Gedenken an Reichspogromnacht
Zeichen für Toleranz, gegen Gewalt

Lengerich -

Ein Zeichen für Toleranz und gegen Gewalt – das hat der Heimatverein mit der Gedenkveranstaltung zu den Geschehnissen in Lengerich in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 setzen wollen. Es ist gestern Abend ein überaus deutliches Zeichen geworden.

Samstag, 10.11.2018, 06:20 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 10.11.2018, 06:18 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 10.11.2018, 06:20 Uhr
Einen Blick in die jüdische Geschichte der Stadt vermittelte Dr. Wolfhard Beck den Teilnehmern am Standort der ehemaligen Synagoge. Auf dem Rathausplatz erinnern zwei „Stolpersteine“ an die jüdische Familie Albersheim (kleines Bild).
Einen Blick in die jüdische Geschichte der Stadt vermittelte Dr. Wolfhard Beck den Teilnehmern am Standort der ehemaligen Synagoge. Auf dem Rathausplatz erinnern zwei „Stolpersteine“ an die jüdische Familie Albersheim (kleines Bild). Foto: Michael Baar

Mit 50 Teilnehmern hatte Initiator Bernd Hammerschmidt gerechnet. Weit über 100 Menschen machten sie auf die Spurensuche vom Standort der ehemaligen Synagoge an der Münsterstraße bis zum Mahnmal an der Stadtkirche.

„Ohne Erinnerung gibt es keine Kultur, keine Zivilisation, keine Gesellschaft, keine Zukunft.“ Mit diesen Worten des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel eröffnete Dr. Alois Thomes, Vorsitzender des Heimatvereins, eine nachdenklich stimmende, aber auch Hoffnung machende Veranstaltung. 1820/1821 gebaut, wurde die Lengericher Synagoge am 10. November 1938 zerstört.

Vermutlich sei sie nur deshalb nicht abgebrannt worden, weil die Nachbarhäuser zu nahe standen, gab Dr. Wolfhard Beck einen Einblick in die Geschehnisse vor 80 Jahren. Der Historiker hat in Lengerich sein Abitur gemacht und am Buch „Geschichte der Juden in Lengerich“ mitgearbeitet. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten seien die Juden „fester Bestandteil der Gesellschaft“ gewesen.

Was sich in der Nazi-Hochburg Lengerich in den 1930er Jahren schlagartig änderte. Schülerinnen des Hannah-Arendt-Gymnasiums zitierten auf dem Rathausplatz aus Briefen von Mitgliedern der jüdischen Familie Albersheim.

Ergreifend die Schilderungen der 1944 in Lengerich geborenen Helga Bardelmeier. Sie habe nie eine jüdische Gedenkstätte besuchen wollen. Als sie es doch tat, sei ihr erster Blick auf den Schriftzug Lengerich gefallen – in der Liste der Orte, in denen es keine jüdische Gemeinde mehr gibt.

Nur stockend erzählt sie ein Geschehnis, dessen Hintergrund sie erst Jahre später erfahren hat. Als 16-Jährige feierte sie mit der Schule den Abschlussball in einem Saal. „Wir wussten nicht, dass dort im Krieg KZ-Häftlinge arbeiten mussten“, versagt ihr fast die Stimme.

Vor dem Mahnmal an der Stadtkirche schlägt Dr. Alfred Wesselmann den Bogen zum Ende des Ersten Weltkriegs am 9. November 1918. Ein Datum, das nur wenige Jahre später schon in Bezug mit den Nationalsozialisten steht, als Adolf Hitler am 8. und 9. November 1923 mit dem Marsch zur Feldherrnhalle in München zum Putsch aufrief.

„Wir müssen uns engagieren für die Gemeinschaft, für den Zusammenhalt der Gesellschaft“, sagt Wilhelm Möhrke. Der Bürgermeister dankt ausdrücklich dem Heimatverein, „der sich dieser dunklen Seite der Lengericher Geschichte zugewandt hat“.

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