Wie sich die SPD in Lengerich nach dem Krieg neu organisierte
Altgediente Genossen gehen voran

Lengerich -

Heinrich Hüsemann war nicht nur von 1946 bis 1952 Bürgermeister von Lengerich. Der einstige Mitarbeiter der Firma Gempt war auch aktiv dabei, als sich die SPD nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt wieder zusammenfand und Anfang 1946 neu gründete.

Sonntag, 19.04.2020, 15:58 Uhr aktualisiert: 20.04.2020, 18:18 Uhr
Heinrich Hüsemann war Bürgermeister in Lengerich von 1946 bis 1952.
Heinrich Hüsemann war Bürgermeister in Lengerich von 1946 bis 1952. Foto: Bernd Hammerschmidt

Der 8. Mai 2020 ist der Tag, an dem vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa endete. An die letzten Kriegshandlungen und ihre Folgen in der Region ist in den WN bereits häufig erinnert worden (so noch am 13. März, dem Jahrestag des Bombenangriffs auf Hohne). In einer Serie soll diese Zeit nun noch einmal intensiv beleuchtet werden. Dieser Aufgabe widmen sich Aktive des Arbeitskreises Stadtgeschichte vom Heimatverein Lengerich:

In Lengerich waren es besonders Heinrich Hüsemann und Wilhelm Tiemann , die bereits im Mai 1945 – also kurze Zeit nach der Besetzung der Stadt – zu einer ersten Besprechung wegen der Neugründung der SPD in Lengerich einluden. Hüsemann (1878-1960) war seit 1906 Mitglied der Partei; nach Jahren der Tätigkeit bei der Firma Gempt arbeitete er viele Jahre für die AOK und wurde 1946 Bürgermeister in Lengerich. Tiemann (1892-1979) trat 1919 der SPD bei; bis 1945 arbeitete er bei Windmöller & Hölscher, bevor er bis zu seiner Pensionierung am 31. Januar 1957 in der Stadtverwaltung tätig war.

Bei der Besprechung waren im Wesentlichen Vertreter aus den großen heimischen Betrieben anwesend – es handelte sich vorwiegend um SPD-Mitglieder aus der Vorkriegszeit. Damit knüpften die Sozialdemokraten 1945 – wie an vielen anderen Orten in Westfalen – personell an die Zeit vor 1933 an. Sowohl Hüsemann als auch Tiemann hatten schon vor dem Zweiten Weltkrieg bis 1933 die SPD im Lengericher Stadtrat vertreten; beide wurden nach dem 20. Juli 1944 verhaftet. Damit waren sie repräsentativ für zahlreiche andere Genossen, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren, nun aber aktiv den Neuaufbau der Partei vorantrieben.

Bereits 1945 gab es auch einen Kontakt zwischen den in Lengerich bei der Neugründung der Partei aktiven Genossen und Kurt Schumacher (1895-1952), der Vorsitzender der Partei von 1946 bis 1952 war und in den Nachkriegsjahren als Gegenspieler von Konrad Adenauer galt. Der Kontakt zu dem prominenten Politiker wurde durch Hans Wunderlich hergestellt. Wunderlich (1899-1977), Journalist und SPD-Mitglied seit 1920, kam 1923 nach Osnabrück. Während der NS-Zeit arbeitete er als Gärtner in Lienen-Holperdorp; nach dem Zweiten Weltkrieg war er Mitglied des Parlamentarischen Rates, also einer der „Väter des Grundgesetzes“.

Vermutlich sind sich Hüsemann und Wunderlich während dessen „Exils“ in Lienen begegnet. Zudem dürfte die Erfahrung der Inhaftierung 1944 die beiden Männer einander näher gebracht haben. Man darf annehmen, dass die Beziehung zu Schumacher die programmatische Ausrichtung der SPD Lengerich in wesentlichen Punkten beeinflusst hat.

Die erste regionale programmatische Erklärung der SPD stammt aus dem Herbst 1945, als sich unter anderem Hans Wunderlich, Heinrich Hüsemann, Wilhelm Tiemann, Heinrich Grewe und August Wiesmann in der alten Mühle in Lengerich zusammenfanden und den Aufbau der Organisation im Kreis Tecklenburg besprachen. Zum ersten Vorsitzenden der Kreis-SPD wurde Hans Wunderlich gewählt. In der Sammlung Muncke im Kreisarchiv Steinfurt findet sich der folgende „Aufruf zur Gründung der sozialdemokratischen Partei für den Kreis Tecklenburg“, der hier in Auszügen wiedergegeben werden soll:

„Zwölf Jahre Nationalsozialismus haben Deutschland in einen Trümmerhaufen verwandelt. Hitler sagte dem Deutschen Volke: Gebt mir zehn Jahre Zeit und Ihr werdet Deutschland nicht wieder erkennen.

Wahrlich: Das Wort ist grauenhafte Wirklichkeit geworden!

Millionen Deutsche sind gefallen, in den Konzentrationslagern ermordet, an Entbehrungen gestorben. Das Reich ist zerrissen. Die Städte liegen in Trümmern.

Erfüllt von dem Willen, Deutschland vor der endgültigen Vernichtung zu bewahren und mitzuarbeiten am Wiederaufbau eines gesunden Staatswesens auf demokratischer Grundlage rufen wir alle auf, die den ehrlichen Willen haben an dieser großen wahrhaft nationalen Aufgabe mitzuarbeiten.

Vor uns liegt eine Arbeit, deren Umfang und Größe in ihren Einzelheiten kaum zu übersehen ist. Klar zeichnen sich jedoch die Grundforderungen ab.

Wir wollen:

1. Die Erhaltung des Deutschen Einheitsstaates.

2. Zusammenarbeit mit allen wahrhaft demokratischen Parteien zur Schaffung eines Staatswesens auf demokratischer Grundlage.

3. Vollständige Beseitigung aller Überreste des Naziregimes.

4. Wiederherstellung und Schutz der demokratischen Grundrechte des Volkes.

5. Wiederaufbau der zerstörten Gebiete, der Wirtschaft und des Verkehrs.

6. Sicherung der Ernährung, Schutz der Landwirtschaft.

7. Schutz der werktätigen Bevölkerung.

8. Wiedergutmachung des von den Nazis begangenen Unrechts.

9. Gerechte Verteilung der Lasten für den inneren und äußeren Wiederaufbau.

10. Friedliches Zusammenleben mit den anderen Völkern.

Die sozialdemokratische Partei hat seit Jahrzehnten die Gedanken der politischen und sozialen Gerechtigkeit vertreten. Sie nimmt den Kampf von neuem auf und ruft alle schaffenden Menschen in ihre Reihen.“

Nach der Zulassung politischer Parteien durch die Verordnung Nr. 12 der britischen Militärregierung vom 15. September 1945 trat die SPD Lengerich offiziell ab dem 1. Januar 1946 als Partei in Erscheinung. Die Mitgliederentwicklung seinerzeit war bemerkenswert: Gab es am 7. April noch 62 Mitglieder, waren es am 20. Dezember bereits 173. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie die Militärregierung die Einstellung der deutschen Bevölkerung im Juli 1946 einschätzte. Sie konstatierte ein geringes Interesse am (partei-)politischen Geschehen und sagte voraus: „Das Interesse der Bevölkerung für die Politik wird sich nicht eher steigern, als ihr die Sorgen in leiblicher Hinsicht genommen sind oder wenigstens ein erträgliches Maß angenommen haben.“

Eine zentrale Aufgabe der neugegründeten Partei war die Vorbereitung der ersten demokratischen Kommunalwahlen am 15. September 1946. Die britische Militärregierung unterstützte dies durch einen Aufruf, der mit den Worten endete: „Schließ Dich einer Partei an, informiere Dich politisch – arbeite mit, hilf mit, es gibt nur diesen einen Weg zur Freiheit.“

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