Bon-Pflicht: Was wird in Lengerich gesagt
„Unsere Kunden haben kaum Verständnis“

Lengerich -

Was halten Geschäftsleute und auch Kunden von der Bon-Pflicht, die ab dem 1. Januar in Deutschland gilt? Antworten auf diese Frage haben die WN bei einem Rundgang über den Wochenmarkt und durch die Geschäfte der Bahnhofstraße bekommen.

Sonntag, 29.12.2019, 17:16 Uhr aktualisiert: 30.12.2019, 16:13 Uhr
Philipp Wittman kann auf dem Wochenmarkt weiter mit der sogenannten offenen Ladenkasse arbeiten. Im Betrieb in Ibbenbüren wurden seinen Worten zufolge aber rund 10 000 Euro für ein neues Kassensystem ausgegeben.
Philipp Wittman kann auf dem Wochenmarkt weiter mit der sogenannten offenen Ladenkasse arbeiten. Im Betrieb in Ibbenbüren wurden seinen Worten zufolge aber rund 10 000 Euro für ein neues Kassensystem ausgegeben. Foto: Gernot Gierschner

Ab dem 1. Januar ist es so weit: In Deutschland gilt die Kassenbon-Pflicht. Die neue gesetzliche Regelung hat in den vergangenen Wochen für mächtig Diskussionen gesorgt und viel Kritik hervorgerufen. Selbst innerhalb der Bundesregierung wurde die Maßnahme durch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) infrage gestellt. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hingegen verwies auf Milliardeneinnahmen, die dem Staat bislang wegen der mangelnden Dokumentationspflicht verloren gegangen seien. Die WN haben sich in Lengerich umgehört und umgeschaut, wie Händler und Geschäftsleute mit der neuen Situation umgehen.

Erste Station: der Wochenmarkt. An vielen Marktständen besteht die Kasse nur aus einer Kassette mit Wechselgeld, die irgendwo zwischen der Ware steht. Philipp Wittmann von der Gärtnerei Paul Wittman blieb bei der Frage nach der Bonpflicht gelassen: „Betrifft uns eigentlich nicht. Wir haben das System der offenen Ladenkasse.“ Demonstrativ klopft er sich dabei an die Hüfte, wo das Wechselgeld- Portemonnaie steckte. „Dafür müssen wir ein tägliches Kassenbuch führen, morgens und abends die Scheine und Münzen zählen und das Ergebnis dokumentieren.“

Damit beschreibt er die Regeln für die sogenannte offene Ladenkasse, die weiterhin erlaubt bleibt. Die Bon-Pflicht besteht nur, wenn elektronische Aufzeichnungssysteme verwendet werden. Trotzdem ist auch die Gärtnerei Wittman von der Umstellung betroffen, wie der Juniorchef erklärt: „In unserem Betrieb in Ibbenbüren mussten wir natürlich in ein neues Kassensystem und eine digitale Buchführung investieren, da sind wir schnell mal bei 10 000 Euro.“ Er sieht darin eine notwendige Investition, um Steuergerechtigkeit herzustellen und schwarze Schafe zu überführen. „Unsere Kunden haben allerdings kaum Verständnis für die Bon-Pflicht. Wer drei Töpfe Heide für die Friedhofsbepflanzung kauft, schüttelt nur mit dem Kopf, wenn ich ihm einen Bon gebe.“

Bei vielen anderen Händlern ergibt sich ein ähnliches Bild. Selbst wo elektronische Waagen eingesetzt werden, die automatisch einen Kassenbon ausdrucken, können die Marktleute weiter das Prinzip der offenen Kasse anwenden, erklärt der Verkäufer am Gut-Erpenbeck-Stand.

Am Fischwagen gibt es nicht nur leckeren Kibbeling, sondern auch eine klare Meinung: „Blödsinn! Typisch deutsch. Eine Verschwendung von Steuergeldern und ganz schlecht für die Umwelt. Natürlich können unsere Waagen auch Kassenbons drucken, aber die Drucker laufen nur hier in Deutschland. Bei uns in Holland ist das cleverer gelöst. Ich muss nur einen Bon drucken, wenn der Kunde es verlangt.“ Und das gelte in den Niederlanden für jedes Geschäft, sagt der Mann aus dem Nachbarland. Es bestehe zudem die Möglichkeit, einen elektronischen Bon mit einer App aufs Handy zu bekommen. „Ohne Bürokratie und Papierverschwendung“, erklärt der Fischhändler weiter. Die Bon-Übermittlung per App oder E-Mail ist allerdings auch in Deutschland eine zulässige Variante.

Durchweg negativ ist das Stimmungsbild beim Thema Bon-Pflicht wenige Schritte weiter in den Läden der Bahnhofstraße. Auch unter den Kunden findet sich niemand, der für die neue Regelung ein gutes Wort übrig hat. Die meisten Einzelhändler haben sich indes auf die Neuerung eingestellt, viele sogar schon seit einigen Jahren. Einzig ein Friseur staunt nicht schlecht, als der Reporter für einen Herrenhaarschnitt einen Beleg fordert. Aber auch in diesem Fall kann nach kurzem Kramen in der Schublade geholfen werden – mit Quittungsblock und Stempel, wie in der guten alten Zeit.

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