Gründung des Heimatvereins vor 125 Jahren
Die Stadt soll schöner werden

Lengerich -

Am 3. Mai vor 125 Jahren schlug mit der Gründungsversammlung des „Verschönerungsverein in Lengerich“ auch die Geburtsstunde des heutigen Heimatvereins. Dessen Vorsitzender Dr. Alois Thomes hat sich intensiv mit der Historie befasst.

Donnerstag, 30.04.2020, 17:08 Uhr aktualisiert: 03.05.2020, 16:40 Uhr
Dr. Friedrich Gottlieb Schaefer war eine der treibenden Kräfte bei der Gründung des Lengericher Verschönerungsvereins.
Dr. Friedrich Gottlieb Schaefer war eine der treibenden Kräfte bei der Gründung des Lengericher Verschönerungsvereins. Foto: LWL-Medienzentrum

Am Sonntag vor 125 Jahren streckte der erste Keim des Heimatvereins Lengerich sein Köpfchen ans Licht der Öffentlichkeit. Die Gründungsversammlung des „Verschönerungsverein in Lengerich“ fand am 3. Mai 1895 im Saal August Windmöller statt. „Eigentlich hätten wir das Jubiläum groß feiern wollen“, erzählt Dr. Alois Thomes , Vorsitzender des Heimatvereins, den Westfälischen Nachrichten. Die Corona-Pandemie hat einen Strich durch alle Planungen gezogen. „Wir hoffen, gegen Ende des Jahres doch noch einen Termin für ein Jubiläumsfest zu finden“, gibt er die Hoffnung auf eine gebührende Feier nicht auf.

Treibende Kräfte der Vereinsgründung waren Fabrikant Florens Windmöller (Vorsitzender), Amtmann Hilboll (stellvertretender Vorsitzender) und Dr. Friedrich Gottlieb Schaefer (Schriftführer), Direktor der damaligen Provinzial-Heilanstalt Lengerich. Zum Vorstand gehörten zudem Florens Welp (Kassierer) und Hermann Hölscher (Beisitzer).

Der am 3. Mai 1895 gegründete Verschönerungsverein hat sich in seiner Satzung folgende Ziele gesetzt: „Der Verein stellt sich die Aufgabe, durch Anlage und Verbesserung von Fußwegen, deren Instandhaltung, die Umgebung von Lengerich in Flur und Wald für Spaziergänger und Freunde der Natur leichter zugänglich zu machen, durch Anpflanzungen an geeigneten, dem Verein zu diesem Zweck angewiesenen Stellen, zur Verschönerung der Umgebung Lengerichs beizutragen, auch an geeigneten Stellen Sitzplätze anzulegen und zu unterhalten sowie im Sinne der Bestrebungen geeignete Maßnahmen bei den Grundeigentümern anzuregen.“

Alois Thomes hat aus Anlass des Jubiläums in den erhaltenen Unterlagen recherchiert und unter anderem ermittelt, dass neben der Pflege von Wegen und dem Aufstellen von Bänken und Hinweisschildern auch Ausflüge organisiert wurden. Weiter schreibt er: „Mit Blick auf den geschichtlichen Kontext ist festzuhalten, dass die Gründung des Verschönerungsvereins in die Zeit der rasanten Umwälzungen von der Agrar- zur Industriegesellschaft fällt. In Kreisen des Bürgertums gab es in den schnell anwachsenden Städten vermehrt engagierte Personen, die die negativen Auswirkungen der Industrialisierung für die Natur sahen und sich dafür einsetzten, der fortschreitenden Zerstörung der Stadt- und Landschaftsbilder entgegenzuwirken. So wie in Lengerich wurden in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung 1871 in vielen Städten und Dörfern Vereine gegründet, die sich die Heimatpflege als Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft auf ihre Fahnen schrieben. Das Spektrum der Aktivitäten der Vereine umfasste erstens die wissenschaftliche Aufarbeitung und Bewahrung der Zeugnisse aus Kultur und Natur, des Weiteren den Aufbau von Sammlungen und Archiven und schließlich die Verschönerung der Städte und Gemeinden. So wie der Vereinsname es zum Ausdruck bringt, ging es für die Gründungsväter also vorrangig um den Aspekt der Bewahrung der Natur und der Schaffung von Erholungsräumen für die Stadtbevölkerung.

An der Person von Dr. Schäfer , einem der Gründungsväter des Vereins, lässt sich dieses Ansinnen besonders gut aufzeigen. Dr. Friedrich Gottlieb Schäfer war von 1884 bis 1924 Direktor der damaligen Provinzial-Heilanstalt in Lengerich (heutige LWL-Klinik). In der zunehmenden Landschaftsveränderung durch die Industrie und durch die vielen Kalkwerke am Teutoburger Wald sah Dr. Schäfer die idyllische Umgebung seiner Heilanstalt gefährdet und eine Beeinträchtigung der Genesung der Patienten durch Lärm, Schmutz und Staub. Es war auch Dr. Schäfer, der sich einige Jahre später gegen den Plan wehrte, die Trasse der Teutoburger Waldeisenbahn unmittelbar südlich des Heilanstaltsgeländes zu verlegen. Jedoch ohne Erfolg!

Ergänzend sei erwähnt und das unterstreicht sein Engagement im Vorstand des Verschönerungsvereins, dass es Dr. Schäfer ein großes Anliegen war, die Heilanstalt zu öffnen und eine stärkere Anbindung an die Stadt Lengerich zu erreichen.

Im Mittelpunkt der Vereinsaktivitäten der ersten Jahre stand die Anlage des Stadtparks unterhalb des Scheibenstands am Stapenhorstschen Weg. Es folgte aber auch eine Öffnung des Vereins über die Stadtgrenzen hinaus. 1903 schloss sich der Verein dem ein Jahr zuvor gegründeten Teutoburger Gebirgsverband an (heute Teutoburger Wald Verband, in dem der Heimatverein immer noch Mitglied ist). 1915 wurde der Verschönerungsverein Mitglied im Westfälischen Heimatbund, zu dem der Heimatverein auch heute noch gehört.

Ein zweiter wichtiger Meilenstein in der 125 jährigen Vereinsgeschichte war die Gründung des ersten Heimatvereins Lengerich am 27. Januar 1924. Während der Verschönerungsverein seinen Aufgaben im Bereich der Natur- und Landschaftspflege weiter nachging, wurde unter dem Vorsitz des Lehrers Gustav Schallenberg durch den neu gegründeten Heimatverein ein breiteres Spektrum der Heimatpflege abgedeckt. Heimatliebe und -verbundenheit als ein politischer Schwerpunkt unter dem Eindruck der Folgen des Ersten Weltkriegs und des Versailler Vertrags waren die besonderen Antriebsfedern. Im Bericht im Tecklenburger General Anzeiger zur Gründungsversammlung heißt es: ,Mehr denn je muss heute die Parole sein, den Heimatsinn zu pflegen und die Liebe zur heimatlichen Scholle zu wecken. Nur dann sind die großen Aufgaben zu erfüllen, die der verlorene Krieg uns gestellt, nur dann kann der Wiederaufbau des Vaterlandes gelingen.‘

Bis zum Beginn der Gleichschaltung und Auflösung der Vereine unter den Nationalsozialisten gab es also in Lengerich zwei Vereine nebeneinander, für die das Thema Heimat unter verschiedenen Blickwinkeln im Mittelpunkt der Aktivitäten stand.

Zusammen mit dem Verkehrsverein erfolgte durch die endgültige Gleichschaltung am 26. Juni 1938 der Zusammenschluss der Vereine zum Heimat- und Verkehrsverein Lengerich i.W.. Mit der neuen Satzung stellte der Verein seine gesamte Tätigkeit in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie.“

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