Ig Teuto
Raritäten am Intruper Berg

Lengerich -

Die Interessengemeinschaft Teutoburger Wald (Ig Teuto) hatte zu einer Exkursion am Intruper Berg eingeladen. Das Ziel der über 40 Teilnehmer waren die blühenden Kalkmager-Rasen und die Schafherde der Arbeitsgemeinschaft für Naturschutz im Tecklenburger Land (ANTL) im Dyckerhoff-Steinbruch.

Sonntag, 14.07.2019, 18:48 Uhr aktualisiert: 15.07.2019, 16:28 Uhr
Die in Westfalen äußerst seltene Pyramiden-Hundswurz hat in Lengerich ihr bedeutendstes Vorkommen. Jürgen Schienke war 18 Jahre Schäfer der ANTL-Schafherde.
Die in Westfalen äußerst seltene Pyramiden-Hundswurz hat in Lengerich ihr bedeutendstes Vorkommen. Jürgen Schienke war 18 Jahre Schäfer der ANTL-Schafherde. Foto: Ig Teuto

Das Thema lockte an diesem Samstagnachmittag viele Naturbegeisterte ins Freie. Treffpunkt war der Wanderparkplatz oberhalb der Dyckerhoff-Straße in Hohne. Von dort aus ging es zu Fuß weiter in das Naturschutzgebiet Intruper Berg. Oberhalb des alten Hohner Sportplatzes machte die Exkursionsgruppe zum ersten Mal halt. Dort wurde eine quadratisch eingezäunte Fläche von Exkursionsleiterin Denise Rupprecht erläutert, heißt es in einem Bericht der Ig Teuto. Als Mitarbeiterin des Instituts für Landschaftsökologie der Uni Münster erforscht sie seit mehreren Jahren den Einfluss der Beweidung auf die Kalkmager-Rasen.

Die gebürtige Steinfurterin hob die besondere Bedeutung dieses Gebietes hervor: „Das ist hier schon was Einzigartiges für diese Region. Diese Magerrasen mit ihrer Artenfülle sucht man andernorts vergebens“, so Denise Rupprecht. Sie weiß, wovon sie spricht und kennt am Intruper Berg jede noch so winzige Pflanze. Und sie verspricht nicht zu viel.

Etwas weiter in Richtung Norden, unmittelbar neben dem Dyckerhoff-Rundwanderweg, eröffnet sich dem Wanderer eine weitere Wiesenfläche mit Hunderten bunten Farbtupfern. Davon fallen besonders die hellrot bis dunkel-purpurrot leuchtenden Blüten der Pyramiden-Hundswurz auf. Eine Orchidee, die es in Westfalen in dieser Dichte nur noch in Lengerich gibt. Weitere Orchideen, wie Bienen-Ragwurz, Waldhyazinthe, Großes Zweiblatt oder Fuchs‘ Knabenkraut werden entdeckt. Alles Arten, die gerne auf mageren Kalkstandorten wachsen.

Jede neue Pflanze auf dem Magerrasen wird von der Gruppe inspiziert und von Denise Rupprecht näher beschrieben. Noch vor wenigen Jahren stockte an diesem Standort ein Birkengebüsch, welches die Entwicklung eines Magerrasens massiv unterdrückte. Eine Entbuschungsaktion, die von der Ig Teuto initiiert wurde, legte den Grundstein für die Entwicklung dieser bunten Wiese.

Seither weiden mehrmals im Sommerhalbjahr die ANTL-Schafe auf dieser Wiese. Skeptiker sahen darin zunächst das Ende der Orchideenvielfalt. Doch das Gegenteil ist passiert: Trotz oder besser gesagt wegen der Beweidung haben sich die Orchideenzahlen deutlich erhöht, schreibt die Ig Teuto.

Forschungsarbeit zum Kalkmager-Rasen

Denise Rupprecht von der Universität Münster untersucht seit mehreren Jahren die Vegetation auf den durch Schafe beweideten Kalkmagerrasen in den Lengericher Steinbrüchen. Dazu wurden im Jahr 2011 an zehn Standorten in den Steinbrüchen Weideausschluss-Gehege eingerichtet. Neudeutsch heißen diese Versuchsflächen „Exclosure“.An jedem Standort befinden sich nach Angaben der Ig Teuto drei Teilflächen nebeneinander: Ein Totalexclosure, auf dem die Beweidung komplett ausgeschlossen ist, also kein Schaf, aber auch kein Damhirsch oder Reh weiden kann. Ein Schafexclosure, der nur während der Zeit der Schafbeweidung aufgestellt wird und die Schafe an der Beweidung hindert, aber während der restlichen Zeit des Jahres von Hirschen und Rehen verbissen werden kann. Und eine Kontrollfläche, auf der sowohl die Schafe als auch das Wild weiden.Die Wissenschaftlerin vom Institut für Landschaftsökologie in Münster befasst sich derzeit eine Wiederholungsuntersuchung. Dabei nimmt sie sehr akribisch jedes kleine Pflänzchen in ihre Artenliste auf, ermittelt weitere Parameter wie den Deckungsgrad der Pflanzen, die Wuchshöhe, die Streuauflage und das Gewicht der Biomasse. Die detaillierte Auswertung erfolgt dann im Institut in Münster. Sie vergleicht die Ergebnisse mit den Vorjahren und bekommt ein sehr genaues Bild zur Entwicklung der beweideten Kalkmager-Rasenflächen.Bereits 2017 hat sie die Ergebnisse während einer internationalen Ökologentagung in Gent (Belgien) auf einem Poster vorgestellt und belegte bei der Auszeichnung aller 320 Posterbeiträge durch eine Jury den zweiten Platz. Nach erneuter Kartierung in diesem Jahr wird eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Ergebnisse folgen.Mit bloßem Auge lässt sich in den Exclosures im Gelände gut erkennen, dass ein Magerrasen ohne Beweidung sehr schnell an Bedeutung verliert. Vertrocknetes Pflanzenmaterial aus dem Vorjahr lässt den Boden verfilzen, die konkurrenzschwachen Magerrasenarten wie zum Beispiel Orchideen und Enziane müssen das Feld den konkurrenzstärkeren Arten überlassen. Bald darauf wird das ganze Gelände von Gehölzen überwuchert und die Magerrasen sind Vergangenheit. Mit ihnen eine Vielzahl von Insekten, die auf die Pflanzen der Magerrasen spezialisiert sind.

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Nachdem viel über die Beweidung gesprochen wurde, machte sich die Gruppe auf den Weg zum nächsten Exkursionsziel. Auf einer renaturierten Halde im Steinbruch wartete Schäfermeister Jürgen Schienke von der ANTL mit den 550 Bentheimer Landschafen. Viel Wissenswertes aus dem Lebensalltag eines Schäfers erfuhren die Gäste von ihm.

Seine Hütehunde wurden von ihm ausgebildet. In der Regel dauer es drei Jahre, bis ein Hund voll einsetzbar ist. Danach ist er drei Jahre ein Hütehund zu hundert Prozent. Weitere drei Jahre läuft er dann noch mit der Herde mit, die Hauptaufgabe hat er dann aber an seinen Nachfolger abgetreten. Der Esel dient als Lastenträger für das mobile Zaunmaterial. Der Maulkorb des Esels ist notwendig, damit er nicht zu viel frisst. Gesunde Esel, die viel Bewegung haben und kein überschüssiges Fett ansetzen, können bis zu 40 Jahre alt werden.

Eine Teilnehmerin lobte das schmackhafte Lammfleisch der ANTL-Bratwürste. Das Lob nahm Schienke gerne an, ist er doch viele Jahre tagtäglich für das Wohl der Herde verantwortlich gewesen. Die Herde ist mit Ausnahme der Lammzeit im Februar und März auf dem Teuto als Landschaftspfleger im Einsatz. Die Tiere sind stetig an der frischen Luft, immer in Bewegung und fressen nahrhafte Kräuter und Gräser. Das Tierwohl hat dabei oberste Priorität.

Jürgen Schienke bedankte sich für das Interesse und zog mit der Herde weiter. Für ihn war es die letzte öffentliche Veranstaltung als Schäfer. Nach 32 Jahren, davon 18 Jahre bei der ANTL, wird er seinen Job verlassen und sich einer neuen beruflichen Herausforderung stellen. Er gibt die Herde in jüngere Hände. In Kürze übernimmt eine Schäferin seine Aufgabe bei der ANTL, teilt die Ig Teuto mit.

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