Die Geschichte der Heuerlinge
Viele Pflichten und kaum Rechte

Tecklenburger Land -

„Was Du siehst, wenn Du die Augen zumachst, das gehört Dir!“ Diesen prägnanten Ausspruch warf ein Bauer im Kreis Diepholz seinem aufmüpfigen Heuermann gegen 1900 in einem Streit an den Kopf, um ihm die bäuerliche Überlegenheit zu demonstrieren.

Donnerstag, 09.01.2020, 13:10 Uhr aktualisiert: 09.01.2020, 13:20 Uhr
Warmer Abbruch: Leerstehende Heuerlingskotten wurden vielfach -- etwa als Feuerwehrübung -- niedergebrannt. Kreise und Gemeinden zahlten sogar eine Abbruchprämie zur Entfernung dieser „Schandflecken“.
Warmer Abbruch: Leerstehende Heuerlingskotten wurden vielfach -- etwa als Feuerwehrübung -- niedergebrannt. Kreise und Gemeinden zahlten sogar eine Abbruchprämie zur Entfernung dieser „Schandflecken“. Foto: Werner Beermann

Er traf damit diesen wie die Sachlage so sehr, dass seine Familie den ihre Gesellschaftsschicht demütigenden Spruch mit seinen Umständen über Generationen mündlich bewahrte, bis er über 100 Jahre später bei der Erforschung des Heuerlingwesens verschriftlicht wurde.

Nachzulesen ist dies in der leicht erweiterten Neuauflage des Buches „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen“ von Dr. Helmut Lensing und Bernd Robben . Mit inzwischen gut 17 000 gedruckten Exemplaren ist es nach Angaben der Autoren eines der erfolgreichsten regionalgeschichtlichen Bücher Nordwestdeutschlands in den vergangenen Jahrzehnten.

„Der Heuermann war ein Sklave bei den Bauern . . .  Keine Rücksicht wurde genommen an Samstagen, da mußte der bäuerliche Hof draußen gesäubert werden, ohne Rücksicht, daß die Heuerleute-Frauen ihre Kinder auf den Sonntag vorbereiten konnten, ob ein Familientag war, . . . sie waren eben Heuermann, oder wenn dessen Frauen Kinder stillen mußten in der Erntezeit, die mußten nachgebracht werden und dann hinter Gattern. Hatte aber das Pferd des Bauern ein Füllen, dies mußte zu Frühstück oder Vesper nach dem Stall, die Heuerlingsfrau mußte sehen, wie sie fertig wurde . . . Heuerlingskinder wurden in allen Bereichen zurückgestellt  . . .  Kinder bloß acht Jahre zu Schule, damit diese nicht zu klug wurden, sonst blieben keine mehr zur Ausbeutung“.

Diese ungelenk-zornigen Zeilen fanden sich im Dezember 1971 in einem Leserbrief in Südoldenburg. Sie zeigen, warum das Heuerlingswesen auf dem Land so lange ein „heißes Eisen“ war. Heimatvereine und andere Institutionen mieden in den nachfolgenden Jahrzehnten das Thema, um keinen Streit im Dorf auszulösen. Denn die Nachfahren der Bauern und der Heuerlinge, in Teilen Westfalens auch als Kötter oder Häusler bezeichnet, beurteilen das Heuerlingssystem häufig völlig unterschiedlich.

2014 gaben der emsländische Hoferbe und pensionierte Rektor Bernd Robben und der Grevener Historiker Dr. Helmut Lensing ein Buch heraus, das seitdem für Gesprächsstoff sorgt. Das Werk mit dem Untertitel „Betrachtungen und Forschungen zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland“ beschäftigte sich erstmals mit dem Heuerlingswesen von der Entstehung in der frühen Neuzeit bis zum schnellen Untergang in der Nachkriegszeit.

Kötter erhielten vom Bauern meist einen alten Kotten und etwas Land zur Bearbeitung, hatten dafür aber auf Abruf unbegrenzte Arbeitshilfe auf dem Hof zu leisten. Um zu überleben, mussten sie sich zunächst Geld, zumeist mit der Bearbeitung von Leinen oder als Hollandgänger, später in zahlreichen Nebenberufen wie Imker, Holzschuhmacher, Wald-, Straßen-, Kanal- oder Bauarbeiter, hinzuverdienen. Dazu kamen Industrieheuerlinge, im Münsterland etwa in der Textilindustrie. Prägend für alle war ihre Abhängigkeit vom Bauern.

Das Buch zeichnet mit zahlreichen Illustrationen und eingestreuten Zeitzeugenberichten ein lebendiges, anschauliches und differenziertes Bild von Alltag derjenigen Landbewohner, die nicht über Landbesitz verfügten. Mit der Demokratie von Weimar erhielten die ländlichen Unterschichten erstmals volle Wahl- und Bürgerrechte. Im Münsterland vertrat der im Kreis Coesfeld 1919 gegründete linkskatholische „Westfälische Bauernbund“ die Interessen der Kötter und Kleinbauern. Mit ihm trugen die Heuerleute erstmals ihre Belange in die Politik. Im Kreis Beckum leitete sogar eine Frau den Verband auf Kreisebene und kam dadurch als einzige Frau in den Gemeinderat und den Kreistag. Bislang zählten die Heuerleute und die meist aus ihren Reihen stammenden Mägde und Knechte wenig im Dorf – ohne Wahlrecht und Besitz lebten sie im Kaiserreich am Rand der ländlich-bäuerlichen Gesellschaft.

Nachdem die erste Auflage von 3000 Exemplaren innerhalb von drei Wochen vergriffen war, folgten rasch neue, immer wieder leicht veränderte oder erweiterte Auflagen. Sie waren jeweils innerhalb von Wochen vergriffen. Nun ist die 9., wiederum leicht veränderte und erweiterte Auflage erschienen. Die Autoren wurden im Raum zwischen niederländischer Grenze und Ostwestfalen-Lippe zu weit über 100 Vorträgen eingeladen, da das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Köttern und Bauern auch Jahrzehnte nach dem Erlöschen des Heuerlingswesen noch ein hitzig diskutiertes Thema ist.

Zu den Ursachen des Erfolgs meint Helmut Lensing: „Hier wird das Alltagsleben auf dem Lande einmal nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel der Bauern gesehen, sondern vor allem das Leben der unterbäuerlichen Schichten geschildert. Offenbar fühlten sich die Heuerlinge und deren Nachfahren in bisherigen Veröffentlichungen mit ihrer Geschichte nicht ausreichend repräsentiert, denn gerade unter ihnen – und besonders bei den Frauen – ist das Buch sehr begehrt, wie uns die Buchhändler zurückmelden“.

Bei der Darlegung der Geschichte der Heuerlinge werfen die beiden Autoren immer wieder einen Blick auf die Lage der Frauen aus der ländlichen Unterschicht, die bislang höchst selten zu Wort kam.

In der 9. Auflage sind die beiden abschließenden Kapitel des Buches erweitert worden. Das eine beschäftigte sich mit dem Ende des Heuerlingswesen nach 1945. Das andere zeigt auf, was heute noch vom Heuerlingswesen geblieben ist. Im vorletzten Kapitel wird nun besonders ein Blick auf das Leben der Landfrauen in den 1950er Jahren geworfen. Bei der Modernisierung der Landwirtschaft stand seinerzeit die technische Ausstattung des Hofes im Mittelpunkt, nicht Verbesserungen im Haushalt in den häufig abgelegenen Höfen. So wurden vielfach Landfrauen aktiv, wie an Beispielen aus Lienen und Kattenvenne gezeigt wird, um etwa gemeinsam im Dorf Gefrierhäuser oder Gemeinschaftsanlagen mit modernen Waschmaschinen zu betreiben. Letzteres machte dem sehr mühsamen und zeitintensiven Wäschewaschen am Gewässer oder mit Wasser aus dem Hofbrunnen – eine Aufgabe der Frauen und Mädchen – ein Ende.

Vom Kotten zur Luxuswohnung

Das Buch ist im Buchhandel (ISBN 978-3-9818393-1-9) zum Preis von 24,90 Euro erhältlich oder kann direkt bestellt werden unter kontakt@emslandgeschichte.de (zzgl. Versandkosten). Über die Wandlung der ärmlichen Heuerlingskotten zu modernsten Wohnungen, mit vielen Beispielen in Wort und Bild, veröffentlichten die Autoren ebenfalls ein reichhaltig bebildertes Werk unter dem Titel „Heuerhäuser im Wandel – Vom ärmlichen Kotten zum individuellen Traumhaus“ (ISBN I 978-3-9818393-2-6, 339 S., 29,90 Euro).

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