Beratungsstelle Sucht der Diakonie
Weniger Interesse an Alkohol

Lengerich -

Alkoholkonsum scheint bei Jugendlichen nicht mehr so hoch im Kurs zu stehen wie noch vor wenigen Jahren. Dafür sieht sich die Suchtberatungsstelle Lengerich der Diakonie mit einem neuen Phänomen konfrontiert: 65-Jährige und ältere trinken mehr Alkohol.

Freitag, 17.05.2019, 06:19 Uhr
„Alkohol? Weniger ist besser!“ ist Motto der Aktionswoche Alkohol 2019, an der sich die Suchtberatungsstelle der Diakonie mit Ulla Voß-Joubert, Heinrich Ahlers-Kremer und Inga Fuhrmann (von links) vom 18. bis 24. Mai beteiligen wird. Ein Angebot sind Info-Stände auf Wochenmärkten.
„Alkohol? Weniger ist besser!“ ist Motto der Aktionswoche Alkohol 2019, an der sich die Suchtberatungsstelle der Diakonie mit Ulla Voß-Joubert, Heinrich Ahlers-Kremer und Inga Fuhrmann (von links) vom 18. bis 24. Mai beteiligen wird. Ein Angebot sind Info-Stände auf Wochenmärkten. Foto: Michael Baar

Erste Erfahrungen mit Alkohol? 16 Prozent der über 300 Personen, die jährlich die Beratungsstelle Sucht des Diakonischen Werkes in Lengerich kontaktieren, geben an, im Alter zwischen 14 und 17 Jahren zum ersten Mal Alkohol konsumiert zu haben. „Gefühlt weniger als in den Jahren zuvor“, sagt der Leiter der Beratungsstelle. Genaue Zahlen – so wie in der vergangenen Woche von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vorgelegt – gebe es nicht. „Wir fragen die Klienten nach dem Beginn der Störung, wenn sie das erste Mal bei uns sind“, erläutert Heinrich Ahlers-Kremer im Gespräch mit den WN, wie die Zahlen ermittelt werden.

Bei diesem Kontakt sind die Ratsuchenden im Durchschnitt 25 Jahre oder etwas älter. Während der Anteil der Unter-18-Jährigen, die den Beginn ihrer Alkoholprobleme vor diesen Zeitpunkt legen, in den vergangenen Jahren rückläufig ist, sieht es bei den 25- bis 30-Jährigen anders aus. Der Anteil derjenigen, die in diesem Altersabschnitt den Beginn ihrer Probleme verorten, hat sich von 2016 bis 2018 mehr als verdreifacht – von 13 auf 46 Prozent. Bei den 18- bis 25-Jährigen liegt diese Quote konstant bei 33 Prozent.

Trinken bis zur Bewusstlosigkeit – das sogenannte Komasaufen scheint bei Jugendlichen weniger angesagt zu sein. Weil es, im Gegensatz zu früher, als uncool gilt? Heinrich Ahlers-Kremer hält das für möglich. „Am eigentlichen Problem ändert das aber nichts“, stellt der Fachmann fest. Alkohol schädige das Gehirn und die Entwicklung der grauen Zellen sei Studien zufolge erst mit etwa 25 Jahren abgeschlossen.

Übermäßiger Alkoholkonsum, darin sieht Ulla Voß-Joubert eine Art Grenzen austasten. „Jeder für sich will wissen, wie viel Alkohol er denn vertragen kann“, so die Suchtberaterin. Ein Verhalten, das möglicherweise daher komme, dass von Zuhause keine Grenzen – keineswegs nur in Sachen Umgang mit Alkohol – vermittelt werden.

Was sie und ihr Kollege mit Sorgen beobachten, ist eine starke Zunahme des Alkoholkonsums bei über 65-Jährigen. Tod des Partners, Eintritt in die Rente – „die Gründe können vielfältig sein“, erläutert Heinrich Ahlers-Kremer. Unabhängig vom Alter: „Die Folgen unmäßigen Alkoholkonsums tauchen in spürbarer Form oft erst nach Jahren auf“, sagt Ulla Voß-Joubert.

„Gefährliche Verharmlosung“

Das Cannabis bei Jugendlichen Alkohol den Rang abläuft, überrascht nur auf den ersten Blick. „Die Diskussion über die Legalisierung des Konsums dieses Hanfgewächses sorgt für eine gewisse Verharmlosung“, sagt Heinrich Ahlers-Kremer. Dabei, so der Leiter der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes, mache Cannabis nicht nur psychisch abhängig, sondern auch körperlich. „Das Problem dabei ist, dass erst nach Jahren des Konsums spürbare Folgen auftauchen“, warnt er vor der Legalisierung, weil dieser Aspekt in der Debatte übersehen werde.

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„Wir wollen den Alkohol nicht verteufeln“, das betonen beide Suchtexperten. Allerdings könnten sie sich vorstellen, dass ein Werbeverbot für alkoholische Getränke auf Dauer die gleichen positiven Folgen zeitigt wie bei der Tabakwerbung. „Werbeverbot und höhere Preise haben mehr Wirkung erzielt, als es ein striktes Verbot von Zigaretten vermocht hätte“, sagt Ulla Voß-Joubert. Das Problem mit dem Alkohol beschreibt Heinrich Ahlers-Kremer in wenigen Worten: „Die Werbung suggeriert, dass man trinken kann so viel man will und es keine Folgewirkungen gibt.“ Dabei sei Alkohol eines der gefährlichsten Gifte für die Entwicklung des Gehirns.

„Dafür wollen wir Bewusstsein schaffen“, verweist die Suchtberaterin auf den Bereich Prävention. Allein an den weiterführenden Schulen hat die Beratungsstelle im vergangenen Jahr in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 knapp 1400 Schüler erreicht. Bei den Jüngsten sei Alkohol kaum mal ein Thema, eigentlich nur, „wenn es mal Ereignisse gegeben hat“. Münden die vor Gericht und wird eine bestimmte Zahl von Gesprächen in der Beratungsstelle vom Richter vorgegeben, zeige das wenig Wirkung. „Die Jugendlichen interessiert dann bloß der Schein, den sie für die Gespräche bekommen“, berichtet sie aus der Praxis.

Überhaupt sei der Alkohol in jüngerer Zeit von einem anderen Produkt in der Wahrnehmung bei Jugendlichen verdrängt worden: Cannabis. „Das hat eine spürbar höhere Relevanz“, muss Ulla Voß-Joubert in jüngster Zeit immer wieder feststellen.

Zum Thema

Die Suchtberatungsstelle (' 0 54 81/30 54 280, E-Mail suchtberatung@de-te.de) ist zuständig für die Kommunen Ladbergen, Lengerich, Lienen, Lotte, Tecklenburg und Westerkappeln.

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