Strafrichter Dr. Alexander Stevens liest aus seinem Buch „Aussage gegen Aussage“
Aufschlussreich, ernst und heiter

Lengerich -

Auf einen Streifzug durch die Welt des Strafrechts nahm Dr. Alexander Stevens die Besucher des Kulturforums mit. Der Strafrechtler las aus seinem neuen Buch „Aussage gegen Aussage – Urteile ohne Beweise“.

Mittwoch, 11.03.2020, 19:09 Uhr aktualisiert: 12.03.2020, 18:44 Uhr
Kurzweilig und anregend war die Lesung von Strafrichter Dr. Alexanders Stevens aus seinem neuesten Werk „Aussage gegen Aussage – Urteile ohne Beweise“, die das Kulturforum durchführte.
Kurzweilig und anregend war die Lesung von Strafrichter Dr. Alexanders Stevens aus seinem neuesten Werk „Aussage gegen Aussage – Urteile ohne Beweise“, die das Kulturforum durchführte. Foto: Detlef Dowidat

Es lag eine besondere Stimmung in der Luft. Seit Tagen wird nur über Corona gesprochen, auch in Lengerich. Davon ließen sich die Macher des Kulturforums, einer Stiftung der Stadtsparkasse, nicht beeindrucken. Sie starteten die Lesung „Aussage gegen Aussage“ mit Dr. Alexander Stevens , Fachanwalt für Strafrecht, im gut besuchten Saal. Die Zuhörer brauchten ihr Kommen nicht zu bereuen. Sie erlebten einen interessanten Abend mit einem Streifzug durch die vielen Facetten des Strafrechts.

Premierenlesung aus dem neuen Buch

„Wir haben lange überlegt, ob wir die Lesung absagen. Die Gefahr der Ansteckung hier im Raum ist sehr gering durch eine gute Klimaanlage. Zudem sind wir weniger als 1000 Besucher“, begrüßte Achim Glörfeld vom Vorstand der Stadtsparkasse die Gäste und legte schmunzelnd nach: „Wenn ich der Vita glauben schenken darf, ist Alexander Stevens Rettungssanitäter gewesen. Wir sind also bei ihm in guten Händen“. Dieser Aussage widersprach der Gast mit einem Lächeln: „Das ist lange, lange her. Ob da noch was hängen geblieben ist, bezweifle ich. Und Mund zu Mund Beatmung gibt es derzeit eh nicht“.

Trotz vieler Fernsehserien: Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Dr. Alexander Stevens

Alexander Stevens ist Fachanwalt für Strafrecht und als Buchautor und Anwalt in verschiedenen TV-Formaten bekannt. Zuletzt erschienen von ihm der Spiegel-Bestseller „9 ½ perfekte Morde“ sowie „Verhängnisvolle Affären“. Anfang Februar kam sein neuestes Werk „Aussage gegen Aussage – Urteile ohne Beweise“ auf den Markt. Darin beschreibt er spannende Pattsituationen und verrät dabei das richterliche Ergebnis erst zum Schluss, so dass der Leser überlegen muss: Wie würde ich entscheiden? „Das ist hier heute meine erste Lesung aus diesem neuen Buch. Ich bin mal gespannt, wie das ankommt“, bemerkte der Autor. „Tatort“, „CSI“ und viele andere Krimiserien erwecken den Eindruck, dass sich mithilfe der modernen Kriminaltechnik jeder Sachverhalt aufklären lässt. Die Wirklichkeit sieht anders aus“, schilderte Alexander Stevens. Ob Verkehrsunfall, Scheidungskrieg, Mord oder Vergewaltigung – in gut 70 Prozent aller Fälle beruhe eine gerichtliche Verurteilung auf der bloßen Aussage von Zeugen. Oft sei es sogar nur die Aussage eines Einzelnen, die der bestreitenden Aussage des Beklagten beziehungsweise Angeklagten gegenüberstehe.

„Kann die Aussage eines einzigen Zeugen wirklich genügen, um über Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld zu urteilen – mit oft sehr weitreichenden Folgen für das gesamte Leben der Betroffenen, wie etwa bei Sorgerechtsstreitigkeiten oder im Strafrecht, wo im schlimmsten Fall sogar lebenslängliche Haft droht?“, fragte Stevens. Wenn ja, wem würde man eher glauben? Dem Beschuldigten oder dem vermeintlichen Opfer? Kindern oder Erwachsenen? Frauen oder Männern? Bürgern oder Polizisten? Demjenigen, der mehr Zeugen auf seiner Seite hat? Was ist mit Zeugen, die zwar selbst nichts gesehen, aber vielleicht etwas gehört oder erzählt bekommen haben?

Was ist von Zeugenaussagen zu halten?

Und was sei von Zeugenaussagen überhaupt zu halten? Bedürfe es nicht immer wenigstens eines weiteren unabhängigen Beweises, wie DNA, Fingerspuren, Videoaufzeichnungen, Dokumente oder zumindest eines zusätzlichen, neutralen Zeugen, um in einem Rechtsstaat ein Gerichtsurteil sprechen zu dürfen? Schließlich heißt es doch „im Zweifel für den Angeklagten“. Kommen dann Beschuldigte immer davon, wenn es keine „echten“ Beweise gibt?

Einige dieser Fragen schilderte Alexander Stevens anhand von Passagen aus seinem neuen Werk. „Alles, was in dem Buch steht, stammt von realen Fällen.“ Allerdings unter Weglassen aller personenbezogenen Merkmale, erläuterte der Strafrichter.

„Sehr aufschlussreich, mal sehr ernst, mal heiter. Es war ein kurzweiliger und anregender Vortrag“, fand Achim Glörfeld. Mit dieser Lesung sei der Kulturwinter der Kulturstiftung abgeschlossen. Im September beginnt die neue Veranstaltungssession des Kulturforums.

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