Feuerwehrchef über frustrierende Bagatelleinsätze und knappes Personal
Alarmfahrten wegen Kleinkram

Lengerich -

Offenbar könnte Hartwig Hübner manchmal der Kragen platzen. Das ist bei dem Chef der Lengericher Feuer- und Rettungswache dann der Fall, wenn er und seine Kollegen wegen Kleinigkeiten alarmiert werden. Er sagt im WN-Interview, dass das immer öfter passiere.

Samstag, 06.04.2019, 13:09 Uhr aktualisiert: 06.04.2019, 13:57 Uhr
Hartwig Hübner ist seit 40 Jahren bei der Feuerwehr.
Hartwig Hübner ist seit 40 Jahren bei der Feuerwehr. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Seit fast auf den Tag genau 40 Jahren ist Hartwig Hübner bei der Feuerwehr Lengerich. Der Leiter der Wache an der Schulstraße ist somit ein erfahrener Mann, der schon einiges mitgemacht hat. Jüngst beklagte er während der Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr – deren ehrenamtlicher Chef ist der zweifache Familienvater auch –, dass die Rettungskräfte immer häufiger zu Bagatelleinsätzen gerufen werden. Darüber, über die personelle Ausstattung und seine Zukunft sprach WN-Redakteur Paul Meyer zu Brickwedde mit Hübner.

Herr Hübner, Sie haben kürzlich gesagt, dass die Zahl der Einsätze, die eine Rettungsfahrt mit Blaulicht und Martinshorn nicht rechtfertigen, „erschreckend“ angestiegen sei. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Hartwig Hübner: Eine Erklärung habe ich so nicht. Aber ich glaube, dass heute viele mehr an sich denken. Jeder möchte der erste sein, möchte der sein, dem am schnellsten geholfen wird. Das ist beim Rettungsdienst so, das ist so beim Brandschutz. Wir merken das zum Beispiel bei Sturmlagen. Selbst der kleinste Ast wird nicht beiseite gezogen, sondern es wird die Feuerwehr gerufen.

Welche Konsequenzen hat das für Ihre Arbeit und für die Menschen, die wirklich Hilfe brauchen?

Hübner: Bei medizinischen Notfällen fehlt dann ganz einfach ein Fahrzeug, weil es für einen der genannten Bagatelleinsätze unterwegs ist. Aber jede Einsatzfahrt bedeutet auch eine zusätzliche Belastung für die Kollegen. Wir erleben im Straßenverkehr trotz Blaulicht und Martinshorn relativ oft brenzlige Situationen. Zum Glück sind wir bisher – toi, toi, toi – von größeren Unfällen mit Einsatzfahrzeugen verschont geblieben.

Ich hake noch einmal nach: Gehen Sie davon aus, dass das Anspruchsdenken der Bürger gestiegen ist, oder sind die einfach vielleicht nur wehleidiger geworden?

Hübner: Die Ansprüche sind eindeutig höher als früher: Warum soll ich das nicht in Anspruch nehmen? Das ist da, das steht mir zu.

Wie macht sich das beispielsweise bei einem Verkehrsunfall bemerkbar?

Hübner: Wenn jemand verunglückt ist und die Rettungskräfte sind vor Ort und wollen das Unfallopfer aus einem Fahrzeug bergen, dann wollen sich manche, weil sie beispielsweise einen Termin haben, mit ihren Autos unbedingt noch daran vorbeiquetschen, obwohl sie die Kollegen und vielleicht sogar die Unfallopfer damit gefährden. In solchen Momenten wäre es eigentlich eher angebracht, zumindest einmal kurz inne zu halten statt immer weiter zu hetzen.

Ist es möglich, die Kosten denjenigen, die Sie alarmiert haben, gegebenenfalls in Rechnung zu stellen?

Hübner: Das ist nicht so einfach möglich. Die fühlen sich ja krank und im Recht. Es würde ein riesiger Aufwand entstehen, in jedem Einzelfall das Gegenteil zu beweisen.

Wie gehen Sie mit der sich verändernden Situation um?

Hübner: Wir versuchen uns besser abzusichern, etwa dadurch, dass wir gerade auf der Autobahn breiter absperren und die Großfahrzeuge quer stellen. Und wachsam sein, sonst fahren sie uns irgendwann noch durch den Koffer.

Wachsam sein, sonst fahren sie uns irgendwann noch durch den Koffer

Hartwig Hübner

Was macht all das von Ihnen Beschriebene mit der Motivation? Sagt da schon mal einer: „Ich mach das nicht mehr mit“?

Hübner: Gerade bei den Hauptamtlichen merkt man schon, dass das nicht spurlos an einem vorbeigeht. Wenn die nachts zwei, drei Mal raus mussten und hatten dann Einsätze, die eigentlich nicht relevant waren, sind die morgens schon richtig genervt. Komme ich aber zum Dienst und die Kollegen hatten wirkliche medizinische Notfälle und konnten helfen, dann sind sie zwar kaputt, aber eben auch zufrieden.

Das Ganze passiert in einer Situation, in der die Wache personell eher knapp ausgestattet ist.

Hübner: Ja, das stimmt. Der Rettungsdienst wird heute auch nach wirtschaftlichen Kriterien geführt, sprich wie viele Einsätze gibt es und in welchen Bereichen. Entsprechend werden die Fahrzeuge vorgehalten.

Aber der Arbeitsmarkt ist doch auch leer gefegt.

Hübner: Auch das stimmt. Ende 2017 wurde der Rettungsassistenz aus der Ausbildung rausgenommen und mit der höherwertigen, dreijährigen Notfallsanitäter-Ausbildung angefangen. Die lässt sich nicht mehr so einfach nebenher machen. Im Kreis wurden zuletzt etwa 120 Rettungsassistenten ausgebildet, 2017 waren es dann aber nur elf Notfallsanitäter, also ein Zehntel. Ähnlich sieht es bundesweit aus. Dadurch kommt nicht mehr so viel Nachwuchs nach.

Sie werden sich mit diesen Problemen nicht mehr allzu lange rumschlagen müssen.

Hübner: Im April 2020 werde ich 60 und kann offiziell in den Ruhestand gehen. Aber ich möchte bis Jahresende alles geregelt haben.

Was hat sich in den vier Jahrzehnten, die Sie bei der Feuerwehr sind, verändert?

Hübner: Was brennt, hat sich stark gewandelt. Einen Bauernhofbrand – Holz, Stroh, Heu – konnte man damals ohne große Vorkehrungen so löschen. Heute hat man es selbst beim kleinsten Wohnungsbrand sofort mit giftigen Stoffen zu tun, weil alles aus Kunststoff ist. Auch bei Fahrzeugbränden hat sich viel verändert und wird sich durch die Elektroautos noch mehr verändern. Da fehlen bislang noch die Erfahrungen. Auch Hilfeleistungen wie Türöffnungen oder Tierrettungen sind wesentlich mehr geworden. Auch da spielt wieder dieser Punkt mit den Bagatelleinsätzen rein.

Inwieweit?

Hübner: Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr sind wir gerufen worden, weil sich eine Entenfamilie auf einer Straße befand. Dafür ist Alarm gegeben worden!

Schauen wir auf Ihre Nachfolge. Was muss der neue Chef oder die neue Chefin neben der beruflichen Qualifizierung an Eigenschaften mitbringen?

Hübner: Nicht zuletzt die Bereitschaft, sich auch viel Zeit für das Ehrenamt und die Ehrenamtlichen zu nehmen.

Hätten Sie gerne noch den Umzug zur angedachten neuen Wache mitgemacht?

Hübner: Ja, auf jeden Fall. Es wäre mit Sicherheit eine interessante Aufgabe gewesen.

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