Staatssekretär Mathias Richter spricht über die aktuelle Situation der Schulen und ihre Perspektiven
Zügig zurück zum Regelbetrieb

Tecklenburger Land -

So normal wie möglich starten nach den Sommerferien, das ist ein Ziel von Mathias Richter,Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen. Im Gespräch mit Redakteurin Anke Beiing blickt der gebürtige Hopstener zurück auf den Beginn der Corona-Pandemie und voraus auf die in den nächsten Wochen anstehenden Herausforderungen.

Mittwoch, 03.06.2020, 05:53 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 17:18 Uhr
Mathias Richter, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung NRW, ist gebürtiger Hopstener und hat derzeit in Düsseldorf alle Hände voll zu tun.
Mathias Richter, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung NRW, ist gebürtiger Hopstener und hat derzeit in Düsseldorf alle Hände voll zu tun. Foto: MSB / Susanne Klömpges

Mathias Richter ( FDP ) ist Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung NRW und hat derzeit coronabedingt alle Hände voll zu tun. Für die Redaktion hat sich der gebürtige Hopstener jetzt trotzdem Zeit genommen. Anke Beiing hat mit dem 52-Jährigen, der vierfacher Familienvater ist, über die aktuelle Situation der Schulen im Land, ihre Perspektiven für die nähere Zukunft und die Rolle von Lehrern und Eltern in der Corona-Pandemie gesprochen.

 

Schule ist derzeit ein besonders sensibles Thema. Wie sehr sehnen Sie sich nach etwas Hopstener Landidyll?

Mathias Richter: Manchmal durchaus. Mein Tagesablauf hat sich durch Corona doch sehr stark verändert. Die Fülle an Aufgaben ist ohnehin immer herausfordernd. Nordrhein-Westfalen ist ein großes Land: 2,5 Millionen Schülerinnen und Schüler, 200 000 Lehrkräfte, 6000 Schulen. Das ist für sich genommen schon eine Menge Arbeit und in Coronazeiten gerät auch vieles durcheinander im Schulbetrieb. Da täte schon mal eine Portion Erholung auf dem Land gut. Trotz der Anstrengung bin ich fest davon überzeugt, den richtigen Job zu haben.

Sind Sie hin und wieder mal in Hopsten?

Richter: Ja. Es gibt viele Anlässe im Jahresablauf, die fest im Kalender stehen. Das sind familiäre Zusammenkünfte und die Kirmes ist auch fester Bestandteil meines Terminkalenders.

Sie mussten in der jüngeren Vergangenheit Kritik für Ihre Kommunikation einstecken – was hätten Sie mit dem Wissen von heute anders gemacht?

Richter: Wir hatten Schwierigkeiten, immer termingerecht zu kommunizieren. Das hat mit komplexen Abstimmungsprozessen zu tun. Es ist gar nicht so einfach, zu sagen, was wir hätten anders oder besser machen können. Wir würden wahrscheinlich versuchen, die Dinge noch vorausschauender abzustimmen und zu entscheiden, um so früh wie möglich zu bestmöglichen Zeitpunkten diejenigen zu informieren, die Schule in Nordrhein-Westfalen organisieren müssen. Insbesondere also die Schulleitungen und Lehrkräfte sowie die Schulträger. Auch die Eltern brauchen sichere Informationen. Das wollen wir sicherstellen.

Haben Sie von den Schulen direkt Rückmeldungen bekommen?

Richter: Ja, viele. Natürlich auch kritische, aber in der Tat auch – gar nicht mal so wenig – positive Rückmeldungen. Es gab Schulleitungen, die gesagt haben, sie fühlten sich gut und regelmäßig informiert. Viele haben auch Verständnis dafür, dass in so dynamischen Zeiten Informationen auch mal freitags spät kamen oder am Wochenende. Oft sind die politischen Entscheidungen auch erst spät abends getroffen worden. Jetzt kommt es darauf an, dass wir die Zeit bis zu den Sommerferien gut organisieren und uns überlegen, wie wir im nächsten Schuljahr so normal wie möglich starten können.

Ein kleiner Blick in die nähere Zukunft: Was ist mit Klassenfahrten?

Richter: Wir haben jetzt eine Regelung getroffen, dass Klassenfahrten innerhalb Deutschlands gemacht werden können.

Wie sieht es mit Betriebspraktika aus?

Richter: Das hatten wir am Anfang der Krise ausgesetzt in den Fällen, in denen keine Anstellungsverträge vorlagen. Aber Praktika in Betrieben können jetzt wieder geplant und aufgenommen werden. Ich empfehle den Schülern, frühzeitig Kontakt zu den Betrieben aufzunehmen, um zu erfahren, ob die Praktika wie geplant stattfinden können. In dieser Krisensituation können erforderliche Schülerbetriebspraktika flexibler behandelt und auch verschoben werden. Sofern keine ausreichenden Praktikumszeiten erreicht werden können, sind als Ersatz entsprechende Maßnahmen vorgesehen.

Wird es in den Sommerferien noch die Notbetreuung oder die normale Ferienbetreuung an den Grundschulen geben?

Richter: Die Landesregierung hat deutlich gemacht, dass den Schülern hinsichtlich ihrer weiteren Bildungs- und Lebenswege durch die derzeitige durch das Coronavirus bedingte Ausnahmesituation kein Nachteil entstehen darf. Die Schulen in Nordrhein-Westfalen tun alles dafür, sinnvolle Lernangebote zu entwickeln. Darüber hinaus prüfen wir, ob und wie wir auch in den Sommerferien Bildungs- und Erziehungsangebote machen können.

Wird nach den Sommerferien wie geplant eingeschult?

Richter: Ja.

Wie steht es mit der Schulpflicht von Schülern, die Risikogruppen angehören?

Richter: Das ist immer eine individuelle Betrachtung. Da sollte im Zweifel ärztlicher Rat eingeholt werden. Die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe bedeutet aber nicht automatisch, dass die Schulpflicht ausgesetzt ist. Sie gilt natürlich weiterhin. Für Schüler, die aufgrund ihrer Vorerkrankung gesundheitlich gefährdet sind durch den Präsenzunterricht, entfällt die Pflicht zur Teilnahme bis zu den Sommerferien, wenn die Eltern das entscheiden. Die Schule kann aber ein Attest verlangen.

Die aktuelle Situation zeigt, wie wichtig die Digitalisierung der Schulen und der Schüler ist. Inwiefern können Schulen und Eltern dabei auf Unterstützung des Landes zählen?

Richter: Wir haben bereits den Digitalpakt Schule mit mehr als einer Milliarde Euro für Nordrhein-Westfalen. Daraus können die Schulträger auch digitale Endgeräte finanzieren – in der Größenordnung von 20 Prozent, also 200 Millionen Euro. Und wir haben aktuell ein Sofortausstattungsprogramm in Höhe von 105 Millionen Euro, das ausschließlich für digitale Endgeräte zum Einsatz kommen soll. Die Schulträger sollten das mit zehn Prozent co-finanzieren, was die Summe noch einmal um gut zehn Millionen erhöht. Zudem suchen wir nach Lösungen, insbesondere den Schülern digitale Endgeräte zur Verfügung zu stellen, die einen besonderen Bedarf haben. Die Geräte bleiben schulgebunden und können von den Lehrkräften vor Ort am besten eingesetzt werden.

Sie sind Vater: Wie kommt Ihre Familie mit der Situation zurecht?

Richter: Wir sind auch von der schulischen Situation geprägt. Ein Sohn steckt gerade mitten im Abitur, die Tochter hat Homeschooling und vermisst ihre Mitschüler. Meine Frau ist Lehrerin an einer Grundschule – von daher bekomme ich das Thema Schule auch privat sehr konkret mit. Alle möchten Schule gern wieder ganz normal erleben.

Wenn Sie mögen, dürfen Sie jetzt ein paar Worte an die Lehrkräfte richten . . .

Richter: Da ist sehr viel Organisationsleistung erbracht worden, auch in den Ferien. Und das mit viel Herzblut und Engagement. Dafür kann das Land nur ganz herzlich Danke sagen. Das ist meine Botschaft an die Lehrkräfte.

. . . und an die Eltern?

Richter: Meine Botschaft ist, dass wir möglichst zügig, aber auch verantwortungsvoll zurück zu einem geregelten Schulbetrieb wollen. Wir wollen alles dafür tun, dass diejenigen, die jetzt Prüfungen machen, gut durch diese Prüfungen kommen, dass die Abschlüsse überall anerkannt werden und Eintrittskarten für den weiteren Bildungsweg sind. Wir wollen die Schulen so schnell es geht wieder öffnen und die Kinder wieder im Unterricht haben. Es ist ja auch ihr Recht auf Bildung, über das wir hier sprechen. Und wir wissen auch, dass Kindeswohl an der einen oder anderen Stelle geschützt werden muss. Da können ein vertrautes Umfeld und eine feste Struktur sehr hilfreich sein. Viele Eltern hatten in den vergangenen Wochen sehr viel zu leisten. Auch sie wollen wir mit dem Zugang zur Schule für alle entlasten. Ein wichtiger Schritt war auch, dass wir alle Förderschulen wieder geöffnet haben. Da lagen unter Coronabedingungen noch einmal besondere Herausforderungen. Aber wir müssen natürlich sicherstellen, dass Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf die gleichen Chancen bekommen wie alle anderen. Das ist ein Punkt, der in der Diskussion manchmal ein bisschen zu kurz kommt.

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