Wann entstand die erste Kirche in Lengerich?
Vieles spricht fürs 9. Jahrhundert

Lengerich -

Die Quellenlage ist dünn. Deshalb ist die Frage, wann in Lengerich erstmals eine Kirche gebaut wurde, schwer zu beantworten. Doch es gibt Hinweise, die für das 9. Jahrhundert als Antwort sprechen.

Dienstag, 03.09.2019, 05:09 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 17:00 Uhr
Die Stadtkirche, wie man sie heute kennt, stammt aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Wohl schon rund 500 Jahre früher entstand in Lengerich das erste christliche Gotteshaus.
Die Stadtkirche, wie man sie heute kennt, stammt aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Wohl schon rund 500 Jahre früher entstand in Lengerich das erste christliche Gotteshaus. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Die Stadtkirche ist nicht nur eine der markanten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sie ist auch ziemlich alt. In ihrer heutigen Form stammt sie aus dem 14. und 15. Jahrhundert, das romanische Portal wird gar auf die Zeit um 1250 datiert. Doch schon lange vor ihrem Bau gab es eine erste Kirche in Lengerich. Wann die errichtet wurde, ist aufgrund der Quellenlage eine schwierig zu beantwortende Frage. Dem 2018 erschienenen Band „Lengerich“ der Reihe „Historischer Atlas westfälischer Städte“ sind Hinweise zu entnehmen, die möglicherweise eine genauere Datierung zulassen.

Da das erste Lengericher Gotteshaus eine sogenannte Eigenkirche des Stiftes Herford gewesen ist, kann die Gründung erst erfolgt sein, als Herford auch Besitz in Lengerich erhalten hatte. Das erfolgte sehr wahrscheinlich durch eine königliche Schenkung im Jahr 859. Damals übertrug König Ludwig der Deutsche dem Stift Herford 14 Bauernstellen und 20 Familien (Hörige) in den Landschaften „Grainga“ und „Threcuuiti“ – zu letzter gehörte auch Lengerich.

Da in der Schenkungsurkunde von 859 – anders als etwa in einer ähnlichen Urkunde Ludwigs des Frommen von 838 für Herford mit den Kirchen in Rheine, Wettringen und Schöppingen – noch kein Kirchengebäude genannt ist, wird es vor 859 auch noch keine Kirche in Lengerich gegeben haben. Da sowohl die archäologischen wie auch schriftlichen Hinweise nicht vor 1100 zurückreichen, dürfte die Lengericher Kirchengründung daher zwischen 859 und 1100 erfolgt sein.

Lässt sich dieser lange Zeitraum vielleicht noch etwas genauer eingrenzen? In seiner historischen Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1788 überliefert August Karl Holsche eine Erzählung, die möglicherweise einen historisch wahren Kern enthält: Er berichtet, dass die Widum, also das Lengericher Pfarreigut, „in ältern Zeiten ein adliches Gütchen“ gewesen sei, das von einem gewissen „Fräulein Namens Hedwig“ gestiftet worden sei. Während Holsche vermutet, dass es sich um eine Herforder Stiftsdame gehandelt habe, ist mit der genannten Hedwig aber sehr wahrscheinlich die Äbtissin Haduwy oder Haduwig von Herford gemeint.

Diese stand der Reichsabtei nachweislich zwischen 858 und 887 als Äbtissin vor. Wenn also Holsches Erzählung einen wahren geschichtlichen Anhalt haben sollte, wäre somit neben der Bestätigung einer Herforder Kirchengründung auch ein Entstehungszeitpunkt der ersten Lengericher Kirche in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts gewonnen.

Hinsichtlich des Zeitpunktes der Kirchengründung in Lengerich könnte auch die von den Vorgängerbauten übernommene und bis heute fortgesetzte Ost-West-Ausrichtung der Kirche sein. Denn sie entspricht nicht exakt den Himmelsrichtungen. Dieser Umstand könnte ebenfalls einen Hinweis bieten, weil „eine ungenaue Ostung … aufgrund der Erfahrung mit frühen Kirchenbauten in Westfalen in der Regel auf ein hohes Alter des Gründungsbaus“ hinweise, wie die Archäologin Gabriele Isenberg festgestellt hat. Alles zusammen deutet also darauf hin, dass die erste Lengericher Kirche durchaus zwischen 859 und 887 entstanden sein könnte.

Dass sie allerdings an der Stelle einer vorchristlichen Kultstätte errichtete wurde, wie erstmals Johann von Münster zu Vortlage (1560 bis 1632) in seinem 1616 erschienenen Buch „Etliche Tafeln und fürnehmste Stücke, so in der Gräffl. Tecklenburgischen Kirche zu Lengercke ... angeschrieben seind“ angibt, ist eine Erfindung der frühneuzeitlichen Geschichtsschreibung des 16. und 17. Jahrhunderts, die allerorten „Heidentempel“ und vorchristliche Kultorte erfunden hat.

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