Autobahnwärter auf der A1 und A30
Immer auf dem Sprung

Lengerich/Osnabrück -

Eigentlich hätte Martin Kipker im vergangenen Jahr dreimal Geburtstag feiern müssen, sagen die Kollegen. Der Lengericher ist Autobahnwärter in der Meisterei Lengerich und hat über seinen Beruf zu erzählen.

Montag, 14.01.2019, 06:18 Uhr aktualisiert: 14.01.2019, 06:30 Uhr
Martin Kipker ist Autobahnwärter. Allein im vergangenen Jahr sprang er dem Tod zweimal knapp von der Schippe.
Martin Kipker ist Autobahnwärter. Allein im vergangenen Jahr sprang er dem Tod zweimal knapp von der Schippe. Foto: David Ebener

Das erste Mal am 10. Januar. Ein kalter Nachmittag war das auf der Autobahn 30 bei Lotte. Den ganzen Tag hatte der Autobahnwärter der Meisterei Lengerich eine Firma abgesichert, die Gehölz an der Strecke zurückschnitt. Die rechte Fahrspur hatten sie gesperrt, Autos waren links etwas schneller vorbeigerast, als es die Schilder erlaubten, der Wind hatte gepfiffen.

Die Holzarbeiter rückten ab. Kipker war gerade dabei, die Absperrtafel an seinen Unimog zu koppeln, als Kollegen mit einem Bulli vorbeifuhren. Der 46-Jährige winkte sie heran und stieg kurz ein. „In dem Moment sehe ich, wie ein Lkw hinter mir in die Tafel pfeffert. Ich hätte genau dazwischengestanden.“

Kipker ist der Typ Mensch, bei dem viel passieren muss, bis sein breites Grinsen aus dem Gesicht weicht. Er hat Lachfalten um die Augen, breite Schultern, den Kopf rasiert. Fotos vom ersten Unfall zeigen die eingedrückte Front des Lastwagens, verbeulte Stahlstreben der Warntafel und Scherben auf der Fahrbahn. Der Autobahnwärter hat die Bilder in eine Mappe geheftet. Zu den anderen Fotos von Unfällen, die er oder seine Kollegen erlebt und glücklicherweise auch überlebt haben.

„Es gibt eigentlich keinen Straßenwärter, der nicht schon mal springen musste, weil ihn sonst ein Auto erwischt hätte“, sagt Manfred Weiligmann. Er leitet die Autobahnmeisterei Lengerich. Seine Leute unterhalten und sichern die Autobahn 1 zwischen den Ausfahrten Münster-Nord und Osnabrück-Hafen sowie die A 30 zwischen Rheine-Nord und Hasbergen-Gaste. 83 Kilometer Strecke insgesamt. Die Straßenwärter sind jeden Tag draußen: Baustellen absichern, Strecken beschildern, Grün pflegen, Schnee pflügen. Der Verkehr fließt dabei in der Regel an ihnen vorbei.

Das Risiko eines Straßenwärters, bei einem Arbeitsunfall ums Leben zu kommen, sei 13-mal höher als in jedem anderen Job in der gewerblichen Wirtschaft, sagt Michael Höhne, leitender Sicherheitsingenieur beim Landesbetrieb Straßen.NRW, dem auch die Autobahnmeistereien unterstehen. Seit 1993 starben 19 Beschäftigte von Straßen.NRW bei Unfällen durch Fremdverschulden. Eine Gefahrenzulage gibt es in dem Job nicht.

Dass Martin Kipkers Name bisher auf keiner Gedenktafel steht, verdankt er einer Riesenportion Glück – und möglicherweise einem unterbewussten Gespür fürs richtige Timing. Am 15. Januar feierte der Straßenwärter seinen 46. Geburtstag. Vier Monate später, am 16. Mai, hätte er eigentlich ein drittes Mal auf sich und das Leben anstoßen müssen. Auf der A 30-Auffahrt Ibbenbüren-West erneuerten Straßenarbeiter den Belag. Kipker sicherte die Baustelle. Abends bauten sie ab und koppelten die Sicherungsanhänger an den Meisterei-Lkw. Da wollte Kipker einsteigen, aber er fuhr erst noch einmal mit dem kleinen Transporter vor, um Warnhütchen einzusammeln. In dem Moment raste ein Lastwagen auf die Vorwarner und den angekoppelten Lkw. Der Aufprall war gewaltig. „Nur wenige Augenblicke später hätte ich in dem Lkw gesessen“, sagt Kipker.

Auch von diesem Unfall gibt es Fotos. Sie ähneln jenen von Januar. Kipker breitet sie auf einem der Tische im kargen Besprechungsraum vor sich aus. Von den Gefahren seines Jobs erzählen – kaum einer könnte das so gut wie Kipker.

Dass manch ein Autobahnwärter die Gefahren seines Berufs mit dem Leben bezahlt, weiß Kipker spätestens seit dem 30. Juni 1993. Ein Jungspund war er damals, 21 Jahre alt. In der Kehrmaschine hörte er über den Gruppenfunk seinen damaligen Chef: „Alle Mitarbeiter direkt zur Meisterei kommen.“ Eine Kollegin war tot, eine der ersten Frauen in NRW, die den männerdominierten Beruf der Autobahnwärterin ergriffen hatten. Ein 3,5-Tonner hatte ihr Fahrzeug gestreift und die junge Frau voll erwischt. Heute erinnert ein Gedenkstein an der Zufahrt zur Meisterei an die Kollegin.

Doch die Tafel ist nicht die einzig sichtbare Folge des Unfalls. Kipker und seine Kollegen fühlten sich damals alleingelassen in ihrer Trauer. „Der Fahrer kam irgendwann vor Gericht, aber wir haben davon nichts gehört. Es gab, wenn überhaupt, nur schleppende Informationen“, beklagt Kipker. In ihrer Wut schrieben er und eine Kollegin aus der Verwaltung gemeinsam einen Brief. Die Zeilen gipfelten in der bitteren Erkenntnis: „Das Leben eines Straßenwärters ist nicht viel wert.“

Womit Kipker nicht rechnete: Das Schreiben schlug hohe Wellen. Der Landesrat kam in die Meisterei, eine Kommission wurde gebildet, Kipker sollte ihr angehören. Sie sollten ein Mahnmal für alle im Dienst gestorbenen Straßenwärter in NRW entwerfen. 1999 feierten sie dessen Einweihung an der A 31 bei Gescher (Kreis Borken). Noch heute wird dort einmal im Jahr der toten Kollegen gedacht.

Über drei gute Jahre durften sie sich bei Straßen.NRW in der jüngsten Vergangenheit freuen. Drei Jahre ohne tödliche Unfälle von eigenen Straßenwärtern. Insgesamt ist die Zahl der „fremdverursachten Unfälle mit Personenschaden“ rückläufig, wie eine betriebseigene Statistik zeigt. 2018 gab es bei Unfällen drei verletzte Straßenwärter, noch in den 1990er-Jahren waren im Schnitt 25 bis 30 Verletzte pro Jahr zu beklagen. „Deutschlandweit betrachtet, gibt es leider immer noch drei bis vier tödlich verunglückte Straßenwärter jährlich“, sagt Höhne.

Hauptverursacher der Unfälle mit Straßenwärterbeteiligung sind mit einem Anteil von 60 Prozent Lkw. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts für Straßen- und Eisenbahnwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Analyse stammt zwar aus dem Jahr 2007, die Kernaussagen hätten aber noch heute Gültigkeit, sagt Matthias Zimmermann, der die Studie maßgeblich betreut hatte. In ihr heißt es: „Ursachen sind nur für einen kleinen Teil der Unfälle dokumentiert, die Unfallhergänge lassen aber größtenteils auf eine mangelnde Aufmerksamkeit der Fahrer schließen.“

Wer ist denn auf Autobahnen so unaufmerksam, dass er sämtliche blinkenden Warnschilder übersieht? Sicherheitsingenieur Höhne beantwortet die Frage mit Gesten: Finger, die auf einer imaginären Handytastatur tippen. Ein abgesackter Kopf und geschlossene Augen. „Trucker sind arme Schweine, ich will nicht tauschen müssen“, sagt Höhne. Aber 40-Tonner, gelenkt von übermüdeten Fahrern, seien eine potenziell tödliche Bedrohung für seine Kollegen. Da hört das Verständnis auf.

Immer wieder stellen die Straßenbaubetriebe der Länder ihre Sicherheitsvorkehrungen auf den Prüfstand. Die Abstände zwischen Vorwarnern wurden optimiert. Warnpfeile strahlen in weithin sichtbarer LED-Technik. Absperrtafeln sind mit einer Funktechnik ausgestattet, die Lkw-Fahrer in ihrer Landessprache erreicht und vor dem Hindernis warnt. Immer häufiger werden Warnschwellen ausgelegt, die unaufmerksame Fahrer im letzten Moment „wachrütteln“. Straßen. NRW testet zudem sogenannte TMAs. Das sind Aufprallverzögerer, die ähnlich einem Airbag eine Knautschzone zwischen Betriebsfahrzeug und auffahrendem Lastwagen schaffen.

Immer mehr Landesbetriebe sensibilisieren ihre Mitarbeiter in Risikoparcours. NRW war ein Vorreiter, die Initiative kam aus der Belegschaft. Bei all der Routine gerate ein Nachdenken über die Gefahren ins Hintertreffen. Der Parcours schult beim Personal wichtige Kernfähigkeiten nach: Schätzen Mitarbeiter Geschwindigkeiten und Entfernungen richtig ein? Wie überquert man eine zweispurige Autobahn? Was ist zu tun, wenn man dabei einen Schraubenschlüssel fallen lässt?

Auch in Niedersachsen durchlaufen alle Straßenwärter inzwischen einen solchen Risikoparcours. Drei tödliche Unfälle durch Fremdverschulden gab es dort in den vergangenen vier Jahren. „Es ist wie bei der Seefahrt, wo es heißt: Immer eine Hand fürs Schiff. Unsere Mitarbeiter brauchen immer ein Auge und ein Ohr für die Straße“, sagt Cord Lüesse, der bei der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr den Geschäftsbereich Osnabrück leitet. Unfälle mit verletzten oder gestorbenen Kollegen stecke kaum einer einfach so weg, so Lüesse. Für solche Fälle gebe es seelsorgerische und psychologische Angebote.

Auf professionelle Hilfe bei der Aufarbeitung seiner Beinahe-Unfälle hat Martin Kipker bisher verzichtet. „Mir hilft es zu reden. Ich erzähle das zu Hause und auch sonst jedem, der es vielleicht gar nicht wissen will“, sagt der Familienvater. Sein Sohn ist elf, seine Tochter 14. „Du musst immer aufpassen“, sagte sie kürzlich zu ihm.

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