Arbeitsmigranten in Lengerich
Hungerlohn folgt großen Worten

Lengerich -

Pfarrer Peter Kossen engagiert sich seit Jahren für Arbeitsmigranten, damit deren Lebensbedingungen besser werden. Im Sozialausschuss berichtete der Seelsorger jetzt von seinen Erfahrungen, die er auch in Lengerich gemacht hat.

Freitag, 10.05.2019, 19:43 Uhr aktualisiert: 10.05.2019, 19:50 Uhr
Blick in einen Schlachthof. „Die Fleischindustrie hat das Ausbeuten der Arbeitsmigranten perfektioniert“, berichtet Pfarrer Peter Kossen im Sozialausschuss von seinen Erfahrungen.
Blick in einen Schlachthof. „Die Fleischindustrie hat das Ausbeuten der Arbeitsmigranten perfektioniert“, berichtet Pfarrer Peter Kossen im Sozialausschuss von seinen Erfahrungen. Foto: dpa

Der Anruf erreicht Peter Kossen an einem Sonntag. Es geht um Männer aus Peru, die nach Bremen geholt wurden, um in der Fleischindustrie zu arbeiten. 7,50 Euro Stundenlohn seien den Südamerikanern versprochen worden. Die Realität. „Sie erhalten wesentlich weniger, müssen willkürlich erhobene Gebühren bezahlen und sind nicht bei einer deutschen, sondern einer polnischen Firma angestellt“, berichtet der katholische Pfarrer im Sozialausschuss.

Damit nicht genug. Ihre Unterkunft müssen die Männer von ihrem Lohn bezahlen, Sprachprobleme führen dazu, dass sie hilflos dem Unternehmen ausgeliefert sind. Bremen mag weit weg sein, aber Abzocke beim Wohnraum, Hungerlöhne, mehr als 200 Arbeitsstunden im Monat – das ist auch in Lengerich ein Thema. Rund 1000 Arbeitsmigranten leben in der Stadt, schätzt Peter Kossen. Eine Zahl, die Martin Pogrifke, Leiter des Fachdienstes Sicherheit und Ordnung, bestätigt.

Seit vielen Jahren kämpft der Seelsorger gegen diese Missstände (WN berichteten mehrfach). Das Problem sind aus seiner Sicht die Personaldienstleistungsfirmen, die Arbeitsmigranten nach Deutschland holen. „Die Menschen sind bei diesen Firmen angestellt. Dort gibt es keinen Betriebsrat, keine Gewerkschaft und fehlende Sprachkenntnisse schließen eine Klage vor dem Arbeitsgericht aus.“

Eine weitere Entwicklung in den vergangenen Jahren: Die Zahl der Saisonarbeiter – beispielsweise für die Spargel- oder Erdbeer-Ernte – nimmt ab. Immer mehr Arbeitsmigranten bleiben dauerhaft, holen ihre Familien nach. Die wohnen dann in mit Etagenbetten vollgestellten Räumen. „Einige Kinder schlafen tagsüber im Kindergarten, weil sie nachts in der Unterkunft Alkohol, Drogen, Gewalt und Prostitution erleben“, berichtet der Pfarrer von seinen Erfahrungen in Lengerich.

Sreit um Finger

Wie Unternehmen mit Arbeitsmigranten umgehen, schildert Pfarrer Peter Kossen am Beispiel eines Mannes, der in einer Fleischfabrik des Unternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück arbeitet.„Der Mann hatte an einer Maschine vier Finger abgeschnitten, einer konnte wieder angenäht werden, die anderen drei waren verloren. Tönnies und die Berufsgenossenschaft sagen, der Mann habe das extra gemacht. Der Arbeitnehmer verweist darauf, dass er schon vor dem Vorfall darauf hingewiesen habe, dass die Maschine nicht ordnungsgemäß laufe. Inzwischen sollen an dieser Maschine zwei Personen stehen.“

...

Regelmäßig stehe ein Mann vor seiner Tür. Der erhalte zwar 1000 Euro Fixlohn in einem Schlachthof in Georgsmarienhütte. Davon müsse er aber 300 Euro für sein Zimmer – das er sich mit mehreren Männern teilen muss – bezahlen, ebenso für den Bus, der ihn zur Arbeit bringt. Real-Arbeitszeit: über 200 Stunden im Monat.

Mindestlohn 9,19 Euro pro Stunde? Auf dem Papier mag der gezahlt werden. Dann stehen 167 Arbeitsstunden im Monat auf der Abrechnung. 30, 40 oder mehr weitere Arbeitsstunden tauchen dort nicht auf und werden auch nicht bezahlt, berichtet Kossen den Politikern.

„Die Fleischindustrie hat das perfektioniert, andere Branchen gehen ähnlich vor“, sagt er und nennt ein weiteres Beispiel, wie gesetzliche Vorgaben umgangen werden: Der Arbeitsmigrant wird eingestellt auf Probe. Vor Ablauf der Probezeit wird er von seinem Personaldienstleister zu einer zweiten Firma geschickt, dann zu einer dritten und so weiter. „Eine Integration findet nicht statt.“ Und der Versuch, im Gemeindehaus St. Margareta ein Beratungsangebot zu machen, habe nur geringe Resonanz erfahren: zwei Personen seien gekommen. Etwas einfacher sei es, wenn sich die Mütter gegenüber Erzieherinnen in Kindergärten öffnen würden.

Dabei gibt es Erfolge für die Arbeitsmigranten, wenn sie den Schritt wagen, sich jemandem anzuvertrauen. „Wenn ein Dienstleister vor Gericht soll, geben die sofort klein bei“, weiß Peter Kossen aus Erfahrung. „Die kennen ihre total unhaltbare Position.“ Doch um so weit zu kommen, müsse das Prinzip Angst überwunden werden. „Die Menschen fürchten um ihren Job, wenn sie etwas sagen“, kennt er dieses Verhaltensmuster sehr genau.

Die Reaktionen der Kommunalpolitiker spiegeln deren Betroffenheit wider. Ob man nicht ein Bewusstsein in den Heimatländern der Menschen, die überwiegend aus Osteuropa stammen, wecken könne, will Sandra Kätker (Bündnis 90/Die Grünen) wissen. „1000 Euro sind verlockend, die Jugendarbeitslosigkeit dort ist hoch – so ist das kaum zu stoppen“, erfährt sie von Peter Kossen.

In wie vielen Häusern in der Stadt sind Arbeitsmigranten untergebracht, wie viele derartige Personaldienstleister gibt es in Lengerich? Martin Pogrifke kann diese Fragen von Norbert Junghöfer, Vertreter des Seniorenbeirats im Ausschuss, nicht beantworten. Von den rund 1000 Arbeitsmigranten habe die überwiegende Zahl die rumänische Staatsbürgerschaft.

„Es wäre wichtig, wenn man entsprechende Hinweise erhält, diese an die Verwaltung weiterzugeben, beispielsweise bei Mietwucher oder Überbelegung von Wohnungen“, regt SPD-Fraktionsvorsitzender Andreas Kuhn an. Denen könnte dann nachgegangen werden.

„Wir überziehen den Kapitalismus zu Lasten dieser Leute“, stellt CDU-Mann Hans-Jürgen Busch fest und kritisierte, dass das im Entsendegesetz festgeschriebene Recht auf Mindestlohn nicht durchgesetzt werde.

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