125 Jahre Heimatverein Lengerich (Teil 2)
Traditionen und stetiger Wandel

Lengerich -

Am 3. Mai vor 125 Jahren schlug mit der Gründungsversammlung des „Verschönerungsverein in Lengerich“ auch die Geburtsstunde des heutigen Heimatvereins. Dessen Vorsitzender Dr. Alois Thomes hat sich intensiv mit der Historie befasst.

Sonntag, 03.05.2020, 16:40 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 17:22 Uhr
Seit 2005 ist das ehemalige Beccard‘sche Haus Domizil der Heimatfreunde.
Seit 2005 ist das ehemalige Beccard‘sche Haus Domizil der Heimatfreunde. Foto: Heimatverein

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1947 das Jubiläum 800 Jahre Gründung Lengerichs als passende Gelegenheit zur Wiederbegründung des Heimatvereins ausgewählt. Seinerzeit sah man sich sowohl in die Tradition des 1924 gegründeten Heimatvereins als auch in die des Verschönerungsvereins von 1895.

Die großen Herausforderungen waren für die Aktiven die Kriegsfolgen und Fragen nach einer Neuorientierung in der Heimatpflege. Dabei ging es vor allem auch um einen „Brückenschlag“ zwischen den Einheimischen und den Vertriebenen, deren Heimatgefühl vor allem durch den Verlust der Heimat bestimmt war.

Der Vorsitzende des Vereins war bis 1952 Heinrich Hollenberg . In seinem letzten Amtsjahr hatte der Verein bereits 350 Mitglieder. Wichtige Veranstaltungen wurden im Verlauf der 1950er Jahre die regelmäßigen Klönabende, die sonntäglichen Wanderungen und im Winter die monatlichen Kulturabende mit Film- und Diavorträgen. Darüber hinaus wurden die bald sehr beliebten „Großwanderungen“ ins Jahresprogramm aufgenommen.

In den Neuanfängen liegen auch die Wurzeln für die breitgefächerten Aktivitäten, die heute das Markenzeichen des Vereins sind. Mit der Wandergruppe, der Handwerkergruppe, der Spielegruppe, der Volkstanzgruppe, der Spinn- und Handarbeitsgruppe, der Plattdeutschen Gruppe, der Singgruppe, der Trachtengruppe, dem Arbeitskreis Stadtgeschichte und den Blumen- und Gartenfreunden präsentiert sich der Verein, der zur Zeit etwa 430 Mitglieder zählt, als Einheit in der Vielfalt.

Die vereinsinternen Veranstaltungen wie die Kaminabende im Januar, Jahreshauptversammlung mit Wegge-Essen, Frühlingsfest im März, Grillabend im Juli, Schnadgang im August und Grünkohlessen kurz vor dem Advent nehmen im Jahresprogramm einen festen Platz ein. Mit seinen Aktivitäten ist der Heimatverein zu einem wichtigen Baustein im kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Stadt geworden.

Unter dem Motto „Tradition trifft Zukunft“ sind die Aktivitäten gebündelt, die sich an Kinder und Schüler richten und die sich auf die Zusammenarbeit des Heimatvereins mit den Kindergärten und Schulen beziehen. Zu nennen sind die Plattdeutsche Gruppe mit ihrem Angebot in den Grundschulen oder die Auftritte der Volkstanzgruppe mit kleinen Tänzern aus den Kitas. Beispielhaft als generationenübergreifendes Projekt steht aktuell die Herausgabe des Stadtführers „Lengerich, entdeckt von Kindern und Erwachsenen“, der durch die Verleihung des Heimatpreises 2019 des Kreises Steinfurt in besonderer Weise gewürdigt wurde.

Ein wichtiges Kapitel in der Historie sind auch die Heimatstuben und das Heimathaus. In der Festschrift „100 Jahre Heimatpflege in Lengerich“ heißt es dazu: „Einen spürbaren Aufschwung erlebte die Vereinsarbeit 1968, als die Stadt Lengerich im Schultebey-ringhof für den Verein drei Räume zur Verfügung stellte. Endlich konnten umfangreiches Archivmaterial und etwa 400 heimatgeschichtliche Bücher untergebracht und besser genutzt werden.“

Damit verfügte der Verein erstmals über eigene Räume. Mit dem Ausbau eines Archivs und dem Aufbau eines Heimatmuseums, die bis 1985 einhergingen mit Umbauarbeiten am Schultebeyringhof, ist der Name Gert Schumann eng verbunden, der von 1969 bis 1989 Vereinsvorsitzender war. Der genannten Festschrift, die voll des Lobes über das „einzige Museum in der Stadt“ und über „wunderschöne Räume“ ist, ist aber auch zu entnehmen, dass die Heimatstuben viel zu klein waren und nach Möglichkeiten für eine räumliche Erweiterung gesucht wurde. Es ist die Rede von einem zentral gelegenen „Kulturzentrum“. Man schielte dabei sogar auf das Gempt‘sche Gelände.

Zehn Jahre später, am 21. Mai 2005, ging der lang gehegte Wunsch in Erfüllung. Ein neues Heimathaus, das sogenannte Beccard‘sche Haus, Bergstraße 10, wurde eingeweiht. Es war zwar kein Gebäude mit großen Ausstellungs- und Versammlungsräumen, aber ein Heimathaus in Eigenbesitz, in zentraler Lage und als eines der ältesten typischen Ackerbürgerhäuser von 1648 ein Haus mit Geschichte.

2003 bot sich dem Vorstand unter dem damaligen Vorsitz von Erich Knemöller die Möglichkeit, das unter Denkmalschutz gestellte Fachwerkhaus zu erwerben. Mit viel Eigenleistung wurden die Räume den besonderen Anforderungen an ein Heimathaus unter Beachtung des Denkmalschutzes umgestaltet. Für Besucher bieten die Ausstellungsräume heute Einblicke in alte Handwerkskunst und frühere Wohnverhältnisse. Und für die Mitglieder passende Versammlungsräume.

125 Jahre Vereinsgeschichte zeigen, dass der Heimatgedanke unter den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen einem stetigen Wandel unterworfen war und immer wieder neue Akzente im Vereinsleben gesetzt wurden. Gleichwohl lassen sich aber von den Anfängen der Heimatpflege in Lengerich im ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum heutigen Jahresprogramm auch klare Traditionslinien erkennen.

So knüpft die Gruppe der Garten- und Blumenfreunde mit ihren Zielen der „Wahrung eines naturnahen Wohnumfeldes und Verschönerung der Heimat“ an die Tradition des Verschönerungsvereins von 1895 an. In gleicher Weise gilt dies für die Wandergruppe mit ihren vielfältigen Angeboten des Wanderns und Radfahrens.

125 Jahre Heimatpflege in Lengerich stehen für Verbundenheit und Wertschätzung der Stadtgeschichte, des Stadtbildes, des traditionellen Kulturgutes und der Erhaltung eines stadtnahen Natur- und Erholungsraums.

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