Fleischindustrie kündigt Verzicht auf Werkvertragsarbeiter an
Pfarrer Peter Kossen traut dem Braten nicht

Lengerich -

Im vergangenen Jahr hat er den Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ initiiert und gegründet. Doch der Kampf von Pfarrer Peter Kossen gegen das menschenverachtende System in der Fleischindustrie dauert schon Jahre.

Freitag, 26.06.2020, 17:48 Uhr aktualisiert: 28.06.2020, 17:30 Uhr
Pfarrer Peter Kossen
Pfarrer Peter Kossen Foto: mba

Seit Jahren fordert der katholische Priester Peter Kossen ein Ende des Systems mit Subunternehmen und Werkvertragsarbeitern, das inzwischen die meisten Unternehmen der Fleischbranche praktizieren. In der Bundesregierung gibt es Pläne, das Werkarbeitersystem in der heutigen Form Ende des Jahres abschaffen zu wollen. Große Unternehmen wie Tönnies, Westfleisch oder PHW (Wiesenhof) haben inzwischen angekündigt, im kommenden Jahr im großen Umfang Werkarbeiter fest anstellen zu wollen.

 

Frage: Die Schlachtunternehmen wollen zum Jahresende im großen Stil auf Werkarbeiter verzichten – sehen Sie sich am Ziel?

Peter Kossen: Ehrlich gesagt bin ich skeptisch. Ich hoffe, dass jetzt die Politik ihre Hausaufgaben macht, und dann würde ich mir wünschen, dass die Fleischwirtschaft kooperiert. Ich habe immer den Verdacht, dass da etwas vorweggenommen wird, damit es gar nicht erst eintritt. Das war bei der Selbstverpflichtungserklärung vor fünf Jahren auch so. Da hat man ja den Mindestlohn abgewehrt, so in letzter Minute. Ich meine, die Fleischindustrie sollte sich dann daran halten und nicht sabotieren, was die Bundesregierung jetzt vorhat.

Frage: Sie trauen der Branche also nicht?

Peter Kossen: (lacht) So kann man das sagen. Es ist natürlich gut um jede Verbesserung.

Frage: Hätte die Politik nicht schon in der Vergangenheit konsequenter auf Missstände reagieren müssen?

Peter Kossen: Man hat es sich so entwickeln lassen, das ist ja nicht schicksalhaft gekommen. Die großen Graubereiche, in denen Menschen bis heute im großen Stil ausgebeutet werden, hat man zugelassen. Die, die es regulieren könnten, haben es sicherlich versäumt, da Vorgaben zu machen. Das muss jetzt nachgeholt werden. Das eine sind die Arbeitsbedingungen, die unter Kontrolle gebracht werden müssen. Die meisten dieser geschundenen Menschen fliegen im Moment unter dem Radar. Das andere ist, wo kriege ich menschenwürdigen, bezahlbaren Wohnraum her?

Frage: Sollten die Schlachtunternehmen selber Wohnungen bauen?

Peter Kossen: Ja. Im Ruhrgebiet wurden vor über 100 Jahren auch von den Unternehmern Wohnungen für die Zechenarbeiter gebaut. Das haben die nicht nur aus Menschenliebe gemacht, war aber die Bedingung dafür, dass die Menschen die schwere Arbeit auch tun konnten. Das war ein absoluter Fortschritt. Man wird auch über andere Dinge nachdenken müssen wie über Integration. Wir können ja nicht wirklich ernsthaft sagen, die Leute sind nur zum Arbeiten hier. Die Fleischunternehmen haben einen substanziellen Beitrag dafür zu leisten, dass die Menschen in diese Gesellschaft integriert werden. Ich denke, das kann man verlangen.

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