Offizielle Eröffnung der Beratungsstelle „Bethanien Sternenkinder“
Wenn eine Welt zusammenbricht

Lengerich -

In Lengerich gibt es seit Kurzem eine von bundesweit sieben Sternenkinder-Beratungsstellen der Bethanien Diakonissen-Stiftung. Leiterin ist Ulrike Michel. Sie sagt, dass pro Monat 30 bis 40 Betroffene kommen, weil sie um ein Kind trauern, das während der Schwangerschaft oder während beziehungsweise kurz nach der Geburt gestorben ist.

Dienstag, 04.02.2020, 18:16 Uhr aktualisiert: 05.02.2020, 17:54 Uhr
Ulrike Michel kümmert sich um Eltern, die während der Schwangerhaft oder während der Geburt beziehungsweise kurz danach ein Kind verloren haben.
Ulrike Michel kümmert sich um Eltern, die während der Schwangerhaft oder während der Geburt beziehungsweise kurz danach ein Kind verloren haben. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Im oberbayrischen Miesbach und in Hamburg, in Bochum und in Heidelberg ist die Bethanien Diakonissen-Stiftung unter anderem mit ihren Beratungsangeboten für Eltern von Sternenkindern vertreten. Seit Kurzem gibt es einen siebten Standort – in Lengerich an der Kienebrinkstraße 15a. Dort sollen Mütter und Väter, Großeltern und Geschwisterkinder Hilfe finden, wenn ein Kind im Mutterleib oder während beziehungsweise kurz nach der Geburt verstirbt. Am 7. Februar werden geladene Gäste die offizielle Eröffnung feiern; im April soll ein Tag der offenen Tür folgen. Doch Ulrike Michel ist bereits voll in ihre neue Stelle hineingewachsen.

Die 50-Jährige leitet die Beratungsstelle und hat durch ihre Arbeit als Hebamme, Trauma-Fachberaterin und ihre Ausbildung zur sogenannten Sterbeamme langjährig Erfahrungen für ihre Aufgabe gesammelt. Ulrike Michel erzählt, dass die Suche nach der passenden Immobilie rund ein Jahr gedauert habe. Auch Dank der Hilfe des örtlichen Hospiz-Vereins sei man schließlich in Lengerich fündig geworden. Eine gute Verkehrsanbindung und die Atmosphäre im Haus seien wesentliche Faktoren gewesen, die für die Wahl Kienebrinkstraße gesprochen hätten, so die Tecklenburgerin. Im November wurde schließlich die Arbeit aufgenommen.

Angebote

In der Sternenkinder-Beratungsstelle können Einzel-, Paar- und Gruppengespräche wahrgenommen werden. Zu den Veranstaltungen im ersten Halbjahr 2020 gehören unter anderem ein „Gesprächskreis für Paare, deren Kind verstorben ist“ und ein „Gesprächskreis für Frauen nach einem notwendig erachteten Schwangerschaftsabbruch“. Es gibt im März unter dem Titel „Die Liebe bleibt“ ein Wochenende für trauernde Eltern und am Samstag, 15. Februar, den Tageskursus „Früher Verlust in der Schwangerhaft – und dann geht einfach alles weiter?“. Am Freitag, 13. März, sind Großeltern eingeladen, die ein Enkelkind verloren haben. Und am letzten Mittwoch eines Monats findet immer das „Sternenkinder-Café“ statt. Zudem will Ulrike Michel Fortbildungen für Hebammen, Ärzte, Seelsorger und andere Personen anbieten, die berufsbedingt mit trauernden Eltern zu tun haben. Nähere Informationen sind in der Beratungsstelle erhältlich (' 0 54 81/32 66 239, E-Mail sternenkinder.ms-os@bethanien-stiftung.de, Internet www.bethanien-sternenkinder.de).

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Geografisch soll das Dreieck Münster-Osnabrück-Rheine abgedeckt werden. Die Inanspruchnahme der Dienste ist für Betroffene kostenlos. Die Angebote „helfen, die erste Fassungslosigkeit zu überwinden und Eltern durch ihre Trauer zu begleiten“, heißt es seitens der Stiftung. Die Leiterin betont dabei, dass jede Situation und jeder Betroffene individuell betrachtet werde. Zum einen, weil der Umgang mit Trauer immer wieder anders sei, zum anderen, weil beispielsweise eine frühe Fehlgeburt in der Regel anders wahrgenommen werde als der Tod eines Kindes bei der Geburt. Michel spricht „von ganz unterschiedlichen Varianten von Verlusterfahrung“. In jedem Fall könnten die Personen, die in die Sternenkinder-Beratungsstelle kommen, sicher sein, dass ihnen zugehört und ihre Gefühle und Gedanken ernst genommen werden.

Aus ihrer Erfahrung weiß die Mutter zweier erwachsener Kinder, dass oft Überwindung dazu gehört, den Kontakt aufzunehmen. „Viele sind sehr aufgeregt.“ Durch die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Hebammen soll die Beratungsstelle bekannt werden. Ulrike Michel schätzt, dass pro Monat 30 bis 40 Betroffene ins Haus Kienebrinkstraße 15 kommen. Manche nähmen dabei einen Anfahrtsweg von eineinhalb Stunden auf sich.

Deutlich werde bei ihrer Arbeit immer wieder, dass sich der Umgang mit dem Tod in der Gesellschaft verändert hat, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. „Das klassische Trauerjahr gibt es ja schon lange nicht mehr.“ Stattdessen seien Druck und Erwartungen „von außen“ gestiegen. Eltern hätten so vielfach das Gefühl, sie müssten trotz des Todes ihres Kindes schon bald wieder „funktionieren“. Diese „Werteverschiebungen“ führten zusätzlich zur Trauer zu „total großer Ratlosigkeit und Unsicherheit“.

Dabei müsse die Umwelt zur Kenntnis nehmen, dass für die Familien nach dem Tod eines Kindes erst einmal „nichts mehr gut“ sei und auch „die Zukunft stirbt“. Es sei ein langer Prozess, wieder zu sich zu finden, „Boden unter die Füße zu bekommen“ und Lebensqualität zurückzugewinnen. Das fange an bei Fragen wie „Wie kann ich wieder schlafen?“, sagt Ulrike Michel, und gehe hin bis zur Definition des eigenen Selbstbildes.

Natürlich werde während der Sitzungen und Treffen um Fassung gerungen und geweint. Aber es gehe durchaus nicht nur „todernst“ zu. „Hier darf auch gelacht werden“, versichert die Tecklenburgerin. Sie empfindet ihre Tätigkeit als äußerst „sinnstiftend“. Ihr Lohn: „Große Dankbarkeit.“

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