LWL-Klinik erinnert mit Theaterstück an Euthanasie-Opfer
„Widerliche Gedanken“

Lengerich -

Mit dem Schauspiel „Der Fall Ernst Lossa vor Gericht“ erinnert die LWL-Lengerich an die staatlich organisierten Morde an Patienten, die unter ihrem Dach zur Zeit des Nationalsozialismus begangen wurden. In dem Stück geht es um die wahre Geschichte eines Jungen, der in die grausame Maschinerie gegen „unwertes Leben“ geriet.

Mittwoch, 04.09.2019, 05:56 Uhr aktualisiert: 04.09.2019, 17:34 Uhr
Laden ein zur Aufführung des Schauspiels „Der Fall Ernst Lossa vor Gericht“: Neil Rhodes alias Ernst Lossa, Monika Zintel (Arbeitsgruppe Gedenkpfad), Regisseur Karlheinz Arndt, Elvira Sumin (Darstellerin) und Stephan Bögershausen, stellvertretender Pflegedienstleiter (von links). Das Stück wird im Rahmen des „Aktiven Erinnerns“ der LWL-Klinik gezeigt, eine Veranstaltungsreihe, die mit der Eröffnung des Gedenkpfades (kleines Foto) ins Leben gerufen wurde.
Laden ein zur Aufführung des Schauspiels „Der Fall Ernst Lossa vor Gericht“: Neil Rhodes alias Ernst Lossa, Monika Zintel (Arbeitsgruppe Gedenkpfad), Regisseur Karlheinz Arndt, Elvira Sumin (Darstellerin) und Stephan Bögershausen, stellvertretender Pflegedienstleiter (von links). Das Stück wird im Rahmen des „Aktiven Erinnerns“ der LWL-Klinik gezeigt, eine Veranstaltungsreihe, die mit der Eröffnung des Gedenkpfades (kleines Foto) ins Leben gerufen wurde. Foto: Katja Niemeyer

Neil Rhodes ist aufgeregt. Wegen der Rolle, die er übernommen hat. Und weil ihm der Inhalt des Theaterstückes nahe geht. Neil Rhodes ist Mitglied des „Theater in der Klinik“-Ensembles, das demnächst den Schauspiel „Der Fall Ernst Lossa vor Gericht“ im Festsaal der LWL-Klinik aufführt. Darin schlüpft der Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasiums in die Rolle des Ernst Lossa, der in der Zeit des Nationalsozialismus in die grausame Maschinerie gegen „unwertes Leben“ geriet und schließlich am 8. August 1944 umgebracht wurde.

Auf die Frage, warum er sich entschieden hat, die Rolle zu übernehmen, sagt Neil Rhodes: „Ich finde es interessant, zu erfahren, wie die Täter auf derart widerliche Gedanken gekommen sind.“ Mit der Aufführung will die Klinik an die staatlich organisierten Morde an Patienten erinnern, die im Rahmen des Euthanasie-Programmes unter ihrem Dach begangen wurden.

Die Täter – das sind in dem Stück ein Anstaltsleiter sowie Pflegekräfte. Sie treten auf als Angeklagte in einem Gerichtsverfahren, das 1949 vor einem Amtsgericht geführt wurde und das auf Grundlage von Prozessakten für den Dokumentarfilm rekonstruiert wurde. Der Anstaltsleiter wurde demnach zu drei Jahren Haft verurteilt, wobei 16 Monate in einem amerikanischen Internierungslager voll auf die Haft angerechnet wurden. Die Reststrafe trat er nie an. Sie wurde ihm später von der Landesregierung erlassen.

Frei erfunden in dem Schauspiel sind die Auftritte des Ernst Lossa. „Aus alten Dokumenten wurde abgleitet, wie er sich in der Situation wohl verhalten hätte“, erläutert Karlheinz Arndt, Regisseur des „Theaters in der Klinik“.

Der damals 13-jährige Ernst Lossa war wegen seiner rebellischen Art als „nicht erziehbar“ eingestuft worden und in eine bayerische Nervenheilanstalt eingewiesen worden. Mit knapp 15 wird sein Leben mittels einer tödlichen Injektion durch Anstaltsmitarbeiter beendet.

„Die Proben zu dem Stück sind gar nicht so einfach. Wir sind jedes Mal aufs Neue fassungslos“, erklärt Elvira Sumin, die in dem Stück eine willfährige Pflegerin spielt. Das langjährige Mitglied des „Theater in der Klinik“-Ensembles hat in früheren komödiantischen Aufführungen meist für Lacher gesorgt. „Da brauchte man sich nicht so viele Gedanken machen. Das ist hierbei etwas ganz anderes“, erläutert die Laiendaerstellerin, warum das Thema „sie immer wieder einholt“.

Regisseur Arndt hat den Fall Ernst Lossa als nüchternes Stück inszeniert. In grauen Farben gekleidet, sitzen die insgesamt fünf Schauspieler als „nichtssagende“ Figuren während der gesamten Aufführung auf der Bühne. Bei ihren Einsätzen schlüpfen sie andeutungsweise in ihre jeweiligen Rollen. Der Staatsanwalt wirft sich dann zum Beispiel eine Robe über, während der Anstaltsleiter in einen weißen Kittel schlüpft. Die Theatertruppe steht seit mehr als 30 Jahren mit zumeist Komödien auf der Bühne der LWL-Klinik. „Ernsthafte Stücke wie dieses haben wir nur ganz selten im Programm“, sagt Arndt.

„Der Fall Lossa vor Gericht“ ist Mittelpunkt des diesjährigen „Aktiven Erinnerns“, einer Veranstaltungsreihe, die die Klinik vor zwei Jahren mit der Eröffnung des Gedenkpfades ins Leben gerufen hat. Damit will das Haus an die 440 Menschen erinnern, die in insgesamt drei Transporten in den Jahren 1940/41 unter anderem in die berüchtigte Tötungsanstalt Hadamar deportiert wurden. Ihre Namen sind eingraviert auf einer Gedenktafel im Innehof historischer Gebäude, zu der der Pfad führt. „Bei der Begehung des Pfades geht es darum, sich verunsichern zu lassen – eine besondere Möglichkeit, der Opfer zu gedenken und ein guter Anlass, für heute und morgen Verantwortung zu übernehmen“, betont der stellvertretende Pflegedienstleiter Stephan Bögershausen, der zusammen mit einer Arbeitsgruppe maßgeblich an der Entstehung des Gedenkpfades mitgewirkt hat.

Bögershausen hofft nach eigenen Worten auf zahlreiche Teilnehmer. Die Veranstaltung ist für ihn nicht weniger als eine Probe aufs Exempel. Die Resonanz zeige, inwieweit es der Klinik gelingt, die Erinnerung an das dunkle Kapitel des Hauses wach zu halten, sagt er.

Bleibt zu hoffen, dass der engagierte Mitarbeiter nicht enttäuscht wird.

Zum Thema

Ab 14 Uhr lädt die LWL-Klinik am 21. September Angehörige von Opfern der nationalsozialistischen Euthanasie zu einem Treffen ein. Im gemeinsamen Gespräch besteht die Möglichkeit, sich über Erfahrungen und einzelne Geschichten ihrer Verwandten auszutauschen. Anmeldungen hierzu nimmt Britta Mrohs (' 0 59 71/91 27 91 00) entgegen.

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