Der Abriss des „Bethania“-Krankenhauses
Ein Polit-Drama in den 80ern

Lengerich -

Ende April 1987 wurde das letzte Kapitel einer Geschichte geschrieben, die über mehrere Jahre die Gemüter vieler Lengericher erhitzte: „Bethania“, das alte Krankenhaus, fiel dem Abrissbagger zum Opfer. Und das, obwohl so mancher das Gebäude gern erhalten hätte.

Montag, 06.01.2020, 05:27 Uhr aktualisiert: 06.01.2020, 05:30 Uhr
Demonstranten versuchten im April 1987 den Abriss zu verhindern
Demonstranten versuchten im April 1987 den Abriss zu verhindern Foto: Karlheinz Arndt

Ende April 1987 wurde das letzte Kapitel einer Geschichte geschrieben, die über mehrere Jahre Lokalpolitik und Verwaltung beschäftigte und die Gemüter vieler Lengericher erhitzte: „Bethania“, das alte Krankenhaus, fiel dem Abrissbagger zum Opfer. Und das, obwohl es in der Bürgerschaft offenbar viele gab, die sich wünschten, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen und zu erhalten.

So erreichte der Widerstand gegen einen Ratsbeschluss aus dem Frühjahr 1986, der den Abbruch vorsah, ein Jahr, am 24. April, später noch einmal einen Höhepunkt. Die WN schrieben: „Die Verwaltung hatte es wohl befürchtet und den Abbruch des alten Krankenhauses daher geheim gehalten bis zum Donnerstag, dem Tag, an dem der Bagger kam. Freunde des Hauses Bethania, Befürworter eines Erhaltes, protestierten am Freitagmorgen gegen den Abriss. Um 5.30 Uhr, so einer der Demonstranten, seien sie bereits auf dem Gelände an der Stadtverwaltung gewesen. Als um 6.30 Uhr die Arbeiter der Abbruchfirma eintrafen, umringte eine Kette von Menschen, die betttuchstreifen in den Händen hielten, das Gebäude.“ Etwa eineinhalb Stunden später erschien Stadtdirektor Helmut Denter auf der Bildfläche. Erfolglos forderte er die Demonstranten auf, das Gelände zu verlassen. „Noch mehr junge Leute setzten sich auf den Erdwall und sangen nun ein Lied auf das Haus „Bethania“. Ein eingeschalteter Lkw-Motor übertönte das Singen, doch die Gruppe ließ sich nicht beirren.“

Von Erfolg gekrönt war der Widerstand indes nicht. Bereits gegen 9 Uhr „kapitulierten“ die Demonstranten und „räumten das Feld“. Der Abriss nahm seinen Gang.

Immerhin: Das Portal wurde ausgebaut „und soll in einer möglicherweise an dieser Stelle erbauten Veranstaltungshalle integriert werden, wie aus der Verwaltung verlautete“, war wenig später in der Zeitung zu lesen.

Aus der Veranstaltungshalle wurde bekanntermaßen nichts. Das Portal fristete für lange Zeit sein Dasein auf dem Gelände des städtischen Baubetriebshofes und wurde erst auf Initiative einer Gruppe des Heimatvereins 2017 an alter Stelle wiederaufgebaut.

Wie brisant und emotional aufgeladen das Thema war, zeigte sich noch in einer folgenden Sitzung des Hauptausschusses. Der sollte die Ausgaben für den Abriss – es ging um 70 000 Mark – billigen. Die Mittel waren zuvor per Dringlichkeitsbeschluss bereitgestellt worden. Karlheinz Arndt, der für die Grünen im Ausschuss saß, sprach beim Abriss von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“. Eine Wortwahl, gegen die sich Dr. Werner Lichtenberg ( CDU ) verwahrte, der wiederum davon sprach, dass es eine Tendenz gebe, „Beschlüsse des Rates nicht zu respektieren“.

Mit der „Bethania“-Zukunftsfrage hing seinerzeit noch eine andere für die Stadtentwicklung wichtige Entscheidung zusammen. Ende Januar 1985 erläuterte Stadtdirektor Denter, wie es um die Zukunft der seit Oktober 1984 leer stehenden Gebäude stehe. „Einmal überlege die Arbeiterwohlfahrt, im alten Krankenhaus eine Einrichtung der Altenfürsorge zu schaffen. Zum anderen habe der benachbarte Kfz-Betrieb Interesse am Kauf von Flächen bekundet“, gaben die WN den Stand der Dinge wieder. Dann erinnerte Denter an Überlegungen, die Verwaltung im Schwesternwohnheim unterzubringen. Ein Plan, der in die Tat umgesetzt wurde. Den Grundsatzbeschluss dazu fasste der Rat bereits im März 1985. Parallel wurde das Alte Rathaus zur Heimat von Stadtbücherei und Tourist-Information. Die Kosten für den Umbau des Schwesternwohnheims wurden mit 3,1 Millionen Mark veranschlagt, die des Alten Rathauses zunächst mit 410 000 Mark. Letzteres reichte allerdings bei Weitem nicht. Schlussendlich wurden es 730 000 Mark.

Das führte zum einen zu scharfen Kontroversen zwischen Teilen des Rates und der Verwaltung und zum anderen zu einem vorübergehenden Baustopp. Nachdem im Oktober 1987 CDU und Grüne den überplanmäßigen Mehrausgaben ihre Zustimmung verweigerten, ruhten die Arbeiten. In einem Kommentar in den WN war von einem „Trauerspiel“ die Rede. In der Verwaltung liefen derweil Handwerkerrechnungen von 60 000 Mark auf, die zunächst nicht beglichen wurden. Am 12. November genehmigte der Rat die Mehrausgaben schließlich doch noch. Kurz vor Weihnachten folgte die offizielle Einweihung der Bücherei.

Bereits im Juli 1985 hatten die WN die Lengericher aufgerufen, ihre Sicht der Dinge zur „Bethania“-Zukunft an die Redaktion zu schreiben. In den veröffentlichten Leserbriefen gibt es einen Tenor klar pro Erhalt. Im Oktober signalisiert das Westfälische Amt für Denkmalpflege zur Frage der Unterschutzstellung: „Wenn die Stadt Lengerich das Haus Bethania eintragen will: Wir haben nichts dagegen.“ Doch der Rat lehnt einen entsprechenden Antrag der Grünen kurz darauf ab. Den wesentlichen Grund benennt Stadtdirektor Denter: „Kommt Bethania auf die Denkmalliste, müssen wir das Gebäude auch ohne Zuschüsse sanieren.“ Wenige Monate später, am 29. April 1986, kommt es schließlich zum Abriss-Beschluss. An dieser Entscheidung ändert sich auch nichts, als das Amt für Denkmalschutz im März 1987 anbietet, „bei der Lösung der Nutzungsfrage behilflich zu sein“. In einem weiteren Kommentar ist zu lesen, dass ein Zuschuss von drei Millionen Mark in Aussicht gestellt worden sein soll. In der entscheidenden Sitzung sprachen sich lediglich die fünf grünen Ratsmitglieder, vier von der SPD und eines von der FDP gegen die Bestätigung des Abbruchbeschlusses aus. 25 sagten „Ja“ zum Abriss.

Auch dieses Votum wird in den Westfälischen Nachrichten kommentiert. „Der Kampf um ,Bethania‘ wird in die Geschichte der Lengericher Kommunalpolitik eingehen wie das Gebäude selbst in die Annalen der medizinischen Versorgung.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7171662?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F175%2F
Nachrichten-Ticker