Mut-Tour macht Station in Lengerich
„Das Leben ist lebenswert“

Lengerich -

Eine Woche sind sie mit dem Fahrrad unterwegs, um über das Thema Depression aufzuklären, neue Perspektiven im Umgang mit der Krankheit aufzuzeigen. Die Mitstreiter der Mut-Tour wissen, wovon sie sprechen: Einige von ihnen haben Erfahrungen mit der Krankheit gemacht.

Montag, 01.07.2019, 06:23 Uhr aktualisiert: 04.07.2019, 17:46 Uhr
Auf Mut-Tour in Lengerich: Werner König, Lydia Bauer, Daniel Neumann, Franziska Radczun, Volker Heese und – hinter dem Smiley – Lina Kirsch (von rechts).
Auf Mut-Tour in Lengerich: Werner König, Lydia Bauer, Daniel Neumann, Franziska Radczun, Volker Heese und – hinter dem Smiley – Lina Kirsch (von rechts). Foto: Michael Baar

„Was heißt das denn, Mut-Tour?“ Unvermittelt hat der Fahrradfahrer angehalten. Für das Sextett vor dem Römer, das gerade seine Tandems besteigen will, eine gute Gelegenheit, auf Sinn und Zweck des Aktionsprogramms hinzuweisen. „Mut-Tour“ steht unübersehbar auf den Radler-Shirts. „Wir werben für neue Perspektiven im Umgang mit Depression“, sagt Franziska Radczun .

Seit einer Woche ist sie mit fünf weiteren Mitstreitern im Sattel unterwegs. Von Bonn nach Osnabrück, das ist ihre Strecke. Die letzte Etappe nehmen sie am Sonntag von Lengerich aus unter die Räder. Übernachtet haben sie im Gemeindehaus St. Margareta, bei den Maltesern wurde geduscht. „Das ist die Ausnahme“, lacht Lina Kirsch . Die Gruppe hat eine sogenannte Indoor-Tour erwischt. Da gibt´s nachts ein festes Dach über dem Kopf.

Die sechs Radler sind aber auch für outdoor gerüstet. Zelte, Taschen, Räder – alles wird vom Verein Deutsche Depressionsliga gestellt. Auch Informationsmaterial. Alles, um auf das Thema Depression hinzuweisen. Unter den sechs, die an diesem Morgen unter der Platane auf dem Rathausplatz sitzen, waren einige erkrankt.

Sie wissen also, wovon sie sprechen. „Es ist immer wieder schön in Gesprächen zu erleben, dass sich Menschen öffnen“, sagt Lydia Bauer. „Viele sind überrascht, dass wir als Betroffene dazu stehen und darüber sprechen“, ergänzt Volker Heese. Denn das ist, wie die sechs aus eigener Erfahrung – auch als Angehörige – wissen, gar nicht so einfach.

Auf den Stationen zwischen Bonn und Osnabrück erleben sie immer wieder in den Gesprächen, dass sie mit Betroffenen oder deren Angehörigen reden. Dass dabei die persönlichen Geschichten der Radler erzählt werden, senkt manchmal die Hemmschwelle bei den Gästen, vom eigenen Erleben mit der Krankheit Depression zu erzählen.

Für den einen oder anderen Zuhörer nicht vorstellbar: Die sechs Radfahrer haben sich erst vor der Tour bei einem Informationstreffen kennengelernt. „Die Gruppe ist willkürlich zusammengestellt worden“, sagt Franziska Radczun, „und es läuft.“ Zustimmendes Nicken in der Runde. Die Tandems als Fortbewegungsmittel sind bewusst ausgewählt worden. „Man unterstützt sich gegenseitig und erfährt, dass man im Team stärker ist“, erläutert Lina Kirsch.

Hilfe annehmen und Dialog suchen

Das Aktionsprogramm Mut-Tour gibt es seit 2012. In diesem Jahr sind Sechser-Teams auf elf Etappen in Deutschland unterwegs, um anderen Mut zu machen, Hilfe anzunehmen und in den Dialog zu treten. Zweiter Aspekt: Durchs Radeln oder Wandern wird signalisiert, dass Bewegung an Depression Erkrankten hilft.Der Smiley auf dem Foto signalisiert, dass auch Menschen angesprochen sind, die es sich nicht erlauben können, ihre Depression öffentlich zu machen. Verschwiegenheit ist selbstverständlich, so Franziska Radczun.

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Für drei aus der Gruppe ist es die erste Mut-Tour, bei der sie in die Pedale treten. Die anderen drei waren schon mal dabei. Dass sie im nächsten Jahr wieder dabei sind, können sich alle sechs vorstellen. Auch in dem Bewusstsein, dass die Gruppe in der Konstellation, in der sie unterwegs ist, nicht mehr radeln wird.

Bevor sie sich in die Sättel schwingen, hat Volker Heese noch ein zweites Thema, das ihm am Herzen liegt: „Dass psychisch Kranke sechs Monate auf einen Gesprächstermin waren müssen, ist ein Unding. Da muss die Bundesregierung was tun.“

Radpannen sind in den sieben Tagen ausgeblieben. Nur am Anfang, da hat eine Kette ziemlich gequietscht. „Mit etwas Öl war das vorbei“, lacht Werner König.

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