Wohnstätten für Psychisch-Behinderte
Mit ehrenamtlichem Engagement fängt´s an

Lengerich -

Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen ein Leben in Würde und größtmöglicher Selbstbestimmung zu ermöglichen – diesem Ziel hatten sich in den 1970er Jahren engagierte Lengericher Bürger verschrieben. 1974 gründeten sie den „Förderkreis für psychisch Erkrankte und Behinderte e.V. Lengerich“.

Samstag, 08.12.2018, 18:15 Uhr aktualisiert: 08.12.2018, 18:40 Uhr
Leben wie in einer großen Familie: Wohnstättenbewohner mit Mitarbeiterin Jana Schulte (rechts) und Antje Simkes (3. von links). Die Hausleiterin hat 30 Jahre Psychiatriegeschichte hautnah miterlebt.
Leben wie in einer großen Familie: Wohnstättenbewohner mit Mitarbeiterin Jana Schulte (rechts) und Antje Simkes (3. von links). Die Hausleiterin hat 30 Jahre Psychiatriegeschichte hautnah miterlebt. Foto: Reha GmbH

Dieser richtet in den folgenden Jahren insgesamt drei Wohnstätten für ehemalige Klinik-Patienten ein. In diesem Jahr feiern alle Wohnstätten, die mittlerweile zur Reha GmbH für Sozialpsychiatrie gehören, Jubiläen: Seit 25, 30 und 35 Jahren bieten sie insgesamt 35 Menschen mit seelischen Erkrankungen ein familiäres Zuhause. Ein guter Grund, einen Blick zurück zu werfen.

„Menschen mit psychischen oder geistigen Behinderungen wurden damals eher weggesperrt und verwahrt als adäquat behandelt“, erinnert sich Herbert Isken, Geschäftsführer der Reha GmbH. „Viele Betroffene lebten dauerhaft in Kliniken, häufig in großen Schlafsälen ohne jegliche Privatsphäre. Eine soziale Rehabilitation fand praktisch nicht statt.“ Die meisten von ihnen litten neben ihrer ursprünglichen Erkrankung noch an zusätzlichen Störungen, hervorgerufen durch Hospitalismus.

Zunächst ehrenamtlich kümmerte sich der Förderkreis um Langzeitpatienten der Klinik. 1983 zog dann eine komplette Station aus der LWL-Klinik in die erste Wohnstätte des Vereins an der Bergstraße. Fünf Jahre später folgten weitere 15 Patienten, die eine umgebaute Villa an der Rahestraße bezogen. 1993 schließlich richtete der Verein ein Haus für sieben Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen, ebenfalls an der Bergstraße, ein.

Antje Simkes, Hausleiterin in der Wohnstätte Rahestraße, ist von Beginn an dabei: „Die damaligen Bewohner hatten alle viele Jahre in Kliniken gelebt. Es gab oft Streit unter den Bewohnern, viele hatten Probleme mit Aggressionen“, erinnert sich die 55-jährige Sozialpädagogin. „In den psychiatrischen Kliniken ging es früher ja ganz anders zu. Pädagogische Maßnahmen liefen vor allem über Strafen, manchmal auch über körperliche Sanktionen.“ Antje Simkes und ihre Kollegen brauchten mehrere Jahre, um die Verhaltensauffälligkeiten der Bewohner abzubauen.

Wer heute die große Villa an der Rahestraße betritt, bemerkt von den Schwierigkeiten der Anfangsjahre nichts mehr. Es geht zu wie in einer Großfamilie, allerdings wahrscheinlich etwas entspannter. Die 65-jährige Rita steht am Wohnzimmertisch und faltet Wäsche, während Christoph die Spülmaschine ausräumt. Matthias bereitet sich gerade eine kleine Zwischenmahlzeit zu und Uli schaut eine Pop-Sendung. Die Musik ist ziemlich laut, aber das stört niemanden.

Die Jüngeren haben sich ohnehin verzogen. Rene sitzt in seinem Zimmer vor dem Laptop – wie das 20-Jährige eben so machen. Zwei Räume weiter ist Silvia in ein Buch vertieft. Die meisten von ihnen waren heute schon arbeiten – in einer der Einrichtungen der Ledder Werkstätten. 15 Bewohner im Alter von 20 bis 88 Jahren leben in der Wohnstätte zusammen. Und sie fühlen sich offensichtlich dort wohl und verstehen sich gut. In dem riesigen Wohnzimmer wird viel gelacht und gescherzt.

Die 32-jährige Silvia ist vor fünf Jahren in die alte Villa an der Rahestraße gezogen und es gefällt ihr besser als zuHause. „Alle sind immer so nett“, sagt sie. Matthias, der vor einem Jahr dazu gekommen ist, sieht das genauso: „Wir haben hier eine so schöne Atmosphäre. Und wir unternehmen viel zusammen.“ Aktiv sein Leben gestalten entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen – dazu ermutigen und befähigen die Mitarbeiter die Bewohner.

„Wir sehen nicht die ganze Zeit auf die Krankheit der Einzelnen, sondern auf ihre individuellen Fähigkeiten“, berichtet Antje Simkes. „Und wir ermutigen sie, mit diesen Fähigkeiten eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln.“ Christoph, Matthias und einige andere gehen regelmäßig zum Sport. Silvia hat ihren Spaß am Shoppen entdeckt. Außerdem geht sie gerne tanzen, wie andere junge Frauen auch. Rene, der fit am Computer ist, macht gerade eine Ausbildung bei den Ledder Werkstätten.

Seit der Gründung der Wohnstätten hat sich die Psychiatrie glücklicherweise stark geändert und damit auch die Herausforderungen für die Mitarbeiter. Die Bewohner kämen heute meistens nicht mehr aus psychiatrischen Kliniken, sondern aus den Elternhäusern, berichtet Antje Simkes. Häufig seien sie sehr behütet aufgewachsen.

In der Wohnstätte lernen sie, mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu entwickeln. „Es ist gut gemeint, aber leider kümmern sich viele Eltern so lange um ihre behinderten Kinder, bis sie selbst erkranken oder versterben.“ Zu dem erforderlichen Umzug in eine stationäre Einrichtung käme dann noch der schwere Verlust. Besser sei es, den Umzug rechtzeitig vorzubereiten und familiär zu begleiten, solange die Eltern das noch könnten.

Auch Ulrich ist nach dem Tod seiner Eltern vor drei Jahren in die Wohnstätte gezogen. Seine Geschwister hatten den Platz für ihn ausgesucht. Und damit ist der 53-Jährige sehr zufrieden: „Hier ist es gut. Das haben meine Geschwister richtig gemacht.“

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