Wissenschaftler untersuchen den Lebensraum Steinbruch
„Trittsteine“ für die Natur

Lengerich/Lienen/Osnabrück -

Professor Dr. Thomas Fartmann von der Universität Osnabrück hat ein Auge auf Steinbrüche geworfen. Der Fachmann für Biodiversität und Landschaftsökologie möchte einen Leitfaden für nachhaltiges Management in diesen ungewöhnlichen Lebensräumen erarbeiten.

Mittwoch, 24.04.2019, 05:02 Uhr aktualisiert: 24.04.2019, 05:20 Uhr
Blick in den Canyon. In dem einstigen Steinbruch gibt es zahlreiche seltene Tiere und Pflanzen.
Blick in den Canyon. In dem einstigen Steinbruch gibt es zahlreiche seltene Tiere und Pflanzen. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Die Steinbrüche an den Teutohängen zwischen Brochterbeck im Westen und Lienen im Osten kenne er natürlich, versichert Professor Dr. Thomas Fartmann . Und er wisse auch um die Brisanz des Themas in der Region angesichts der Frage, ob Dyckerhoff und Calcis nochmals mehr Abbaufläche bekommen. Dennoch spiele der politische Streit Pro oder Kontra Erweiterung oder Pro oder Kontra Steinbrüche für sein Projekt keine Rolle, sagt der Wissenschaftler der Universität Osnabrück. Es gehe einzig und allein darum, „wissenschaftlich saubere Erkenntnisse“ zu gewinnen. Am Ende soll dann ein „Leitfaden für nachhaltiges Management von Steinbrüchen“ vorliegen.

Fartmann ist ein Fachmann für Biodiversität und Landschaftsökologie. In der Vergangenheit hat er unter anderem schon die Artenvielfalt an Regenrückhalten unter die Lupe genommen. Nun also Steinbrüche. Mit im Boot hat er ein kleines Team von der Uni. Zudem sind der Unesco-Geopark Terra-Vita dabei, der auch in Lengerich und Umgebung Angebote macht, der Verband der Bau- und Rohstoffindustrie mit Sitz in Duisburg sowie zwei Unternehmen aus der Steinbruch-Branche. Fachlich und finanziell gefördert wird das auf etwa dreieinhalb Jahre angelegte Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Auf die Frage, ob denn auch Dyckerhoff und Calcis angesprochen worden seien, sagt Fartmann: „Ja, wir haben bei beiden angefragt. Uns wurde dann abgesagt.“

Die Idee, den Lebensraum Steinbruch einmal genauer zu untersuchen, hatte Fartmann selbst. Er verweist auf den globalen Bauboom, der nach Zement und Co. verlange. Das sei einfach Fakt, ob man es begrüße oder nicht. Wenn es aber schon so sei, dann sei es natürlich sinnvoll, sich diesem Lebensraum einmal intensiver zu widmen. Dabei geht es dem Wissenschaftler sowohl um die Abbau- als auch die Nachnutzungsphase. Dann fügt er Worte hinzu, die ihm offenbar wichtig sind: „Wir betreiben keine Elfenbeinturm-Wissenschaft.“

In den Fokus genommen wird Westfalen und die östlich angrenzenden Regionen Niedersachsens und Hessens. Sie gehören zu den wichtigsten Steinabbaugebieten Europas. Fartmann schätzt, dass es 200 bis 250 Steinbrüche gibt. Um die 150 wollen der 50-Jährige und seine Mitstreiter untersuchen, darunter auh bereits stillgelegte. Ihr Ziel: ausreichend Daten für aussagekräftige Statistiken zu bekommen und daraus resultierend Muster und Zusammenhänge zu erkennen.

Begonnen haben sie mit ihrer Arbeit bereits – und auch schon erste Erkenntnisse gewonnen. Libellen wurden untersucht, Amphibien, Vögel, Schmetterlinge und zuletzt auch Wildbienen (über 50 Arten wurden gefunden). Stolz ist Fartmann besonders auf den Nachweis des Argus-Bläulings – ein seltener Tagfalter - und der Blauflügeligen Sandschrecke, eine Heuschrecken-Art, die in NRW mehrere Jahrzehnte als verschwunden galt. 2020 will sich das Projektteam den Pflanzen widmen.

Grundsätzlich, so der Professor, sei es so, dass Lebensräume für Tiere und Pflanzen zunehmend verinseln. Gut flugfähige Arten könnten damit einigermaßen klar kommen, andere hingegen nicht. Steinbrüche könnten in einer solchen Situation als „Trittsteine“ und „Verpflegungsstopps“ zwischen den Inseln dienen und so bei der Wiederansiedlung von seltenen Pflanzen und Tieren helfen.

Den Leitfaden will der Wissenschaftler der Uni Osnabrück in möglichst enger Abstimmung mit den Partnern erstellen. Terra-Vita habe bereits angeboten, die Erkenntnisse für ein breites Publikum allgemeinverständlich zusammenzufassen. Der Leitfaden soll schlussendlich Handlungsempfehlungen zum biodiversitätsfördernden nachhaltigen Management von Steinbrüchen geben, aber, so Fartmann: „Wir werden keine Planungsschritte eingreifen.“ Sicher ist er sich, dass die gewonnen Erkenntnisse auf andere Standorte übertragen werden können. Begleitet wird die Arbeit von einem projektbegleitenden Beirat.

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