LWL-Klinik: Wie Patienten durch die Corona-Krise kommen
Testen gegen die Angst

Lengerich -

Für die LWL-Klinik hat die Corona-Pandemie eine besondere Tragweite. Denn dort werden Menschen behandelt, die psychische Probleme haben. Und die können sich in Krisen-Zeiten noch einmal verstärken. Müssen sie aber nicht, wie Dr. Christoph Theiling berichtet.

Dienstag, 19.05.2020, 16:28 Uhr aktualisiert: 20.05.2020, 17:44 Uhr
Besuche in der LWL-Klinik sind ab heute wieder möglich – allerdings gelten dafür ein paar Regeln.
Besuche in der LWL-Klinik sind ab heute wieder möglich – allerdings gelten dafür ein paar Regeln. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Die Corona-Pandemie ist für jeden eine Herausforderung und Belastung. Die teils massiven Einschränkungen im Alltag, die Sorge um Gesundheit und Arbeitsplatz, fehlende soziale Kontakte machen vielen zu schaffen. Besonders hart kann die Situation psychisch Erkrankte treffen, weiß Dr. Christoph Theiling . Er ist seit 1998 an der LWL-Klinik beschäftigt und Bereichsleitender Oberarzt in der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Inzwischen, sagt der 50-Jährige, gehe es in der Klinik schrittweise zurück in Richtung Normalbetrieb. Unter anderem werde heute das strikte Besuchsverbot aufgehoben. Ende des Monats sei damit zu rechnen, dass ein Gebäude, das zwischenzeitlich vom Kreis genutzt worden sei, wieder zur Verfügung stehe. Und auch die Tageskliniken in Ibbenbüren und Steinfurt/Borghorst seien wieder am Laufen.

In manchen Bereichen, berichtet der Mediziner, sei die Arbeit aber natürlich durchgängig weitergegangen. Das gelte beispielsweise für die Ambulanz oder die Traumatherapie. Diese Präsenz habe sicher dazu beigetragen, dass manche Patienten die kritischen Wochen „stabil gemeistert“ hätten, schätzt Theiling. Er verweist darauf, dass es in krisenhaften Situationen besonders wichtig sei, soziale Kontakte zu haben und geregelte Abläufe. Dazu könne das private Umfeld beitragen, aber eben auch eine fortlaufende Therapie.

Zu beobachten sei sowohl unter den Patienten als auch unter den Mitarbeitern, dass einige Menschen besondere Fähigkeiten entwickeln, eine Krise wie die jetzige zu meistern.

Doch es sei genauso festzustellen, dass die Corona-Pandemie bei manchen Patienten zu einer „deutlichen Verschlechterung“ geführt habe. Zu sehen sei das nicht zuletzt bei jener Gruppe, die wegen Depressionen ambulant in Behandlung gewesen sei und bei der es durch die Einschränkungen zur Unterbrechung der therapeutischen Maßnahmen gekommen sei. Theiling spricht von einem „Teufelskreis“ aus fehlenden geregelten Abläufen und fehlenden sozialen Kontakten, in den die Betroffenen geraten sind. „Diese Menschen stehen dann morgens möglicherweise nicht einmal mehr auf.“ Eine Zunahme an Problemen sei zudem oft bei Angst- und Zwangspatienten sowie Suchtkranken festzustellen.

Der Oberarzt verweist in diesem Zusammenhang auf Australien, wo es während der Corona-Krise zu Beschränkungen beim Verkauf alkoholischer Getränke kam. Die Entscheidung wurde aufgrund von Vorfällen in Verbindung mit Alkoholmissbrauch getroffen. Ein Vorgehen, das Theiling sich für Deutschland nicht vorstellen kann. Aber er hielte es zumindest für geboten, über diese Problematik nachzudenken.

Sehr gut angenommen worden sei von den Patienten der LWL-Klinik, dass bereits früh über die Corona-Thematik aufgeklärt und über daraus resultierende Regeln informiert worden sei. Zur Folge hatte das unter anderem, dass die Klinik in drei Bereiche (Corona-frei, Verdachtsfälle und von Corona betroffen) unterteilt wurde und sich jede neu aufgenommene Person einem Test unterziehen musste. Das habe der Belegschaft, aber eben auch den Erkrankten ein Stück Sicherheit gegeben.

Theiling geht indes davon aus, dass das Thema Corona die Klinik noch eine ganze Zeit lang beschäftigen wird. Denn er teilt die Einschätzung der UNO. Deren Generalsekretär António Guterres hatte vor wenigen Tagen gesagt: „Auch wenn die Pandemie unter Kontrolle gebracht ist: Trauer, Angst und Depression werden weiterhin Menschen und Gemeinschaften beeinflussen.“ In der LWL-Klinik in Lengerich, versichert Theiling, werde man darauf vorbereitet sein. Und er betont, dass Personen, die aktuell mit psychischen Beschwerden zu tun haben, keine Hemmungen haben sollten, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die ab heute in der geltende Besuchsregelung in der LWL-Klinik sieht vor, dass Patienten pro Tag von einer Person eine Stunde besucht werden können. Eine Anmeldung ist erforderlich.

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