Bombendrohung in Turnhalle
Gericht weist Geiselnehmer von Lengerich in geschlossene Psychiatrie ein

Münster/Lengerich -

Im Prozess um einen psychisch kranken Mann, der in einer Sporthalle in Lengerich mit einer angeblichen Bombe gedroht und mehrere Sportlerinnen als Geiseln genommen hatte, ist am Mittwoch das Urteil gesprochen worden.

Mittwoch, 03.07.2019, 12:49 Uhr aktualisiert: 03.07.2019, 15:51 Uhr
Bombendrohung in Turnhalle: Gericht weist Geiselnehmer von Lengerich in geschlossene Psychiatrie ein
In dieser Zweifach-Sporthalle hatte der 25-Jährige aus Tecklenburg am 7. Januar eine Trainingsgruppe der Radsportgemeinschaft „Teuto“ Antrup-Wechte in seine Gewalt gebracht und mit der Zündung von zwei Bomben gedroht. Foto: Jens Keblat

Die Geiselnahme vom 7. Januar in Lengerich ist zumindest juristisch beendet. Der Täter, ein 25 Jahre alter Mann aus Tecklenburg, wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dieses Urteil hat die Achte Große Strafkammer des Landgericht Münster am Mittwoch gesprochen. Der Angeklagte lässt noch im Gerichtssaal über seine Verteidigerin erklären, dass er dem Urteil zustimme. Auch die Staatsanwaltschaft will auf Rechtsmittel verzichten.

Der Vorsitzende Richter sagt in seiner Begründung, durch seine Krankheit – eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie – stelle der Anklagte aktuell eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Die Kammer habe sich den Feststellungen der beiden Gutachterinnen angeschlossen. Zum Tatzeitpunkt im Januar 2019 seien Steuerungs - und Einsichtsfähigkeit des Tecklenburgers aufgehoben gewesen.

Unterbringung wird jedes Jahr geprüft

Zuvor hatten sich die Staatsanwältin und die Verteidigerin des Angeklagten in ihren Plädoyers jeweils für die Unterbringung in der Forensik ausgesprochen. Die „krankhafte seelische Störung, die weiter fortbesteht“, lasse weitere Taten erwarten, führt die Staatsanwältin aus. Der Sachverhalt am Tattag sei unstreitig, stellt die Verteidigerin fest. Immer wieder habe sich ihr Mandant in der Vergangenheit in Alltagssituationen überfordert gefühlt, möglicherweise ausgelöst durch die posttraumatische Störung nach dem Schießunfall bei der Bundeswehr 2013. Er selbst habe in der Folge festgestellt, „etwas stimmt mit mir nicht“. Das müsse letztlich geklärt werden – in einer geschlossenen Einrichtung.

Großeinsatz: Geiselnahme in Sporthalle

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  • Am frühen Montagabend hat ein 25-jähriger Mann aus dem Kreis Steinfurt die Sporthalle in Lengerich betreten.

    Foto: Jens Keblat
  • Dort bedrohte er eine etwa 40-köpfige Übungsgruppe mit dem Zünden einer Bombe, teilte die Polizei mit.

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  • Der Mann hat die Kinder dann nach und nach gehen lassen.

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  • Kurze Zeit später ließ er auch die beiden Betreuerinnen der Kindergruppe frei.

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  • Kräfte eines Spezialeinsatzkommandos konnten den Mann noch in der Sporthalle festnehmen.

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  • Bei der Geiselnahme wurde nach Informationen der Polizei niemand verletzt.

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  • Die betroffenen Kinder wurden nach ihrer Freilassung betreut.

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  • Die Polizei geht aktuell von einem Einzeltäter aus.

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  • Gerüchte, dass es noch einen zweiten Täter geben könnte, bestätigten sich somit nicht.

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  • Die Bahnhofstraße war für die Zeit der Spurensicherung gesperrt.

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Die Unterbringung sei schon deshalb notwendig, weil der Aufenthalt in der Klinik seit Januar noch keine signifikante Verbesserung des Zustandes erbracht habe. Der Vorsitzende Richter erinnert daran, dass eine Gutachterin noch am Vortag in Kontakt mit dem Angeklagten gewesen sei und er widersprüchliche Angaben zu den Stimmen gemacht habe, die den Mann angeblich aufgefordert hätten, etwas gegen die Fremdbestimmtheit in der Welt zu unternehmen. Zudem zeige die erhebliche Tat, dass der Angeklagte nicht in der Lage sei, eine Situation richtig einzuschätzen. Das sei ein wesentliches Ausprägungsmerkmal der Krankheit.

Nach Schießunfall bei der Bundeswehr „einen Knacks im Kopf“

Der 25-Jährige wird auf unbestimmte Zeit in der geschlossenen Einrichtung bleiben müssen. Etwa im jährlichen Abstand werde mittels Gutachten überprüft, ob der Mann entlassen werden könne, erläutert der Vorsitzende Richter. Und er weist daraufhin, dass die vorliegende Form der Schizophrenie diejenige sei, bei der Betroffene am ehesten zur Gewalt neigten.

Zu Beginn des zweiten Prozesstages hatte Dr. Kristina Kruse ihr Gutachten vorgetragen. Die Psychologische Psychotherapeutin sagt, der Angeklagte habe nach einem Schießunfall bei der Bundeswehr 2013 „bei sich einen Knacks im Kopf“ gespürt und Veränderungen festgestellt. Die persönliche Situation habe sich stetig verschlechtert.

Ab 2016 etwa habe der junge Mann dem Verfolgswahn und den imperativen Stimmen mit Alkohol-, Cannabis- und Amphetaminkonsum begegnen wollen. Er habe stets einen Taschenspiegel dabei gehabt, um kontrollieren zu können, wer ihn verfolge. Zudem habe er geglaubt, dass es Mächte gebe, die seine Gedanken lesen könnten.

Sportgruppe mit Bombe bedroht

Freiwillig habe sich der 25-Jährige in insgesamt sieben stationäre Behandlungen begeben. Die psychotischen Phänomene seien dabei erkannt, jedoch einer längeren depressiven Phase zugeordnet worden.

Die letztlich wohl zutreffende Diagnose sei erst kurzfristig erhoben worden. Deshalb könne sie auch keine Prognose wagen, wann der Angeklagte wieder entlassen werden könne, begründet die Gutachterin. Verordnete Medikamente habe der Klient in den bisherigen Behandlungen nicht regelmäßig genommen, so dass es keine Erfahrungswerte über Wirkungen gebe. Sicher sei aus ihrer Sicht, dass Alkohol- und Rauschmittelmissbrauch in der Einrichtung mittherapiert werden müssten, da „der junge Mann in einer Entzugsklinik überfordert wäre“.

Festnahme ohne Widerstand

Wie berichtet, hatte der 25-Jährige am 7. Januar 45 Mitglieder des Radsportvereins RSG „Teuto“ Antrup-Wechte in der Zweifachhalle in Lengerich in seine Gewalt gebracht. Er war nach einem Vorfall in Ibbenbüren – dort hatte er sich kurz vor dem Jahreswechsel in ein Hotelzimmer eingemietet mit rund 120 Böllern, die er nach Einschätzung des Gerichts für einen nicht weiter bekannten Zweck umbauen wollte – in die LWL-Klinik in Lengerich eingewiesen worden.

Das Gelände der Klinik hatte der Tecklenburger am 7. Januar entgegen anderer Absprachen verlassen. Er hatte ein Brotmesser eingesteckt und den Notruf der Polizei gewählt. Der teilte er mit, dass er zwei Bomben in der Turnhalle platziert habe. Er habe gehofft, bei dem Polizeieinsatz getötet zu werden, fasst der Vorsitzende Richter zusammen. Durch das besonnene Vorgehen einer Trainerin und der Polizei habe sich der Mann dann nach gut 90 Minuten widerstandslos festnehmen lassen. „Auch wenn objektiv keine Gefahr vorhanden war, sind erhebliche Folgen für Unbeteiligte entstanden, die längere Zeit nachwirken werden“. Der Vorsitzende deutet nur an, was möglich gewesen wäre, hätte die Polizei etwa das Stürmen der Turnhalle oder anderes für notwendig erachtet. „Für diese denkbaren psychischen Folgen ist der Angeklagte verantwortlich.“


Hinweis: Der Pressekodex sieht vor, dass über Suizide zurückhaltend berichtet wird. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. In diesem Fall überwiegt aufgrund der Umstände aber das öffentliches Interesse.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die  Telefonseelsorge . Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der  Krisenhilfe Münster  (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche  Beratungstermine vereinbaren.

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