Prallmühlen der Geier-Werke werden von der britischen Besatzungsmacht demontiert
Schaden größer als der Nutzen

Lengerich -

In der WN-Serie zum Kriegsende in Lengerich geht es heute um die Demontage von Fabriken und Maschinen. Der psychologische Schaden für die Besatzungsmächte war ungleich größer als der wirtschaftliche Nutzen.

Montag, 18.05.2020, 13:05 Uhr aktualisiert: 18.05.2020, 17:50 Uhr
Prallmühlen aus den Geier-Werken sind demontiert und zum Abtransport auf Eisenbahn-Waggons verladen worden.
Prallmühlen aus den Geier-Werken sind demontiert und zum Abtransport auf Eisenbahn-Waggons verladen worden. Foto: Stefan Herringslack

Zur Nachkriegsgeschichte in Lengerich gehören auch die Demontagen. Da der Umfang gering war, spielte dieses Thema keine große Rolle. Doch die Demontagen veranschaulichen das Verhältnis von Besatzern und Besetzten.

Die britische Besatzung in Lengerich dauerte von April 1945 bis Februar 1946. Die Soldaten mussten untergebracht und verpflegt werden. Die Briten beschlagnahmten dazu 36 Häuser mit 99 Wohnungen, darunter auch Schulen und Gaststätten. Sie verlangten die Lieferung von Lebensmitteln, Möbeln, Kleidung und unter Umständen auch von Fahrzeugen. Dies alles waren Dinge des täglichen Gebrauchs. Sie wurden (außer den Lebensmitteln) bei Abzug der Soldaten zurückgegeben. Ihr Zustand war längst nicht immer gut.

Diese Requirierungen waren etwas grundsätzlich anderes als die Demontagen. Sie erstreckten sich auf Maschinen, die abgebaut und nach Großbritannien verbracht wurden. Damit wollte Großbritannien den besiegten Kriegsgegner schwächen und der eigenen Wirtschaft auf die Beine helfen.

Als erstes trifft es eine Tischlerei in Ladbergen

Eine ganz frühe, möglicherweise eigenmächtige Beschlagnahme erfolgte im Sommer 1945 in Ladbergen, als in einer Tischlerei hochwertige Maschinen, Vorräte an Holz und Beschlägen abtransportiert wurden.

Zwei Jahre später gingen die Briten systematischer vor. Die britische Militärregierung gab am 16. Oktober 1947 bekannt, dass in ihrer Zone 294 Betriebe demontiert werden sollten. Das waren 43 Prozent aller westdeutschen Demontagen. Die Geier-Werke in Lengerich waren die Nr. 182 auf dieser Liste. Die Geier-Werke stellten seit etlichen Jahrzehnten Fahrräder und Motorräder her. Nach dem Krieg kamen Zerkleinerungsmaschinen (Prallmühlen) für Steinbrüche, aber auch für Häusertrümmer dazu. Auf diese Prallmühlen und die Maschinen zu ihrer Herstellung hatten es die Briten abgesehen.

Das Neue Tageblatt aus Osnabrück brachte am 24. September 1946 einen ausführlichen Bericht über diese Prallmühlen. Die technischen Daten waren: Gewicht drei Tonnen, Antrieb Zehn- PS-Motor, Leistung fünf bis sechs Kubikmeter Trümmerschutt in der Stunde bei einer Zerkleinerung auf unter 15 Millimeter Größe (für Ziegelsteine oder Dachpfannen). Die Geier-Werke waren das einzige Unternehmen im Kreis Tecklenburg, das – jedenfalls teilweise – demontiert wurde.

Die Geier-Werke Lengerich waren das einzige Unternehmen im Kreis Tecklenburg, das – teilweise – demontiert wurde

Man hätte sich vorstellen können, dass die Belegschaft der Geier-Werke, die Lengericher allgemein oder der Stadtrat gegen die Demontage protestiert hätten. An anderen Orten im Ruhrgebiet passierte nämlich genau das. Das geschah in Lengerich nicht. Dennoch kann man den Lengericher Politikern nicht Tatenlosigkeit vorwerfen. Nicht einmal eine Woche nach der Bekanntgabe der Demontageliste tagte der Kreistag in Tecklenburg, am 22. Oktober 1947. Der Kreistag verabschiedete dazu eine einstimmige Resolution:

„Mit Bestürzung hat die gesamte Bevölkerung des Kreises Tecklenburg am 16.10.1947 die Veröffentlichung der Demontageliste vernommen. Sie enthält nicht nur die jedem vernünftigen Deutschen selbstverständlichen Rüstungswerke, sie enthält überwiegend Werke der Friedensproduktion. Die angekündigte Rüstungsdemontage wird so weitestgehend zur Wirtschaftsdemontage.

Das Ausmass und der Geist, aus dem heraus sie erfolgt, kann nicht deutlicher werden, als aus der Demontage der Teilfabrik der Geier-Werke, Lengerich i. W., zur Herstellung von Ausrüstung für Steinbrüche… Die Produktion von ca. 60 Prallmühlen wurde erst nach dem Zusammenbruch 1945 begonnen. Die Einbeziehung dieser Teilfabrik, die etwa 100 Arbeitern ihre Existenz nimmt und hunderttausende Kubikmeter Schutt unverarbeitet lässt, erscheint als ein glattes Nein zum Wiederaufbau.

Nach zweijähriger Waffenruhe ist die Bevölkerung erschreckt von dieser rückwärtsschauenden, widerspruchsvollen Zukunftspolitik…

Kreistag verabschiedet Resolution gegen Demontage

Aus ihrem ehrlichen Wollen zur völkerverbindenden Arbeit und zu einer gesunden Wiedergutmachungs-Politik erheben die hier versammelten Abgeordneten im Namen der gesamten Kreisbevölkerung einmütig ihre Stimme.“

Vor der Verabschiedung dieser Resolution nahmen die Parteien Stellung. Jeder Redner setzte seine eigenen Akzente. Der CDU-Abgeordnete im Kreistag sagte: „Die Bevölkerung des Kreises hat das niederdrückende Gefühl, dass der Demontageplan, trotz aller gegenteiligen Versicherungen, das Deutsche Volk dahin führt, es zu einem Volk 2. Klasse zu machen und seine Wirtschaft in einen Zustand völliger Ohnmacht zu versetzen. Kein Deutscher wird eine Wiedergutmachungspflicht verkennen.“

Für die SPD sprach Tiemann aus Lengerich: „Die Führer des Deutschen Volkes sind es gewesen, die den Krieg angezettelt haben. Als Besiegte müssen wir die Kriegsschulden übernehmen. Wir bewilligen 100-prozentig, dass die Kriegsindustrie zerstört wird. Wir lehnen es ab und können es nicht verstehen, dass man heute die deutsche Privatindustrie demontieren will.“

Der Zentrumsabgeordnete sah in den Demontagen eine Neuaufnahme des amerikanischen Morgenthau-Planes, der gegen Ende des Weltkriegs Deutschland zu einem Land machen wollte, in dem nur noch Ackerbau und keine Industrie mehr vorhanden war.

Der FDP-Abgeordnete beschwor die Erfahrungen des Versailler Friedensvertrags von 1919 und sagte nicht ohne Pathos: „Es hat sich gezeigt, dass die Siegermächte nichts gelernt haben aus der vergangenen Zeit und es wird sich zeigen müssen, ob die Kräfte, die an der Zerstörung des Abendlandes arbeiten, die Oberhand behalten werden, ob das Deutsche Volk leben oder sterben soll. Keine Generation weiss, ob es die letzte unseres Volkes ist. Wir wollen es nicht sein, wir wollen ein neues Deutschland schaffen.“

Die Resolution des Kreistages bewirkte nichts. Die Geier-Werke wurden teildemontiert. Danach musste die Produktion der Prallmühlen aufgegeben werden.

Briten demontieren Prallmühlen im Geier-Werk

Was in der britischen Zone geschah, geschah auch in den anderen Zonen, besonders rabiat in der Sowjetischen Besatzungszone. Doch die Demontagen „rechneten“ sich nicht. Die Maschinen mussten aufwendig abgebaut, transportiert und aufgebaut werden. Dabei kam es zu Beschädigungen; Ersatzteile fehlten; die deutschen Maschinen passten nicht in die Produktionslinien. Für die Besatzungsmächte war der psychologische Schaden größer als der wirtschaftliche Nutzen.

Mit dem Petersberger Abkommen vom 22. November 1949 erhielt die junge Bundesrepublik nicht nur etliche Souveränitätsrechte, es beendete auch die Demontagen seitens der Westmächte.

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