Pfarrerin Sigrid Holtgrave über Seelsorge in Corona-Zeiten
Wenn die Distanz weh tut

Lengerich -

In Zeiten, in denen Menschen mit Problemen zu kämpfen haben, es ihnen womöglich schlecht geht, sind Seelsorger besonders gefordert. Doch wie sollen sie ihre Aufgaben bewältigen, wenn sie gleichzeitig Distanz halten müssen? Sigrid Holtgrave, Pfarrerin in Lengerich, ist mit dieser Situation momentan konfrontiert.

Sonntag, 05.04.2020, 15:02 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 17:46 Uhr
Sigrid Holtgrave
Sigrid Holtgrave Foto: Kiepker

Sich um die Seele anderer sorgen – wer über den Begriff „Seelsorger“ nachdenkt, wird schnell bei solchen Definitionen landen. Doch wie kann eine solche Aufgabe erfüllt werden in Zeiten, in denen Abstand statt Nähe zum Nächsten gefragt ist? Sigrid Holtgrave , Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde, erfährt in diesen Tagen und Wochen, dass es nicht immer einfach ist, diesen Teil ihres Berufes wie gewohnt und gewünscht zu erfüllen.

Besonders berührt haben sie die Beerdigungen, bei denen sie jüngst zusammen mit nur wenigen Familienangehörigen Abschied von Verstorbenen nehmen musste. Lediglich sechs bis neun Personen seien dabei gewesen. In der Friedhofskapelle seien entsprechend der Anmeldungen die genau passende Anzahl an Stühlen aufgestellt worden – mit dem geforderten Abstand zueinander. Als sie diese Szenerie das erste Mal erlebte, habe sie das nicht so leicht abschütten können. „Das tut einem weh.“

Und auch die Vorbereitung der Trauerfeiern laufe aufgrund der Corona-Pandemie anders als sonst ab. Holtgrave geht zwar zu den hinterbliebenen Familienangehörigen. Doch beim Gespräch seien dann nur ein, maximal zwei Personen dabei. „Und das natürlich mit viel Abstand.“

Schön findet die Pfarrerin, dass offenbar einige Familien eine zweite Trauerfeier für die Zeit nach Corona planen. Dann mit allen, die unter normalen Umständen bei der Beerdigung hätten dabei sein sollen und wollen. Da werde es den Gang zum Grab ebenso geben wie das gemeinsame Kaffeetrinken, berichtet sie von den Plänen.

Wenn es um die Frage geht, wie sie Kontakt hält zu den Menschen in der Gemeinde, erzählt Holtgrave, dass sie wieder mehr schreibt. Gerade mit Blick auf Ältere stellt sie fest: „Nicht jeder hat einen Computer oder eine E-Mail-Adresse und ist damit vertraut.“ Also gibt es handschriftliche Grüße oder auch einmal einen Bibelspruch. Und sie telefoniere mehr, beschreibt die Pfarrerin ihren Corona-Arbeitsalltag weiter. Sie stelle dabei positiv fest, dass viele bemüht seien, Kontakte zu anderen zu halten. Gleichzeitig merke sie, dass sich die Leute hilflos fühlen. „Ihnen sind die Hände gebunden, wenn sie beispielsweise Angehörige im Altenheim nicht besuchen können.“ Es sei für viele eine Art Wartestand.

In Sachen Kommunikation lobt Holtgrave ihren Kollegen Harald Klöpper, der die Internseite der Gemeinde im Blick habe und diese immer wieder neu mit passenden Inhalten fülle. Vor Ostern finden sich dort unter anderem für jeden Tag Passagen aus dem Johannes-Evangelium. Zudem übernehme die Kirchengemeinde derzeit eine Reihe von koordinierenden Aufgabe etwa bei der Vermittlung von Einkaufsmöglichkeiten und sonstigen Hilfsangeboten.

Die bevorstehenden Feiertage – Holtgrave: „Ostern ist das Fest der Christenheit“ – sieht sie als „große Herausforderung“. Es sei zwar so, dass sie ganz gut damit klarkomme, seltener in der Kirche zu sein, sei es in der Stadtkirche oder in Wechte. „Aber mir fehlt all das sehr, was damit verbunden ist: die Gottesdienste und das lebendige Gemeindeleben.“ An Ostern werde das in besonders ausgeprägter Form deutlich werden.

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