Kriegsende in Lengerich – Entnazifizierung beginnt
Ein Persilschein war Gold wert

Lengerich -

Mit der neunten Folge, die sich um das Thema Entnazifizierung dreht, beendet der Arbeitskreis Stadtgeschichte im Heimatverein Lengerich seine Serie zum Kriegsende in der Stadt.

Mittwoch, 03.06.2020, 12:40 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 13:00 Uhr
Eine der sogenannten Persilscheine, die im Rahmen der Entnazifizierung ausgestellt wurden.
Eine der sogenannten Persilscheine, die im Rahmen der Entnazifizierung ausgestellt wurden. Foto: Stadtarchiv

In früheren Teilen dieser Serie tauchte der Begriff „Entnazifizierung“ bereits gelegentlich auf. In dieser abschließenden Folge sollen die Vorgänge, die damit verbunden waren, dargestellt und erläutert werden.

Schon im Februar 1945 hatten die drei Siegermächte USA, Großbritannien und Russland zum Abschluss der Konferenz in Jalta (auf der Halbinsel Krim) als wesentliches Ziel der gemeinsamen Nachkriegspolitik formuliert: „Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und Nazismus zu vernichten und die Garantie dafür zu schaffen, daß Deutschland nie wieder in der Lage sein wird, den Weltfrieden zu brechen; (...) alle Kriegsverbrecher einer gerechten und schnellen Bestrafung zuzuführen; (...) die Nazi-Partei, die nazistischen Gesetze, Organisationen und Einrichtungen vom Erdboden zu tilgen; alle nazistischen und militärischen Einflüsse aus öffentlichen Einrichtungen, dem Kultur- und Wirtschaftsleben des deutschen Volkes zu entfernen.“

Daher begann unmittelbar nach Kriegsende die erste Phase der Entnazifizierung, die im Wesentlichen aus einer umfassenden politischen Personalsäuberung bestand; in Lengerich etwa wurde der frühere NSDAP-Bürgermeister August Steinriede von den Briten seines Amtes enthoben und vorübergehend durch Philipp Krätzer ersetzt.

In der Folgezeit ist die Entnazifizierungspolitik in der britischen Besatzungszone charakterisiert einerseits durch ihre Gemeinsamkeit mit Vorgaben, die durch die amerikanische Politik erlassen wurden, andererseits aber auch durch eigene Schwerpunkte und Vorgehensweisen. Dies beruhte darauf, dass für die Briten – stärker als für die Amerikaner – das Funktionieren von Verwaltung und Wirtschaftsleben eine wichtige Rolle spielte.

Hinter diesem Ziel stand die Auffassung, dass durch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse die Deutschen leichter für einen demokratischen Neuanfang zu gewinnen seien. Dieser von Pragmatismus geprägte Ansatz führte dazu, dass nicht alle Anweisungen einheitlich und konsequent vor Ort durchgesetzt wurden, so dass besonders bei der deutschen Bevölkerung bald eine starke Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der Briten entstand.

Am 17. Januar 1946 erließen die Briten – in Anlehnung an die Kontrollratsdirektive Nr. 24 – eine Durchführungsverordnung, die eine stärkere Beteiligung der Deutschen am Prozess der Entnazifizierung vorsah. Die neue Verordnung rief deutsche Hauptausschüsse auf Regierungs- und Kreisebene ins Leben – so auch in Tecklenburg. Diese bildeten Unterausschüsse zur Überprüfung der Verwaltungen, der Großunternehmen und verschiedener Berufszweige.

Betroffene, im wesentlichen Beamte und Angestellte, mussten zunächst einen Fragebogen ausfüllen und wurden anschließend von einem Unterausschuss verhört. Dessen Einschätzung ging an den Hauptausschuss und musste letztlich von der britischen Militärbehörde bestätigt werden.

Dieses Verfahren wurde im Laufe des Jahres noch ergänzt, unter anderem durch die Möglichkeit, Berufung gegen die erstinstanzliche Entscheidung einzulegen. Zudem wurde durch eine Anweisung für die britische Zone im April 1947 eine fünfstufige Kategorisierung mit abgestuften Sanktionen für Betroffene eingeführt; frühere NSDAP-Angehörige galten nun entweder als Kriegsverbrecher (Kat. I), Übeltäter (Kat. II), geringe Übeltäter (Kat. III), Mitläufer (Kat. IV) oder Entlastete (Kat. V). Täter aus den ersten beiden Gruppen wurden allerdings überwiegend von ordentlichen Gerichten abgeurteilt, so dass es bei den deutschen Ausschüssen nur um eine Eingruppierung in die Kategorien III, IV oder V gehen konnte.

Anders als in modernen Gerichtsverfahren musste nicht ein Ausschuss die Schuld eines zu entnazifizierenden Menschen nachweisen, sondern Betroffene hatten ihre Unschuld zu beweisen. Dies führte dazu, dass zusammen mit den Fragebögen teilweise mehrere Leumundszeugnisse – im Volksmund „Persilscheine“ genannt – vorgelegt wurden. Diese Bescheinigungen wurden von Nachbarn und Bekannten und häufig auch von kirchlichen Vertretern ausgestellt; es kam auch immer wieder vor, dass man sich gegenseitig Unschuldszeugnisse ausstellte. Besonderes Gewicht hatten die Bescheinigungen von denjenigen, die früher nicht NSDAP-Mitglied gewesen waren.

Das Beispiel des früheren Lengericher Bürgermeisters August Steinriede lässt das bisher Ausgeführte anschaulich werden. Steinriede, geboren am 2. Juli 1902 in Westerkappeln, war zum 16. Dezember 1937 auf Vorschlag des NSDAP-Kreisleiters Knolle zum Bürgermeister von Lengerich ernannt worden. Steinriede, so der Tecklenburger Landbote vom folgenden Tag, „versprach, auch hier in Lengerich, sein Amt in engster Zusammenarbeit mit der Partei und ihren Gliederungen zu führen. In diesem Hause werde der Geist des Mannes herrschen, dem wir so unendlich viel zu verdanken haben, auf den heute Europa und einst die ganze Welt hören wird.“

Nach Kriegsende zog Steinriede in seinen früheren Wohnort Rheda-Wiedenbrück zurück; dort stellte er am 13. Juni 1947 einen Entnazifizierungsantrag, denn ihm drohten als ehemaligem NSDAP-Mitglied in einer herausgehobenen Position erhebliche Sanktionen. Seinem Fragebogen, der 132 Punkte enthielt, fügte er umfangreiches Material bei: neben 16 Leumundszeugnissen, davon sieben aus Lengerich, auch mehrere persönliche Erklärungen. Eine davon, verfasst am 10. April 1947, befasste sich mit seiner Rolle während der Reichspogromnacht im November 1938.

Die „Judenaktion“ sei für ihn völlig überraschend gekommen; er sei den Aktionen der Unruhestifter – überwiegend „auswärtige Elemente“ – „mit aller Strenge“ entgegengetreten und habe die teilweise misshandelten Juden zu ihrem eigenen Schutz inhaftiert. Als Zeugen benannte er unter anderem den evangelischen Lengericher Pfarrer Rübesam; von diesem stammte auch ein Leumundszeugnis, das dieser am 13. Februar 1947 ausgestellt hatte. Darin heißt es: „Herr Bürgermeister Steinriede hat der Evgl. Kirchengemeinde und deren Pfarrern während seiner Amtstätigkeit persönlich keine Schwierigkeiten bereitet. Sein Verhalten im Kirchenkampf war neutral und korrekt.“

Als Beleg führt er drei Beispiele an. Zur „sogenannten Judenaktion“ sagt der Text: „Es ist mir bekannt, dass Herr St. während dieser Aktion im Gässchen neben dem Rathaus auf und ab ging und mehrmals sagte: ‚Parteigenossen, lasst das doch, das ist doch feige.‘“ Weitere Leumundszeugnisse aus Lengerich kamen unter anderem vom Superintendenten Brandes, vom katholischen Pfarrer Osterkamp und von Steinriedes Hausarzt Dr. Steinmann.

In erster Instanz wurde August Steinriede in die Kategorie III (geringer Übeltäter) eingestuft; dies hätte den Entzug des Wahlrechts und eine Sperrung seines Vermögens und aller seiner Konten nach sich gezogen. Nach seinem Einspruch entschied der zuständige Berufungsausschuss – zum Unverständnis des Hauptausschusses – auf eine Eingruppierung in Kategorie IV ohne Vermögenssperre. Danach konnte Steinriede zwar nicht mehr in ein politisches Amt gewählt werden, aber darüber hinaus unbehelligt weiterleben.

Nach neun Folgen möchte der Arbeitskreis Stadtgeschichte diese Serie beenden. Was in den einzelnen Folgen dargelegt worden ist, ist ein Ausschnitt aus einer größeren Darstellung, die in Vorbereitung ist. Der Heimatverein Lengerich wird im Herbst über die Veröffentlichung dieser Darstellung rechtzeitig informieren

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