Reha GmbH: Zuverdienst hilft psychisch kranken Menschen
Mit Arbeit raus aus der Isolation

Lengerich -

Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, hat es häufig auch auf dem Arbeitsmarkt schwer. In Lengerich kann in solchen Fällen die Reha GmbH eine Lösung bieten – in Form des sogenannten Zuverdienst.

Freitag, 28.02.2020, 16:46 Uhr aktualisiert: 01.03.2020, 15:48 Uhr
In der Kontakt- und Beratungsstelle Café Regenbogen arbeiten aktuell sieben sogenannte Zuverdienstler wie der 24-jährige Marc*. Die regelmäßige Beschäftigung ist laut Leiter Jörg Achterberg (rechts) wichtig für gesellschaftliche Teilhabe und die psychische Stabilisierung.
In der Kontakt- und Beratungsstelle Café Regenbogen arbeiten aktuell sieben sogenannte Zuverdienstler wie der 24-jährige Marc*. Die regelmäßige Beschäftigung ist laut Leiter Jörg Achterberg (rechts) wichtig für gesellschaftliche Teilhabe und die psychische Stabilisierung. Foto: Reha GmbH

Mit einer psychischen Erkrankung regelmäßig zu arbeiten, ist häufig schwierig. Die Reha GmbH für Sozialpsychiatrie bietet deshalb Menschen mit seelischen Störungen im sogenannten Zuverdienst „Arbeit nach Maß“. So können Betroffene allmählich wieder ins Arbeitsleben einsteigen oder langfristig wenige Wochenstunden arbeiten. Ihre Beschäftigung wird dabei flexibel an die aktuelle Belastungsgrenze angepasst. Ein niedrigschwelliges Angebot mit großer Wirkung.

„Für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist Beschäftigungslosigkeit besonders problematisch“, sagt Klaus Hahn , Geschäftsführer der Reha GmbH, einer Tochtergesellschaft der Ledder Werkstätten. „Seelische Störungen führen auch im privaten Umfeld häufig zu sozialer Isolation. Diese wird durch Beschäftigungslosigkeit verstärkt.“ Einsamkeit wirke sich wiederum negativ auf die seelische Gesundheit aus.

Genauso ist es Heike Förster ergangen. Die 41-Jährige erkrankte mit 13 Jahren erstmals psychisch. Nach mehreren längeren Klinikaufenthalten konnte sie als junge Erwachsene zwar in ihrer eigenen Wohnung leben, war aber sozial isoliert: „Ich saß Zuhause, und mir fiel die Decke auf den Kopf.“ Unterstützung erhielt sie durch das Ambulant Betreute Wohnen der Reha GmbH. „Meine Betreuer haben mich damals immer wieder ermutigt, im Zuverdienst zu arbeiten.“ Doch die junge Frau hatte zunächst Bedenken: „Ich war sehr krank und vor allem auch ganz, ganz schüchtern. Ich habe kaum ein Wort herausgebracht.“ Wer Heike Förster heute sieht, kann sich das kaum vorstellen – so offen und reflektiert, wie sie über ihr Leben und ihre Krankengeschichte berichtet. Bis dahin war es aber ein langer Weg.

Die junge Frau hatte schließlich einer Beschäftigung zugestimmt und startete mit nur eineinhalb Stunden in der Kontakt- und Beratungsstelle Café Regenbogen. „Anfangs konnte ich selbst diese kurze Zeit nicht durchhalten.“ Doch ganz allmählich übernahm sie immer mehr Aufgaben und steigerte ihre Arbeitszeit. Mittlerweile hat Heike Förster eine reguläre 450-Euro-Stelle als Hauswirtschafterin im Café Regenbogen. „Das entspricht einer geringfügigen Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt“, sagt Jörg Achterberg, Leiter der Kontakt- und Beratungsstelle. „Heike managt den hauswirtschaftlichen Bereich und nimmt mir darüber hinaus noch so manche Aufgabe ab. Sie ist wirklich eine tolle Mitarbeiterin.“

Seit Start des Hilfsangebots vor 20 Jahren arbeiten nach Angaben der Reha GmbH durchschnittlich zwischen 20 und 40 Frauen und Männer im Zuverdienst der Reha GmbH. Die Aufgaben reichen von Montagetätigkeiten über Hausmeisterservice bis zu hauswirtschaftlichen Dienstleistungen und Catering. Im Café Regenbogen an der Bahnhofstraße sind aktuell sieben Zuverdienstler beschäftigt. „Bei uns arbeiten chronisch Erkrankte, die lange Klinikaufenthalte hinter sich haben, ebenso wie Menschen, die durch ihre Erkrankung ganz plötzlich aus dem Berufsleben herausgerissen wurden“, berichtet Jörg Achterberg. Und nicht zuletzt gebe es eine zunehmende Zahl junger Menschen, die noch vor dem Sprung ins Berufsleben stehe.

Zu ihnen gehört Marc Kramer*, der mehrmals wöchentlich im Café bedient. Der heute 24-Jährige musste wegen seiner Angststörung die Schule verlassen. „Danach hatte ich extreme Rückzugstendenzen.“ Der Schüler verbrachte viele Tage einfach im Bett. Aus dem Haus wagte er sich kaum noch. Sozialpsychiatrische Unterstützung erhielt der Lengericher damals nicht. Doch seine Ergotherapeutin vermittelte ihn dann in den Zuverdienst.

Die Aufnahme kann ganz einfach ohne Verordnung oder Kostenbewilligung erfolgen, da das Angebot auf freiwilliger Basis vom Kreis Steinfurt gefördert wird, heißt es von den Verantwortlichen der Reha GmbH. Über diesen unbürokratischen Einstieg kam Marc Kramer zu weiteren tagesstrukturierende Hilfsangeboten. „Mittlerweile kann ich mir wieder vorstellen, eine Ausbildung zu machen. Mir geht es gesundheitlich ganz klar besser und ich bin selbstständiger geworden.“

Das ist ein zentraler Aspekt am Zuverdienst: Ob er nun eine Vorbereitung für den ersten Arbeitsmarkt, einen Werkstattarbeitsplatz oder dauerhafte Beschäftigung ist, in dem meisten Fällen profitieren die Betroffenen gesundheitlich. Das hat auch Heike Förster erlebt. Sie fühlt sich heute psychisch stabiler und benötigt deutlich weniger Medikamente als früher. Und sie ist überzeugt: „Die regelmäßige Beschäftigung hat einen sehr großen Anteil daran.“

* Name wurde von der Redaktion geändert

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