Wechsel in der Leitung der Familien-Beratungsstelle
Wenn Schwäche zur Stärke wird

Lengerich -

Die Entwicklung der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Diakonischen Werkes seit der Aufnahme der Arbeit vor 39 Jahren spiegelt für Friedrich Thoss in gewisser Weise den gesellschaftlichen Wandel in den fast vier Dekaden wider. Jetzt hat sich der 65-Jährige in den Ruhestand verabschiedet. Seine Nachfolgerin ist Inga Heilemann.

Dienstag, 21.01.2020, 06:13 Uhr aktualisiert: 21.01.2020, 06:20 Uhr
Stabübergabe in entspannter Runde. Friedrich Thoss (links) scheidet als Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Diakonischen Werkes aus und geht in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin wird Inga Heilemann, in der Stefan Zimmermann, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, eine gute Wahl sieht.
Stabübergabe in entspannter Runde. Friedrich Thoss (links) scheidet als Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Diakonischen Werkes aus und geht in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin wird Inga Heilemann, in der Stefan Zimmermann, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, eine gute Wahl sieht. Foto: Michael Baar

„Es hat ganz spärlich angefangen. Im vergangenen Jahr haben dann rund 2000 Menschen – Fachleute und Familien – den Kontakt zur Diakonie gesucht“, blickt der 65-Jährige auf diese Zeitspanne zurück. Bis Ende 2019 hat er die Beratungsstelle geleitet, jetzt ist er Ruheständler.

„Ruheständler im Praktikum“, wirft Inga Heilemann mit einem Lachen ein. Denn offiziell verabschiedet wird Friedrich Thoss am 21. Februar. Seine Nachfolgerin greift noch auf seinen Erfahrungsschatz zurück, schließlich steht sie erst seit dem 1. Dezember 2019 im Dienst der Diakonie. Wie es zu diesem Einstellungswandel gekommen ist, darüber sind sich die beiden Diplom-Psychologen einig: „Früher wurden Konflikte in der Familie gehalten nach dem Motto, wer damit nach außen geht, kriegt‘s nicht gebacken. Heute ist es ein Zeichen für Stärke, wenn man sich bei Pro­blemen professionelle Hilfe holt.“

Überschaubar sei die Zahl der Bewerbungen auf diese Stelle gewesen, räumt Stefan Zimmermann ein. Dass mit Inga Heilemann eine ausgewiesene Fachfrau, die wie ihr Vorgänger auch psychologische Psychotherapeutin ist, gefunden wurde, freut der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg. Schließlich habe man nicht einen reinen Psychologen gesucht, sondern auf den Therapiebereich in der Ausschreibung ausdrücklich hingewiesen.

Dass Inga Heilemann Erfahrung in der Trauma-Therapie hat, ist für Stefan Zimmermann „ein weiterer Pluspunkt, auch wenn wir Trauma-Therapie überhaupt nicht anbieten“. „Es hilft, Menschen zu verstehen“, weiß die 28-Jährige aus ihren Tätigkeiten in der LWL-Klinik und einer Ambulanz-Praxis in Münster. Wenn Eltern oder ein Elternteil ein Trauma erlebt habe, wirke sich das oft auf die anderen Familienmitglieder aus. „Da hilft Erfahrung, die oft vorhandene Sprachlosigkeit aufzubrechen“, berichtet sie. Egal, ob Fluchterlebnisse, Gewalt oder sexuelle Gewalt diese seelische Verletzung hervorgerufen haben.

Ein wesentlicher Grund, sich auf diese Leitungsstelle zu bewerben, ist für Inga Heilemann „die große Aufgabenvielfalt in diesem Bereich, die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern sowie die Einbindung in ein Team“. Zustimmendes Nicken von Friedrich Thoss und die Ergänzung, „dass die Konzentration der Angebote im Beratungszentrum vor knapp vier Jahren noch mal einen großen Schub gegeben hat“.

Berufliche und private Übereinstimmungen

Neben den beruflichen Qualifikationen gibt es weitere Übereinstimmungen zwischen Friedrich Thoss und Inga Heilemann, die von ihm die Leitung der Diakonie-Beratungsstelle für Familien, Kinder und Jugendliche übernimmt. Beide wohnen in Münster und geben Fotografieren als eines ihrer Hobbys an.Der 65-Jährige freut sich jetzt auf ein „nicht durchgetaktetes Leben“ mit wandern, segeln und Sprachen lernen. „Ich lasse das auf mich zukommen, mal sehen, was sich da herauskristallisiert“, sagt der Familienvater.Etwas mehr Freiraum hat seine 28 Jahre alte Nachfolgerin durch den Arbeitgeberwechsel gewonnen. „Statt zwei Arbeitsstellen ist es jetzt eine“, schmunzelt sie. Mit der Folge, dass die Volleyballerin wieder mehr Zeit für diesen Sport hat und in ihr Team beim Verein Blau-Weiß Aasee Münster zurückgekehrt ist. Eine Alternative zum Schmettern, Baggern und Pritschen ist für sie der Umstieg aufs Rennrad. „Aber nur zum privaten Gebrauch, nicht für Rennen.“ Auf diese Unterscheidung legt die Ledige großen Wert.

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Der Wandel, da sind sich die beiden einig, werde sich fortsetzen. Eine große Herausforderung sei dabei, die niedrigschwelligen Angebote zu halten beziehungsweise dass diese weiter von vielen Rat- und Hilfesuchenden genutzt werden. „Das ist nicht einfach, weil immer mehr Familien den ganzen Tag unterwegs sind“, verweist Friedrich Thoss auf eine weitere Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Früher sei in der Regel nur ein Elternteil arbeiten gegangen, es gab keine Ganztagsschulen und Kinder seien oft erst im Alter von vier Jahren in den Kindergarten gekommen.

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