Gespräch mit Richter Frank Michael Davids
Junge Sexualstraftäter vor Gericht

Tecklenburger Land -

Junge Menschen, denen vorgeworfen wird, eine Sexualstraftat begangen zu haben – immer wieder muss sich das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Ibbenbüren auch mit solchen Fällen befassen. Allein in den ersten vier Monaten 2019 passierte das bereits 14 Mal. Frank Michael Davids, Leiter des Amtsgerichts, berichtet über diese Verfahren, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt werden

Mittwoch, 05.06.2019, 05:56 Uhr

Es ist Frank Michael Davids deutlich anzumerken, dass das Thema für ihn keines wie jedes andere ist. Seit 30 Jahren beschäftigt sich der Leiter des Amtsgerichts Ibbenbüren mit Strafsachen. Immer wieder muss er sich dabei auch mit Sexualdelikten befassen. Oft geht es bei den Verfahren, die in seinem Haus verhandelt werden, um junge Menschen. Die einen sitzen auf der Anklagebank, die anderen sind die Opfer.

Dass es diese Konstellation recht häufig gibt, hat seine Gründe. Zum einen ist am Amtsgericht ein Jugendschöffengericht angesiedelt. Das ist für junge Straftäter – Jugendliche und Heranwachsende – zuständig, also auch für jene, die sich in irgendeiner Form an Menschen derselben Altersgruppe vergangen haben beziehungsweise haben sollen. Verhängt werden können Freiheitsstrafen bis zu zehn Jahren. Abgedeckt wird dabei auch die Region um Lengerich. Bei Erwachsenen ist das Amtsgericht hingegen in der Regel nur zuständig, wenn nicht mehr als vier Jahre Gefängnis zu erwarten sind. Erwachsene Sexualstraftäter müssen sich deshalb oft vor einem Landgericht verantworten.

Davids hat dazu Zahlen: 2015 gab es 19 derartige Verfahren in Ibbenbüren, in 15 Fällen war das Jugendschöffengericht zuständig. 2016 waren es 14 von 17, 2017 13 von 20 und 2018 11 von 17. In diesem Jahr gab es in den ersten vier Monaten bereits 16 Prozesse, in denen es in der Anklage um Sexualstraftaten ging; 14 wurden vom Jugendschöffengericht verhandelt. Ob der 2019 zu beobachtende Anstieg tiefere Gründe hat, vermag Davids nicht zu beurteilen. Doch der Jurist ist sich sicher, dass die durchs Internet allgegenwärtige Pornografie Spuren bei vielen jungen Menschen hinterlässt. „Sex wird zu etwas Alltäglichem und scheint immer verfügbar zu sein.“

Obwohl ein Kollege das Jugendschöffengericht leitet, er somit mit jungen Tätern nicht direkt Kontakt hat, kennt sich der Leiter des Amtsgerichts bestens in der Materie aus. So sagt Davids, dass in der Gruppe der jungen Sexualstraftäter relativ oft Personen zu finden seien, bei denen die Charakterbildung nicht mit der körperliche Entwicklung mithalte, die gehemmt oder sogar in ihrer Persönlichkeit gestört seien. Gerade dann könnten bei den Taten Elemente wie Machtausübung und Ernie-drigung eine Rolle spielen. Allerdings gebe es eben auch jene Fälle, die gänzlich anders gelagert sind.

Die Öffentlichkeit bekommt von all diesen Dingen in der Regel wenig mit. Prozesse vor dem Jugendschöffengericht sind aufgrund des Alters der Angeklagten grundsätzlich nicht-öffentlich. Aber auch bei Verfahren, bei denen Täter und Opfer erwachsen sind, werden Zuschauer und damit auch die Presse oft zumindest zeitweise ausgeschlossen. Davids verweist als Erklärung darauf, dass bei den Aussagen der „höchstpersönliche Lebensbereich“ der Betroffenen zur Sprache komme. Weiter betont er, dass „Gerechtigkeit und Wahrheit“ auf der Strecke bleiben könnten, wenn Täter und womöglich auch Opfer öffentlich aussagen müssen. Denn sie würden womöglich nicht so offen sprechen wie in einem intimeren Umfeld.

Wie bei Erwachsenen haben auch jugendliche Täter ihr Opfer oft schon vor der Tat gekannt. Allerdings, das macht Davids deutlich, können altersspezifische Situationen entstehen, in denen sich derjenige, der dann auf der Anklagebank sitzt, womöglich gar nicht bewusst ist, Unrechtes getan zu haben. Der Amtsgerichtsleiter führt beispielhaft eine Beziehung zwischen einem 15- und einer 13-Jährigen an. Sollte es zwischen ihnen zum einvernehmlichen Sex kommen, könnte das für den Jungen dennoch strafrechtliche Konsequenzen haben. So etwas fließe in die Urteilsfindung ein, ändere aber nichts an den gravierenden Folgen für die Betroffenen.

Eltern rät Davids, auf jeden Fall mit ihren Kindern über derartige Dinge zu reden, um ihnen zu verdeutlichen, was in Ordnung ist und was nicht. Zudem könne das im Fall der Fälle dazu beitragen, dass sich ein Opfer überhaupt traut, über das Erlebte zu sprechen. „Bequemlichkeit ist der größte Erziehungsfehler“, warnt der Amtsgerichtsleiter vor Passivität. Zudem sei es wichtig, Respekt vor anderen Menschen vorzuleben und nicht etwa Regelübertretungen zum Alltag zu machen. So lasse sich Jugendlichen beispielsweise am besten vermitteln, dass „Nein“ „Nein“ heißt. Und so könnten junge Menschen ein Gefühl dafür entwickeln, was möglicherweise in Kategorien wie „Gruppenzwang“ gehöre und wie sie herausfinden, was sie wirklich wollen.

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