Weihnachtsessen „Gemeinsam gegen Einsamkeit“
Jeder geht auf den anderen zu

Lengerich -

Weihnachten alleine verbringen – für die meisten keine schöne Vorstellung. Die katholische Kirchengemeinde hatte am 24. Dezember Menschen jeden Glaubens eingeladen. Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Einsamkeit“ saßen sie an einer festlichen gedeckten Tafel.

Mittwoch, 26.12.2018, 17:57 Uhr aktualisiert: 27.12.2018, 17:28 Uhr
Festlich gedeckt war die Tafel für die Gäste, die an Heiligabend zum Essen ins St.-Margareta-Gemeindehaus kamen.
Festlich gedeckt war die Tafel für die Gäste, die an Heiligabend zum Essen ins St.-Margareta-Gemeindehaus kamen. Foto: Gernot Gierschner

Der Duft von Sonntagsbraten zieht an Heiligabend durch das Gemeindehaus von St. Margareta. Pfarrer Peter Kossen und Diakon Ernst Wellenbrink haben zum großen Festtagsessen eingeladen. „Gemeinsam gegen Einsamkeit“ lautet das Motto der ungewöhnlichen weihnachtlichen Zusammenkunft. „Alle, ob katholisch oder einem anderen Glauben angehörend, sind herzlich willkommen, diesen Abend mit uns zu verbringen,“ so Pfarrer Kossen.

Ernst Wellenbrink trägt heute eine karierte Schürze über seinem schwarzen Anzug, denn er ist für das Menü zuständig und pendelt zwischen den Gästen und der Küche ständig hin und her. Gut gelaunte Menschen schauen schnell einmal herein, ein Händedruck oder eine Umarmung, ein Kuss auf die Wange und ein „frohes Weihnachtsfest“ wünschend, sind sie auch schon wieder in der Dunkelheit verschwunden.

Überzählige Stühle werden nach dem Gottesdienst zurück ins Gemeindehaus getragen, jeder packt mit an. Es gibt Lob für das Krippenspiel, die Freude über die vielen Gottesdienstbesucher ist spürbar. Draußen kreischen die Kinder vor Freude. Es ist eine der kleinen Geschichten dieses Abends: Ein Vater hat zur Überraschung der Kleinen vor der Kirche eine Kunstschnee-Kanone aufgebaut.]

Viele haben es nach dem Kirchgang eilig, nach Hause zu kommen, zur Familie, zu Freunden und zur Bescherung.

„17 Anmeldungen zum Essen haben wir, aber keine Ahnung wie viele wirklich kommen. Wir wollen es ausprobieren und ein Angebot machen“, sagt Ernst Wellenbrink. Pfarrer Kossen tritt hinzu und bringt den ersten Gast mit.

Antonio (Namen ist geändert) ist Rumäne und arbeitet, wie mancher seiner Landsleute, auf einem Schlachthof in der Region. Untergebracht ist er in einer Unterkunft in einem ehemaligen Hotel in Lengerich. Er möchte nicht wie viele seiner Kollegen in einem überfüllten Zimmer hocken bei Dosensuppen und viel, viel Alkohol. Antonio ist allein in Deutschland. Seine Brüder und Schwestern leben in Italien, wo auch er schon gearbeitet hat. „Alle sagen Deutschland bessere Arbeit, aber nix gute Arbeit! Und nix verstehen.“

Pfarrer Kossen, der sich dem Thema der Ausbeutung von Arbeitsmigranten verschrieben hat, erklärt die Missstände: „In Zwölf-Stunden-Schichten rund um die Uhr und im Akkord wird gearbeitet und wenn am Ende des Monats 1000 Euro zusammenkommen, hat man Glück gehabt. Davon muss dann noch die Unterkunft, die Verpflegung und zum Beispiel die Instandhaltung der Messer bezahlt werden. Hinzu kommen Heimweh und Einsamkeit.“

Ist die Verständigung für Antonio, der praktisch kein Deutsch (aber Italienisch und etwas Englisch) spricht, auch schwierig, so ist er doch kontaktfreudig und offen. Überhaupt ist die Stimmung unter den Gästen weder bedrückt noch verkrampft, sondern offen und heiter. Jeder geht auf den anderen zu, man begrüßt sich und ist sofort im Gespräch miteinander.

Da ist zum Beispiel Hermann, der einfach nur mit dem Vornamen genannt werden möchte. Er erweist sich im Verlauf des Abends als belesener und ausdrucksstarker Gesprächspartner. Ob große Weltpolitik oder lokale Geschichten aus Lengerich, zu allen Themen kann er sein fundiertes Wissen einbringen und trägt so zum bunten Gesprächskanon der Tischrunde bei.

Sadegh (Name geändert) ist vor drei Jahren aus Afghanistan geflüchtet und heute mit seiner Betreuerin aus Lienen hier. Er fühlt sich als einziger Afghane in der Flüchtlingsunterkunft auch einsam und freut sich, an diesem so besonderen Tag im Gemeindehaus zu sein. Er spricht sehr gut Deutsch, lacht und scherzt trotz eines üblen Schnupfens.

Nachdem einem Geburtstagskind unter den Gästen ein kleines Ständchen gesungen worden ist, bittet Pfarrer Kossen zu Tisch. Für jeden Gast steht ein kleines Geschenk bereit: eine Kerze, eine Weihnachtskarte und ein kleines Schächtelchen mit Süßigkeiten.

Zu den Schächtelchen gibt es eine weitere kleine Geschichte: Die sorgfältig aus Kalenderblättern, Geschenkpapier oder Zeitschriften-Seiten gefalteten Objekte werden von dem Tecklenburger Künstler Rudolf Berse gestaltet. Und zwar nur mit der linken Hand, da er nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist. Sein Können erinnert an Hellen Keller (1880-1968). Die taub-blinde amerikanische Schriftstellerin sagte einst: „Nur mein Wille begrenzt mein Tun!“

Dann beginnt das Essen. „Eigentlich sollte es den traditionellen Kartoffelsalat mit Würstchen geben, aber Ernst Wellenbrink bestand darauf, ein Dreigänge-Menü zu zaubern“, verrät Pfarrer Kossen. Es gibt zum Auftakt eine Rinderkraftbrühe mit Einlage, bevor mit gebratener Entenbrust der Hauptgang serviert wird. Dazu gibt es Rotkraut, Kartoffeln und verschiedene Salate. Den Abschluss bildet eine leckerer Süßspeisenklassiker, Herrencreme.

Die anregenden Gespräche werden vom Essen kaum gestört, es wird über das Leben und Sterben der letzten Päpste philosophiert und die Aussichten, als „fortschrittlicher“ Bischof einmal Papst zu werden, abgeschätzt. Satt und in bester Stimmung klingt der Abend mit einem Besuch an der Krippe in der Kirche aus. Fast alle Gäste sind sich einig, auch noch zur Christmette, die um 22 Uhr beginnt, zu bleiben.

Pfarrer Kossen und Ernst Wellenbrink sind als Gastgeber sichtlich zufrieden. Sie denken bereits daran, die Einladung im nächsten Jahr zu erneuern. Dann möchten sie noch mehr einsame Menschen erreichen.

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