Interview mit Fachdienstleiter Tino Bierbaum: Coronakrise stellt Familien vor Herausforderungen
Familien können an Grenzen stoßen

Tecklenburger Land -

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf das Familienleben aus. Tino Bierbaum, Fachdienstleiter Kinder, Jugend und Familie beim Caritasverband Tecklenburger Land, geht im Interview mit Redakteurin Annika Leimbrink auf die aktuelle Situation ein und erläutert, was in solchen Ausnahmezeiten für Familien wichtig ist.

Montag, 30.03.2020, 17:42 Uhr aktualisiert: 31.03.2020, 19:46 Uhr
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In Foto: Konstantin Yuganov - stock.adobe

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf das Familienleben aus. Tino Bierbaum , Fachdienstleiter Kinder, Jugend und Familie beim Caritasverband Tecklenburger Land, geht im Interview mit Redakteurin Annika Leimbrink auf die aktuelle Situation ein und erläutert, was in solchen Ausnahmezeiten für Familien wichtig ist.

 

Herr Bierbaum, welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf Familien?

 

Tino Bierbaum: Die aktuelle Situation stellt für Familien eine große Herausforderung dar. Routinen und Abläufe verändern sich ganz erheblich, ohne dass diese Dinge selbstbestimmt von der Familie aus geschehen. In der Regel gibt eine gewohnte Struktur Sicherheit und auch Energie. Nun aber besteht derzeit keine gewohnte Struktur mehr. Hinzu kommen unter Umständen auch existenzielle Ängste. Dadurch ist die Stressresistenz der Eltern geschwächt. Das kann natürlich zu Konfliktzuspitzungen innerhalb der Familie führen.

Schule zu, Kita zu, die meisten Eltern im Homeoffice: Wie sollten Familien den neuen, ungewohnten Familienalltag gestalten?

 

Bierbaum: Grundsätzlich sollten die Familien eine, den neuen Umständen entsprechende Tagesstruktur mit festgelegten Essens-, Spiel- und Lernzeiten erstellen. Mit den Kindern kann so ein Stundenplan für den Vormittag erarbeitet werden. Auch sollte sich gemeinsam etwas vorgenommen werden, zum Beispiel gemeinsam den Garten gestalten. Und gerade in der aktuellen Lage gilt es, auch nachsichtig zu sein, keinen Druck aufzubauen und den Humor nicht zu verlieren. Auch sollten die Erwartungen aneinander nicht zu hoch und Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sein.

Wie kann ich mein Kind dazu motivieren zu Hause zu lernen?

 

Bierbaum: Die Neugierde der Kinder für die sozialen Medien und die Möglichkeiten des Internets kann man sich hier vielleicht zunutzemachen und als Eltern Kinder dabei begleiten und unterstützen, einen Teil ihrer Aufgaben mit deren Hilfe zu bearbeiten. Auf Youtube gibt es beispielsweise gute Tutorials zur Erklärung von Mathematikaufgaben. Bei der Motivation helfen uns allen Belohnung, Anerkennung und auch Erfolgserlebnisse.

 

Und was tun, wenn das Kind Angst und Sorgen äußert?

 

Bierbaum: Eltern sollten die Ängste ihrer Kinder auf jeden Fall ernst nehmen, darüber sprechen und kindgerecht nachfragen. Wovor fürchtest du dich? Was findest du an dieser Situation schlimm? Man sollte Übertreibungen genauso vermeiden, wie die Verwendung von angstbesetzten Wörtern. Eltern sollten Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, eigene Unsicherheit oder Angst überträgt sich schnell auf das Kind.

Können Medien, also TV-Sendungen und Nachrichten, dabei unterstützen?

 

Bierbaum: Eltern können als Unterstützung zu ihrer Erklärung auch Filme oder Sendungen nutzen, wo das Thema kindgerecht aufgearbeitet ist. Bildliche Sprache kann Kindern helfen diese Situation zu verstehen. Es müssen aber Medien sein, die das Thema kindgerecht und verständlich aufbereiten.

Was ist, wenn doch Frust entsteht und Streit ausbricht?

 

Bierbaum: Allgemein gehalten hilft zunächst, rauszugehen, Sport zu treiben und sich Bewegung zu verschaffen. Natürlich können wir das jetzt nur unter den uns vorgegebenen Rahmenbedingungen. Auch hilft es, Aufgaben auf mehreren Schultern zu verteilen, gemeinsam vielleicht Zukunftspläne zu schmieden oder sich Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen und Absprachen für die individuelle Zeiteinteilung zu treffen.

Sie sind es gewohnt, Familien mit schwierigen familiären Situationen zu unterstützen. Wie sieht es bei diesen Familien aus?

 

Bierbaum: Diese Familien stehen grundsätzlich in dieser Zeit vor den gleichen Herausforderungen wie jede Familie. Aber, der Eindruck des Alleinseins verstärkt sich bei diesen Familien, denn die soziale Teilhabe von Alleinerziehenden, von Familien mit geringem Einkommen, von psychisch kranken Eltern und auch Familien in Trennungssituationen ohnehin geringer. Das verstärkt sich nun noch mal.

Wie wirkt sich die Coronakrise auf ihren Arbeitsalltag in der Erziehungsberatungsstelle aus?

 

Bierbaum: Die Kollegen aus den ambulanten Hilfen vermeiden Hausbesuche und den persönlichen Kontakt, stehen aber weiterhin über Telefon und Videotelefonie mit den Familien in Kontakt. In krisenhaften Situationen werden aber auch weiterhin Familien persönlich aufgesucht oder Termine außerhalb der Wohnung durchgeführt. Die Berater aus der Erziehungsberatungsstelle stehen neben der telefonischen Bereitschaft auch über die Online-Beratung der Caritas in Kontakt mit Ratsuchenden.

Abschließend: Glauben Sie, dass die Familien mit der Situation und der an sie gestellten Herausforderungen klar kommen werden? Wie ist ihre Wahrnehmung?

 

Bierbaum: Mit der Dauer der Restriktionen und Einschränkungen steigen der Stresslevel, der Kontrollverlust und die Hilflosigkeit. Das kann zu Ängsten, aber auch zu aggressiven Verhaltensweisen führen. Die Maßnahmen scheinen notwendig, sind aber nicht zum Wohle der Kinder und Familien. Zum jetzigen Zeitpunkt erlebe ich ein hohes Maß an Verständnis und Anerkennung für die getroffenen Maßnahmen. Gleichwohl schützt das die Familie nicht davor, an ihre Grenzen der Belastbarkeit zu stoßen.

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