Trotz der Hilfsbereitschaft vieler Lengericher:
Schikanen an der Tagesordnung

Lengerich -

Die Vertriebenen erfuhren Armut, Deklassierung und Diskriminierung. Oft fühlten sie sich den Eingesessenen überlegen an Bildung und sozialem Status. Sie spürten schmerzlich, dass früherer sozialer Status und höhere Bildung keine Währung waren, in der sie hier in Westdeutschland bezahlen konnten. Sozialer Abstieg war der Regelfall.

Sonntag, 24.05.2020, 16:27 Uhr aktualisiert: 25.05.2020, 18:44 Uhr
Die Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen hat sich am 26. Juli 2018 nach 66 Jahren Bestehen aufgelöst. Die Gruppierungen der Schlesier und Sudetendeutschen in Lengerich waren früher entstanden,
Die Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen hat sich am 26. Juli 2018 nach 66 Jahren Bestehen aufgelöst. Die Gruppierungen der Schlesier und Sudetendeutschen in Lengerich waren früher entstanden, Foto: Michael Baar

An den Anfang gehört eine Begriffsklärung. Damals wie heute sprach und spricht man oft unterschiedslos von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die Menschen aus den verlorenen Gebieten, seien sie nun deutsch gewesen (Schlesien, Ostpreußen, und so weiter) oder von Deutschland während des Dritten Reichs annektiert worden (das Sudetenland) beharrten darauf, dass sie keine Flüchtlinge seien, sondern Vertriebene. Der Flüchtling konnte seine Heimat aus eigenem Entschluss verlassen haben; der Vertriebene war dem Zwang der Vertreiber ausgesetzt. Darauf wiesen die Vertriebenen selbst immer wieder hin.

Die Vertriebenen erfuhren Armut, Deklassierung und Diskriminierung. Oft fühlten sie sich den Eingesessenen überlegen an Bildung und sozialem Status. Sie spürten schmerzlich, dass früherer sozialer Status und höhere Bildung keine Währung waren, in der sie hier in Westdeutschland bezahlen konnten. Sozialer Abstieg war der Regelfall.

Licht und Schatten

Die Vertriebenen führten zu einer signifikanten Zunahme der Bevölkerung.

Lengerich hatte 1950 circa 19 300 Einwohner; davon waren 3700 Vertriebene, also fast ein Fünftel. Von 3700 Vertriebenen in Lengerich organisierten sich 1949 allerdings nur 1061 in den Landsmannschaften, das waren etwa 27 Prozent.

Nachdem sie den weiten Weg nach Westen geschafft hatten, kamen sie nicht in einer neuen, sondern „kalten“ Heimat an. Daraus entstanden unweigerlich Spannungen. Es waren viele Hindernisse zu überwinden. Die Vertriebenen sprachen Deutsch mit einem für Lengericher ungewohnten Akzent. Sie kochten andere Gerichte. Viele von ihnen waren katholisch. Damit erfuhr zwar die katholische Gemeinde in Lengerich eine erhebliche Vergrößerung, aber das änderte nicht viel an ihrer Fremdheit im überwiegend evangelischen Lengerich.

Die Hilfe für die Vertriebenen zeigte immer wieder Licht und Schatten. Zwar berief die Stadt Lengerich schon im Herbst 1945 einen Vertriebenen-Ausschuss, doch war bis Mai 1946 kein Vertriebener in ihm vertreten. Es gab Aufrufe zur Hilfsbereitschaft. Die Kirchen engagierten sich. Der Eigentümer von Haus Vortlage, Dr. Max Lochte, stellte ein Hektar Land Flüchtlingen als Gartenland zur Verfügung. Jede Familie sollte 200 Quadratmeter erhalten, womit an die 50 Parzellen entstanden.

Da viele Vertriebene 1946 noch nicht lange genug in Lengerich lebten, konnten sie im Herbst 1946 nicht an den Kommunalwahlen teilnehmen. Bis 1949 durften sie auch keine eigene politische Partei gründen.

Nach den Gemeindewahlen am 17. Oktober 1948 wollte Oberkreisdirektor Weil sich einen Überblick verschaffen, wie die Vertriebenen (die mittlerweile Wahlrecht hatten) sich zu den Wahlen gestellt hatten. Er wünschte aus allen Kommunen eine Übersicht, die sich auf ungefähr ein Viertel aller Wähler beziehen sollte.

Die Stadt Lengerich erledigte diese Aufgabe so, dass sie den größten, zwei mittlere und den kleinsten Wahlbezirk erfasste. Diese vier Bezirke machten ungefähr ein Viertel der Wahlberechtigten in Lengerich aus. Es waren 3027 Bürger wahlberechtigt. Die einheimischen Männer machten 1114 aus, von denen 676 zur Wahl gingen (Wahlbeteiligung: 60,7 Prozent). Von 1483 Frauen gingen 718 zur Wahl (Wahlbeteiligung: 49,1 Prozent).

Es gab 450 Vertriebene, von denen 222 wählten (Wahlbeteiligung: 49 Prozent). Von 204 vertriebenen Männern wählten 104 (Wahlbeteiligung: 50,1 Prozent). Von 246 vertriebenen Frauen wählten 118 (Wahlbeteiligung: 48 Prozent).

Männer gingen häufiger zur Wahl

Ein Ergebnis ist, dass Männer häufiger zur Wahl gingen als Frauen, die eigentlich – aufgrund ihrer kriegsbedingten Überzahl – ihr politisches Gewicht hätten in die Waagschale werfen können. Doch bei beiden Geschlechtern wählten Vertriebene seltener als Einheimische.

Die Vertriebenen sahen also in der politischen Beteiligung, die ihnen möglich war, kein attraktives Mittel der tatsächlichen Beteiligung an der Kommunalpolitik. Sie sahen ihre Interessen weder bei CDU noch SPD noch FDP gut aufgehoben.

Die Vertriebenen drängten dennoch auf Vertretung in den Kommunen, und zwar in den bestehenden Parteien. Alle Parteien erklärten nämlich, dass sie den Vertriebenen Ratsmandate anbieten würden. Doch sichere Plätze in den Wahlbezirken erhielten sie nicht; sie wurden auf die Listenplätze verwiesen. Nach den Kommunalwahlen im Oktober 1948 waren in den 27 Kommunalparlamenten des Kreises Tecklenburg 30 Flüchtlinge und Vertriebene eingezogen. Parteipolitisch verteilten sich diese Mandate so: 18 für die SPD, acht für die CDU, drei für die FDP und eins für das Zen-trum.

Als 1952 die Vertriebenen mit einer eigenen Partei, dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten, antreten konnten, erhielt der BHE im Lengericher Stadtrat drei Mandate (von 24), alle über die Reserveliste.

Bis es soweit war, organisierten sich die Vertriebenen in Landsmannschaften, um so ihre Interessen zu wahren und ihre Identität zu bewahren.

Vertriebene, die in ihrer Heimat Landwirtschaft betrieben hatten, versuchten auch hier wieder in die Landwirtschaft zurückzukehren. Es gab mäßige Erfolge. Bis 1965 (!) gelang es im Kreis Tecklenburg 476 Personen, eine Vollerwerbsstelle zu bekommen; 35 hatten Nebenerwerbsstellen. Doch warteten noch 200 Bewerber auf eine passende Stelle.

Eine Debatte im Stadtrat am 20. September 1949 stimmte nachdenklich. Es ging wieder um die Versorgung der Vertriebenen mit Wohnraum und Nahrung. Die SPD warf den Landwirten vor, „aus der Not der anderen Berufszweige Gewinn gezogen zu haben.“ CDU und FDP verteidigten die Landwirte und wiesen auf die „tatsächlich ernste Lage der Landwirtschaft“ hin. Von Gengenbach (CDU) allerdings kam der bemerkenswerte Satz, dass das Verhalten der Landwirte „nicht immer den Geboten der Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft entsprochen“ habe.

Gedankenlosigkeit zeigte sich an einer anderen Stelle. Albert Gaida, ein Vertriebener, der für die SPD im Stadtrat war, beklagte, dass Landwirte Strom zu einem günstigen Tarif bekamen. Wenn aber auf dem Hof eine Flüchtlingsfamilie einquartiert war, was oft genug der Fall war, entfiel diese Vergünstigung. Hier verlangte Gaida eine Änderung zugunsten der Vertriebenen.

Die Unterbringung der Vertriebenen erfolgte oft in Sammelunterkünften. Bei ihren Bezeichnungen tauchte mehrmals auf: „Baracke der Fa. NN“. Dann handelte es sich oft um die Baracken, die im Krieg zur Unterbringung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern gedient hatten.

Bei der Beschaffung von privatem Wohnraum stieß die Stadtverwaltung häufig auf Ablehnung und Widerstand der Wohnungsbesitzer. Schikanen waren an der Tagesordnung. Einen besonders schlimmen Fall möchte ich nach dem Protokoll der öffentlichen Ratssitzung darstellen.

Der in Hohne praktizierende Hausarzt Dr. Witold Wittchen sollte zwei Räume für Vertriebene abgeben. Dagegen legte er zweimal Widerspruch ein, der beide Male von den höheren Behörden abgewiesen wurde. Die Sache ging so weiter:

„Bei der Einweisung der Familie NN ist es seitens Dr. Wittchen zu Tätlichkeiten gegen den Beauftragten der Stadt … gekommen. Dieserhalb wird Strafanzeige gestellt werden. In den Schriftsätzen des Dr. Rechtsanwaltes Willmann, Osnabrück, als dem Vertreter des Dr. Wittchen, wird dem Wohnungsamt ein schwerer Ermessensmissbrauch zur Last gelegt. Darüber hinaus scheut sich der Vertreter des Dr. Wittchen nicht zu behaupten, dass das Vorgehen gegen Dr. Wittchen parteipolitisch ausgerichtet sei. Der Stadtdirektor sei links gerichtet, Dr. Wittchen ist rechts eingestellt, so heißt es in der Klageschrift. … Dr. Wittchen behauptet weiter, dass er wegen seiner früheren Zugehörigkeit zur NSDAP angegriffen wird. Mit Dr. Wittchen sei ein weiter Kreis der Bevölkerung von Lengerich darüber empört, dass derartige Erwägungen noch im Jahre 1949 eine Rolle spielen. … Der Stadtdirektor verwahrt sich gegen die Behauptung, dass parteipolitische Erwägungen eine Rolle spielen, auf das allerentschiedenste.“

Aus den Parteien kam keine Kritik am Vorgehen des Stadtdirektors. Auch wurde der städtische Strafantrag gegen Wittchen „einmütig gebilligt.“

Ich habe gerade die negativen Begleitumstände sehr deutlich herausgestellt. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es viele Beispiele für offene Arme und Hilfsbereitschaft gab. Auch stellten die öffentlichen Verwaltungen überproportional viele Vertriebene ein. Trotz der hier angesprochenen Schwierigkeiten gelang auf die mittlere Sicht die Inte-gration der Vertriebenen.

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