Jugendschöffengericht ahndet Bedrohung mit Freiheitsstrafe auf Bewährung
Nach Körperverletzung ist es jetzt Liebe

Lengerich -

Im März vergangenen Jahres soll ein 20-jähriger Lengericher im Streit mit seiner Freundin versucht haben, diese mit einer Bettdecke zu ersticken. Dafür musste er sich jetzt vor dem Amtsgericht Ibbenbüren verantworten. Nicht nur der Vorsitzende Richter nahm erstaunt zur Kenntnis, dass gut ein Jahr nach diesem Vorfall das Paar eine gemeinsame einjährige Tochter hat.

Freitag, 08.05.2020, 06:06 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 17:18 Uhr
Das Amtsgericht Ibbenbüren
Das Amtsgericht Ibbenbüren Foto: Wilhelm Schmitte

Trennwände aus Plexiglas, Schutzmasken und Desinfektionsmittel bestimmten das Bild im Saal 14 des Amtsgerichts Ibbenbüren. In der ersten Verhandlung des Jugendschöffengerichts nach dem Lockdown ging es um zweifache gefährliche Körperverletzung und Bedrohung in einer Wohnung in Lengerich.

Die Staatsanwaltschaft warf dem 20-jährigen Angeklagten aus Lengerich vor, im März 2019 seine damalige gleichaltrige Freundin in einem Streit auf das Bett geworfen und versucht zu haben, sie mit einer Bettdecke zu ersticken. Dabei soll er gedroht haben: „Jetzt stirbst du hier.“ Nachdem die Frau sich befreien und ins Bad flüchten konnte, kam es wenig später zu einer zweiten Auseinandersetzung.

Innerhalb kurzer Zeit zwei Auseinandersetzungen

Der Aufforderung der Frau, er solle seine Sachen packen und ihre Wohnung verlassen, kam der Mann nur scheinbar nach. Unvermittelt trat er seiner in der neunten Woche schwangeren Freundin in den Bauch. Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass der Embryo tot war. Deshalb umfasste die Anklage auch den Tatvorwurf des Schwangerschaftsabbruchs. Dieser musste im Verlauf der Verhandlung fallengelassen werden, da nicht nachweisbar war, ob der Tritt zum Schwangerschaftsabbruch geführt habe oder ein anderer Umstand.

Der Angeklagte ließ durch seinen Anwalt erklären, sich nicht zur Sache zu äußern. So musste die als Nebenklägerin auftretende Geschädigte zu dem Tatgeschehen befragt werden. Die Zeugenvernehmung erfolgte mit einer Dolmetscherin, da Angeklagter und Zeugin rumänische Staatsbürger sind und der Verhandlung nur in ihrer Muttersprache folgen konnten.

Der Tatvorwurf des Schwangerschaftsabbruchs durch einen Tritt wurde fallengelassen

Dabei trat – wie der Vorsitzende Richter anmerkte – Erstaunliches zu Tage. Nicht nur, dass Täter und Opfer wieder eine Liebesbeziehung unterhalten. Sie sind inzwischen auch Eltern einer fast einjährigen Tochter. Die junge Frau versuchte offensichtlich – sich auf Erinnerungslücken berufend und einer positiven Aussage – den Vater ihres Kindes zu schützen. Als der Richter sie unmissverständlich darüber aufklärte, welche Folgen eine Falschaussage vor Gericht für sie habe und die junge Frau einem Zusammenbruch nah war, griff der Verteidiger des Angeklagten ein. In einer rasch einberufenen Verhandlungspause überzeugte er seinen Mandanten, ein umfassendes Geständnis abzulegen, um so seiner Freundin eine weitere Befragung zu ersparen.

Ich will mir in zwei Jahren nicht vorwerfen lassen, nicht genug auf Sie eingewirkt zu haben.

Vorsitzender Richter zum Angeklagten

Bei der anschließenden ausführlichen Vernehmung des wegen Körperverletzung vorbestraften Angeklagten ließ der Richter keine Zweifel aufkommen, dass oberste Priorität des Gerichts die Sicherheit und das Wohlbefinden von Mutter und Kind habe. „Ich will mir in zwei Jahren nicht vorwerfen lassen, nicht genug auf Sie eingewirkt zu haben“, so der Richter.

Schon vor den Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidiger wurde einvernehmlich ein umfassender Maßnahmenkatalog mit Antiaggressionstraining, Paartherapie und Arbeitssuche festgelegt, den der Angeklagte zu erfüllen hat. Nach Auffassung der Jugendgerichtshilfe konnte aufgrund einer Reifeverzögerung des Angeklagten nur das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen.

Die Staatsanwaltschaft forderte daraufhin eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung bei gleichzeitiger Feststellung einer besonderen Schwere der Tat und einer besonderen Schwere der Schuld.

Das Gericht folgte mit seinem Urteil dieser Forderung. In seiner Urteilsbegründung machte der Vorsitzende Richter noch einmal deutlich, dass das geringste Fehlverhalten des Verurteilten zu einem sofortigen Strafantritt führen werde.

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