Wie ein Lengericher von einem lange gehüteten Geheimnis aus dem Krieg erfährt
Verschleppt ins Feindesland

Lengerich -

2020 jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie sehr dieses Ereignis das Leben vieler Menschen geprägt hat, hat der Lengericher Gustav Echelmeyer erfahren, als er Nina Affanasjewna Toropowa kennenlernt.

Samstag, 04.01.2020, 08:35 Uhr aktualisiert: 04.01.2020, 08:40 Uhr
Gustav Echelmeyer (2. von rechts) Anfang der 2000er-Jahre zusammen mit Nina Affanasjewna Toropowa (links neben ihm).
Gustav Echelmeyer (2. von rechts) Anfang der 2000er-Jahre zusammen mit Nina Affanasjewna Toropowa (links neben ihm).

2020 jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs . In Europa schwiegen die Waffen ab dem 8. Mai, im Pazifikraum mit der Kapitulation Japans am 2. September. Das Land, in dem mit Abstand die meisten Opfer beklagt wurden, war die Sowjetunion. Die Rede ist von mehr als 26 Millionen toten Zivilisten und Soldaten. Wie tief sich all das Erlebte in die Köpfe und Herzen der Menschen eingebrannt hat, erlebt noch Jahrzehnte später der Lengericher Gustav Echelmeyer :

Eilige Studierende, geschäftige Garderobenfrauen, Studentinnen, die ihre Kleider und ihre Frisuren vor großen Spiegeln richten, eine Hausmeisterin in einem kleinen Glasverschlag, von wo sie alles beobachten kann und die Treppe mit ihren ausgewaschenen Stufen nach oben. Das ist der Eingangsbereich der Staatlichen Universität Iwanowo in Russland.

Der Besucher aus Deutschland steht zum ersten Mal in der Halle. Ständig klappen die Schwingtüren des Windfangs, in einem dauernden Strom kommen Menschen herein oder verlassen das Gebäude. Russisch dringt an sein Ohr. Unverständlich. Fremd. „Ich fühlte mich mutterseelen allein,“ erzählt Gustav Echelmeyer. Der Lehrer hat mehr als 20 Jahre an der Hochschule Seminare für zukünftige Deutschlehrer abgehalten, unterstützt von Pastor Dieter Stork (damals Emsdetten) und dem inzwischen verstorbenen Medienpädagogen Rainer Zimmermann aus Dortmund.

Iwanowo war zur Sowjetzeit das Zentrum der Textilindustrie. Jetzt ist es eine der ärmsten Regionen im russischen Riesenreich. Die Textilindustrie ist praktisch zusammengebrochen, die Arbeitslosigkeit hoch. Es ist das Jahr 1996.

Mit klopfendem Herzen steigt Gustav Echelmeyer die Stufen in den ersten Stock hinauf, wendet sich nach links in einen langen Flur mit vielen Türen. Auf einmal ist alles anders. Die Infotafeln sind in deutscher Sprache, die Deutschland-Fahne ist aufgehängt, von den Bildern an den Wänden grüßen Goethe, Schiller und Heine. Es gibt Plakate von lieblichen Rheinlandschaften und Flyer von Münster, dem Münsterland, Iwanowos Partnerstadt Hannover und – Gustav Echelmeyer traut seinen Augen nicht – von Lengerich.

Zaghaft klopft er an die Tür, an der steht „Lehrstuhl für romanische und germanische Sprachen“. Er hört nichts. Vorsichtig drückt er die Klinke, öffnet die Tür einen Spalt: „Hallo!“ schallt es ihm entgegen. Das gesamte Kollegium schaltet von Russisch auf Deutsch, als der Besucher in der Tür steht.

Kurz darauf geht es weiter ins Nachbarzimmers. Hinter einem kleinen Schreibtisch, umgeben von raumhohen Regalen voll deutscher Bücher, sitzt eine ältere kleine Frau mit Brille und sehr lebendig funkelnden Augen. „Das ist Professor Dr. Nina Affanasjewna Toropowa , Leiterin unseres Lehrstuhls“, wird ihm die Unbekannte vorgestellt. Sie sei freundlich, aber auch zurückhaltend, erzählt der Lengericher. Diese Zurückhaltung hatte einen tieferen Grund. Der Schleier um ein damit verbundenes lange gehütetes Geheimnis lüftet sich nur ganz allmählich.

Vier Mal war Nina Affanasjewna Toropowa während ihres langen Lebens in Deutschland. Vor etwas mehr als 20 Jahren kommt sie erstmals nach Lengerich. Der Freundeskreis Iwanowo, 1996 gegründet, hatte diesen Besuch ermöglicht. Ein Schwerpunkt der Arbeit des Freundeskreises lag auf dem Austausch von Studenten und Dozenten zwischen den Universitäten Iwanowo und Vechta.

Während des Aufenthaltes bei den Echelmeyers gibt es viele Abende mit langen und spannenden Gesprächen. Als Nina Affanasjewna Toropowa wieder nach Russland zurückgekehrt, sind sich die Lengericher, die mit ihr gesprochen hatten, einig: In ihren Erzählungen ist irgendetwas nicht stimmig.

Klarheit bringt ihr nächster Besuch. Leise und stockend erzählt sie, dass sie als junges Mädchen während des Krieges nach Deutschland verschleppt worden war. Sie landete in einem kleinen Dorf in der Nähe von Freiburg und musste dort auf einem Bauernhof arbeiten. „Das war aber nicht schlimm“, erzählt sie den Lengerichern, „die Kinder des Bauern mussten auch arbeiten“. Eines Tages sagte sie zur Überraschung der Bauernfamilie ihren ersten deutschen Satz: „Denken kann man viel.“ Die fremde Sprache lernte sie schnell. Am Ende des Krieges gelang ihr zusammen mit einigen Landsleuten die Rückkehr in die Heimat. „Wir haben nach dem Krieg gehungert“, erfahren die deutschen Freunde, „und als es zu essen gab, war die Qualität sehr schlecht.“

Mit ihren guten Deutschkenntnissen begann sie ein Studium der Germanistik. „Modalpartikel in der deutschen Sprache“, auch Füllwörter genannt, wurden ihr Forschungsgebiet.

Bevor es soweit war, dass deutsche Dozenten in Iwanowo ihre Arbeit aufnehmen konnten, kam es bei Nina Affanasjewna Toropowa zu einer intensiven Befragung. Auch die Fachveröffentlichungen von Gustav Echelmeyer wurden genauestens geprüft. Offensichtlich waren die Verantwortlichen zufrieden. Denn für 23 Jahre fuhren er, Dieter Stork und Rainer Zimmermann mindestens ein Mal pro Jahr nach Russland und führten an der Uni Methodikseminare für zukünftige Deutschlehrerinnen durch.

Beim drittem Besuch der Lehrstuhlleiterin in Lengerich wird wieder über ihre Deutschland-Erfahrungen während des Krieges gesprochen. Sie sagt: „Ich habe es bei meiner Familie in Deutschland immer gut gehabt. Allerdings blieb Deutschland in meinem Lebenslauf ein weißer Fleck. Hätte ich davon zur Stalin-Zeit berichtet, hätte ich keine Chance auf höhere Bildung gehabt. Niemand, außer meinem Mann, wusste davon, nicht einmal meine Tochter. Erst nach dem Ende der Sowjetzeit konnte ich ihr davon erzählen.“

Und sie erklärt auch, warum die deutschen Dozenten einer längeren Befragung unterzogen wurden. „Nach meinen Kriegserfahrungen hatte ich niemals daran gedacht, dass ich es noch einmal mit Deutschen zu tun haben werde. Und deshalb musste ich doch genau wissen, wen wir in unsere Universität einladen.“

Eines Morgens bietet Gustav Echelmeyer seinem Gast an, mit ihr in das Dorf bei Freiburg zu fahren. Er hatte telefonisch Kontakt zu „ihrer“ Familie aufgenommen. Die jüngste Tochter des Bauern lebt noch und kann sich sehr gut an Nina erinnern. Sie weint am Telefon: „Unsere Mutter ist letztes Jahr gestorben. Wenn sie das doch noch hätte erleben können! Sie hat oft gefragt: Was wohl aus unserer Nina geworden ist?“

Einige Tage später fährt man nach Süddeutschland. Am Ortseingang muss angehalten werden. Nina Affanasjewna Toropowa steigt aus und läuft aufgeregt hin und her, schaut hinter jeden Busch, erzählt Gustav Echelmeyer. Dann kommen sie dort an, wo sie einige Zeit ihr Zuhause hatte. Das Bauernhaus ist fast noch so erhalten, wie sie es kannte. Im ersten Stock gibt es auch noch ihr Zimmer, das sie mit den Kindern des Bauern geteilt hatte. Später wird sie im Rathaus begrüßt, die Presse berichtet und das Fernsehen ist da.

Auf der Rückfahrt sagt sie zu Gustav Echelmeyer: „Einmal wollte ich da noch hin. Jetzt kann ich in Ruhe sterben.“

Nina Affanasjewna Toropowa lebt inzwischen bei ihrer Tochter in Twer, Osnabrücks russischer Partnerstadt. Reisen kann sie nicht mehr. Kontakt nach Deutschland gibt es noch über das Internet.

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