Neujahrsempfang der AWO mit Franz Müntefering
Ein Plädoyer für die Grundrechte

Lengerich -

Prominenz beim Neujahrsempfang des AWO-Kreisverbandes in Lengerich: Franz Müntefering, Ex-SPD-Vorsitzender und Ex-Vizekanzler, hielt eine Rede, in der er die fast 100-jährige Geschichte der Arbeiterwohlfahrt rekapitulierte, aber auch auf aktuelle Entwicklungen einging.

Montag, 21.01.2019, 05:12 Uhr aktualisiert: 21.01.2019, 05:20 Uhr
Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering würdigte die Arbeit der AWO, die vor fast 100 Jahren gegründet wurde.
Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering würdigte die Arbeit der AWO, die vor fast 100 Jahren gegründet wurde. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Franz Müntefering ist nicht nur ein ebenso prominentes wie langjähriges Mitglied der SPD , sondern auch der Arbeiterwohlfahrt seit Langem verbunden. Seit wann er zur AWO gehöre, könne er gar nicht exakt sagen, räumte der ehemalige Vizekanzler am Sonntagvormittag im Lengericher Begegnungszentrum des Wohlfahrtsverbandes ein. So um die 50 Jahre dürften es aber schon sein. Der prominente Gast war somit prädestiniert, um die Festrede beim Neujahrsempfang des Kreisverbandes zu halten. Und da die AWO im Dezember 100 Jahre alt wird, nahm Müntefering das zum Anlass, historisches Geschehen mit der Gegenwart zu verknüpfen.

Unter anderem verwies der ehemalige Vorsitzende der SPD vor mehr als 100 Besuchern darauf, dass die AWO während der Weimarer Republik für den Aufbau eines Sozialstaates gekämpft habe. Hilfe für Bedürftige habe es zwar auch schon zuvor gegeben, doch die Gründerin Marie Juchacz und ihre Mitstreiter hätten sich dafür eingesetzt, dass Hilfe nicht mehr als „Geschenk“ daherkomme, sondern es einen Anspruch darauf gebe – etwa in Form der Arbeitslosenversicherung, die Mitte der 1920er eingeführt worden sei.

Müntefering betonte, dass die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg schwierig gewesen seien. Hohe Reparationszahlungen und Wirtschaftskrisen seien ein Beleg dafür. Die Entwicklung mündete 1933 im Sieg der Nationalsozialisten, die, so der SPD-Politiker, „in einer unglaublichen Größenordnung“ von den Deutschen gewählt worden seien. Das nahm Müntefering zum Anlass für einen flammenden Appell mit Blick auf die Europawahlen im Mai. Dann müsse es gelingen, dass es eine „klare, deutliche Mehrheit für die demokratischen Kräfte“ gebe. Deutschland komme dabei eine wichtige Rolle zu. „Europa ist unsere Geschichte“ mit einer seit 74 Jahren andauernden Friedens-Ära, die es so noch nie gegeben habe. Aussagen, die mit viel Applaus bedacht wurden.

Zudem erinnerte der Festredner daran, dass Deutschland nach 1945 beileibe nicht immer eine liberale und offene Demokratie gewesen sei, vielmehr lange „ein vermieftes Land“. Müntefering sprach von Parlamenten, die „reine Männergesellschaften waren“, und davon, dass für Frauen das Motto „Kinder, Küche, Kirche“ gegolten habe.

Die „Messlatte“ für das gesellschaftliche Zusammenleben seien die im Grundgesetz verankerten Grundrechte der Menschen. Diesen gerecht zu werden, müsse das Streben gelten. Das gelte nicht allein für die Politik, jeder Einzelne müsse daran mitwirken. Müntefering nannte in diesem Zusammenhang jene „30 Millionen Ehrenamtlichen in Deutschland“, die sich in den verschiedensten Bereichen engagierten. Er sehe es „mit Bekümmernis“, wenn etwa in der Lokalpolitik immer weniger Menschen bereit seien, ein Amt zu übernehmen, gleichzeitig sich aber andere, die lieber „Tennis oder Golf“ spielten, „die Mäuler zerreißen“.

Als große Herausforderung für das Land sieht der vor wenigen Tagen 79 Jahre alt gewordene Politiker den demografischen Wandel. Der werde zu einem erheblichen Mehr an Pflegebedarf führen, den es zu decken gelte. In diesem Bereich wie auch im Bereich der Betreuung von Kindern – für Müntefering ebenfalls ein Metier von enormer und unterschätzter Bedeutung – würden jedoch Löhne gezahlt, die deutlich höher wären, wenn mehr Männer diese Berufe ausüben würden – womit er den seiner Ansicht nach nicht erfüllten Grundsatz der Gleichheit von Mann und Frau anprangerte.

Sichtlich Freude hatte der Ehrengast der Kreis-AWO beim Vorprogramm zu seiner Rede. Zum einen hatten zehn Kita-Kids zusammen mit ihren Betreuerinnen ihren großen musikalischen Auftritt. Zum anderen stimmte der Chor Signale aus Emsdetten mit Liedern von Kurt Tucholsky bis Bruce Springsteen, die allesamt politische Botschaften enthielten, auf die Worte von Müntefering ein.

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