Die schmerzvolle Nachricht von dem Ableben des von feiger jüdischer Hand niedergeschossenen Gesandtschaftsrates vom Rath hat, wie überall im Reich, auch in Lengerich eine Welle tiefster Empörung ausgelöst. War die Erbitterung über das Attentat des Judenbengels Grünspan schon groß genug, so machte sich die Empörung der Bevölkerung bei Eintreffen der Nachricht von dem Tode des deutschen Diplomaten gewaltsam Luft. In der Stadt kam es zu judenfeindlichen Kundgebungen. Ein größerer Trupp empörter Volksgenossen drang in die Synagoge ein und zerstörte die gesamte Einrichtung. Die weiteren Aktionen richteten sich gegen die jüdischen Geschäfte und Wohnungen.“

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