Sommer-Interview mit Bürgermeister Wilhelm Möhrke
„Die Bürger wollen wissen, wer ihre Interessen vertritt“

Lengerich -

In der Stadt wird sich in den nächsten Jahren viel tun. Angefangen mit der Umgestaltung der Fußgängerzone über den Neubau einer Feuer- und Rettungswache bis zum Abriss der Bodelschwingh-Realschule. Und auch der „Schandfleck“, das klr-Gelände, soll in absehbarer Zeit umgewandelt werden.

Samstag, 01.08.2020, 06:28 Uhr aktualisiert: 02.08.2020, 17:00 Uhr
Die Ampel vor dem klr-Gebäude steht auf Rot, was durchaus symbolisch für die Industrieruine ist. Veränderungen für diese Immobilie stehen ebenso an wie für die wenige Schritte entfernte Bodelschwingh-Realschule.
Die Ampel vor dem klr-Gebäude steht auf Rot, was durchaus symbolisch für die Industrieruine ist. Veränderungen für diese Immobilie stehen ebenso an wie für die wenige Schritte entfernte Bodelschwingh-Realschule. Foto: Michael Baar

Vor fünf Jahren ist Wilhelm Möhrke als unabhängiger Kandidat zum Bürgermeister von Lengerich gewählt worden. Am 13. September tritt er erneut an, einen Gegenkandidaten gibt es nicht. Unterstützt wird der 68-Jährige von drei der vier Fraktionen im Rat, der SPD , CDU und FDP. Was er in den vergangenen fünf Jahren erreicht hat, was die Ziele der nächsten fünf Jahre sind – darüber hat Wilhelm Möhrke mit WN-Redakteur Michael Baar gesprochen.

 

Müssen Sie, ohne Gegenkandidaten, überhaupt Wahlkampf machen?

Wilhelm Möhrke: Aber sicher. Die Bürgerinnen und Bürger wollen schließlich wissen, wer sie und ihre Interessen weiter vertritt.

Wahlkampf ja, aber in kleinem Rahmen?

Wilhelm Möhrke: Ich werde, wie 2015, 40 Plakate aufhängen und Anzeigen schalten.

Warum treten Sie wieder an?

Wilhelm Möhrke: Ich finde, in den vergangenen Jahren ist im Zusammenspiel von Rat und Verwaltung erfolgreich für Lengerich gearbeitet worden. Diese, ich nenne es mal Koalition der Vernunft, möchte ich fortsetzen.

Ist das der einzige Grund?

Wilhelm Möhrke: Nein. In der Verwaltung läuft es besser, als ich es mir vorgestellt habe. Ich hatte ja keinerlei Erfahrung. Aber ich spüre viel Unterstützung bei dem Anliegen, neue Wege zu gehen.

Als Sie vor fünf Jahren anfingen, gab es ja nicht nur das Thema Flüchtlinge, mit dem Sie beziehungsweise Rat und Verwaltung konfrontiert wurden?

Wilhelm Möhrke: Die Flüchtlingssituation war das eine, Schulen und Leerstände ein weiteres wichtiges Handlungsfeld. Bei der Gesamtschule, um ein Beispiel zu nennen, haben Rat und Verwaltung gut zusammengearbeitet und, das ist mir wichtig, die Kommunalpolitik hat gemeinsam entschieden.

Hat Ihnen die Tatsache, dass Sie parteilos sind, geholfen?

Wilhelm Möhrke: Ich sehe mich als parteiunabhängig, nicht als parteilos. Ja, ich glaube, das hat es an vielen Stellen erleichtert, weil es mir immer um pragmatische Entscheidungen geht.

Pragmatisch heißt . . .?

Wilhelm Möhrke: Wir haben kein Geld für Dinge ausgegeben, die nicht nötig waren. Es ging und geht immer um sinnvolle Investitionen mit dem Ziel, dass der Stadtrat einstimmig dahintersteht.

Das betrifft natürlich die Entwicklung der Stadt, speziell der Innenstadt. Wie ist der Stand der Dinge beim Innerstädtischen Entwicklungskonzept Isek?

Wilhelm Möhrke: Das ist einer der ersten Schritte, ein Plan für das, was in den nächsten fünf Jahren getan werden muss und soll. Ursprünglich wollten wir schon weiter sein, aber es lässt sich nicht alles so schnell wie gedacht umsetzen.

Dazu gehören auch unangenehme Dinge?

Wilhelm Möhrke: Sicherlich. Ich habe als Apotheker gelernt, dass man auch Unangenehmes verkünden muss, weil das sinnvoller ist als Dinge nicht anzusprechen.

Gehört zur Innenstadtgestaltung nicht auch der Marktplatz, obwohl der nicht vom Isek-Bereich erfasst wird?

Wilhelm Möhrke: Isek heißt ja nicht, dass man nur den Bereich der Fußgängerzone im Auge hat. Es geht ja um die ganze Stadt und da wird der Marktplatz sicherlich ein Thema sein.

Weil er eine eher öde, gepflasterte Fläche ist, oder weil sich in absehbarer Zeit an seinem westlichen Rand etwas tut, wenn die Bodelschwingh-Realschule abgerissen wird?

Wilhelm Möhrke: Erst einmal ist es gut und richtig, dass das Schulgebäude noch ein Schuljahr länger genutzt wird. Im nächsten Jahr werden wir für dieses Areal eine fertige Planung präsentieren können.

Was genau?

Wilhelm Möhrke: Wir haben konkrete Pläne, aber es ist noch nichts unterschrieben. Deshalb möchte ich jetzt nicht mehr dazu sagen.

Wenige Meter weiter steht die Feuer- und Rettungswache. Die wird an den Kreisverkehr Bodelschwinghstraße/Ladberger Straße umziehen. Gibt es einen konkreten Zeitpunkt dafür?

Wilhelm Möhrke: Bei der Planung der neuen Feuer- und Rettungswache sitzt der Kreis mit der Stadt in einem Boot und wir rudern in eine Richtung. Konkrete Zeitpunkte kann ich jetzt noch nicht nennen.

Was geschieht mit dem Schandfleck klr-Gelände?

Wilhelm Möhrke: Das ist nicht so gelaufen, wie es sich der Eigentümer und die Stadt vorgestellt haben. Mehrfach sind Investoren abgesprungen. Das gehört zum Leben, dass Pläne sich nicht verwirklichen lassen. Aber es ist ein Ende in Sicht. Der jetzige Investor hat die Baupläne für sein Projekt erstellt.

Liegen die Planungen für die Umgestaltung der Fußgängerzone im Zeitplan?

Wilhelm Möhrke: Da werden die Arbeiten noch in diesem Jahr beginnen, ausgehend vom Wapakonetaplatz in Richtung Rathausplatz. Das soll bis Ende 2022 abgeschlossen sein. Danach ist die Altstadt dran.

Geht damit eine bessere Anbindung des neuen Markt-Karrees an die Fußgängerzone einher?

Wilhelm Möhrke: Das ist ganz klar ein Ziel des Isek.

Muss die Stadt bei der Verkehrsplanung mehr Gewicht auf Fußgänger und Radfahrer legen?

Wilhelm Möhrke: Das lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Schaut man auf den Radweg entlang der TWE-Gleise, der ja vor vielen Jahren angelegt worden ist, muss man zugestehen, dass der nicht so angenommen wird, wie man sich das vorgestellt hat. Deshalb muss alles gut überlegt werden.

Gibt es Anregungen von Bürgern?

Wilhelm Möhrke: Ja, und das ist auch gut so. Schließlich ist es ihre Stadt. Aber klar ist auch, dass letztlich der Stadtrat entscheiden muss.

Gibt es beim Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) Nachholbedarf oder Verbesserungspotenzial?

Wilhelm Möhrke: Der muss, das ist ein wichtiger Punkt, günstiger werden. Auch dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden.

Fehlen nicht Fahrradwege für Berufspendler, die vom Auto umsteigen wollen?

Wilhelm Möhrke: Sicherlich ist es wünschenswert, wenn Radfahrer direkt und vor allem sicher beispielsweise nach Tecklenburg, über den Teuto in Richtung Osnabrück oder nach Lienen fahren könnten.

Touristische Fahrradrouten sind schön, stellen aber in der Regel nicht die schnellste Route dar. Fehlt es für Pendler an direkten Verbindungen?

Wilhelm Möhrke: Mit Blick über den Teuto in Richtung Osnabrück ist das so. Aber da spielt nicht nur die Abwägung von Ökologie und Ökonomie eine Rolle, sondern auch der Tourismus muss einbezogen werden.

Das sollte aber nicht so laufen wie in den vergangenen Wochen am Canyon?

Wilhelm Möhrke: Wir waren mit den zusätzlichen Parkplätzen oberhalb der Tennisanlage gut aufgestellt. Dass durch die Corona-Pandemie so viele Menschen, gerade an Wochenenden, dort hinkommen, war nicht abzusehen.

Die Frage ist doch, wie bekommt man diese Gäste in die Stadt?

Wilhelm Möhrke: Erste Ansätze sind gemacht, beispielsweise mit dem Ziel, Themenführungen anzubieten. Aber auch unter der Woche muss es das Bestreben sein, Leben in die Innenstadt zu bringen. Dass das funktioniert, hat beispielsweise die Veranstaltungsreihe „Rock am Rathaus“ gezeigt.

Gerade durch solche Angebote hat die Corona-Pandemie einen dicken Strich gezogen. Bietet das Virus auch Chancen?

Wilhelm Möhrke: Wir müssen dem Tourismus mehr Raum geben. Da bietet die Corona-Pandemie, insbesondere in Zusammenarbeit mit den Nachbarorten Lienen und Tecklenburg, große Chancen. Gemeinsam Konzepte entwickeln und umsetzen, das ist ein wichtiger Aspekt.

Das heißt, Angebote abseits des klassischen Tourismus wie Wandern im Teuto?

Wilhelm Möhrke: Nicht abseits, zusätzlich. Tourismus sollte grundsätzlich anders bewertet werden, Kultur gehört für mich unabdingbar dazu. Das sollte man nicht unterschätzen, weil da die gesellschaftliche Stimmung abgebildet wird.

Müssen dann auch weitere Partner mit ins Boot geholt werden?

Wilhelm Möhrke: Das Projekt „Lengerich for future“ ist ein gutes Beispiel, weil es dort um die Zusammenarbeit mit dem Jugendbeirat und den Schulen geht. Das ist in jüngster Zeit, Corona-bedingt, etwas zu kurz gekommen. Aber „Lengerich for future“ müssen wir weiterentwickeln.

Stichwort Entwicklung, die Einwohnerzahl Lengerichs stagniert seit Jahren. Woran liegt das?

Wilhelm Möhrke: Mit Blick auf die Entwicklung der großen Unternehmen in der Stadt und deren Mitarbeiterzahl müsste Lengerich tatsächlich mehr als 23 000 Einwohner haben. Auch da müssen wir ansetzen dass die, die hier arbeiten, auch hier leben können.

Gibt es denn ausreichend Bauland?

Wilhelm Möhrke: Wenn man die Baulücken in der Stadt addiert, kommt ein Areal von rund 2,5 Hektar zusammen. Da steckt Potenzial, gerade für Zwei- oder Mehrfamilienhäuser.

Und das klassische Einfamilienhaus?

Wilhelm Möhrke: Da fehlen uns in der Tat Flächen.

Wird die Zahl der Wohnungen in der Innenstadt in den nächsten Jahren steigen?

Wilhelm Möhrke: Ich rechne mit rund 200 neuen Wohnungen in der Innenstadt, die in den nächsten Jahren gebaut werden.

Und wie sieht’s bei Gewerbeflächen aus?

Wilhelm Möhrke: Auch da haben wir im Moment nur ein paar kleinere Flächen im Portfolio. Aber südlich des Südrings wollen wir ein neues Areal für Gewerbetreibende entwickeln.

Das alles kostet Geld. Wie ist die finanzielle Situation der Stadt?

Wilhelm Möhrke: Von der Corona-Pandemie sind alle Kommunen getroffen worden. Vielleicht ist Lengerich etwas besser aufgestellt, weil wir in den guten Jahren gespart haben. Jetzt auf Stillstand zu setzen, wäre ganz eindeutig das falsche Signal.

Also geht’s Lengerich gut?

Wilhelm Möhrke: Die finanzielle Situation ist schwierig, da führt kein Weg dran vorbei. Aber mit Blick auf die großen Aufgaben und Ausgaben, beispielsweise die Gesamtschule, steht Lengerich bestimmt nicht schlechter da als andere Kommunen.

Reicht das Geld noch für eine Tartanbahn im Stadion an der Münsterstraße oder gar einen Umzug an eine andere Stelle? Dieser Wunsch ploppt ja immer wieder mal auf.

Wilhelm Möhrke: Es hat immer wieder Standort-Prüfungen gegeben. Und alle haben das Ergebnis gehabt, dass das Stadion an der Münsterstraße genau an der richtigen Stelle ist.

In drei Jahren steht das Jubiläum 375 Jahre Westfälischer Frieden an. Entscheidend dazu beigetragen hat das Lengericher Conclusum, das in diesem Jahr Jubiläum hat. Wird das noch gefeiert?

Wilhelm Möhrke: In diesem Jahr lässt uns Covid-19 keine Chance. Deshalb müssen wir den Friedensstädten Münster und Osnabrück deutlich machen, dass die ohne die in Lengerich geleisteten Vorarbeiten den Titel „Friedensstadt“ wahrscheinlich nicht tragen würden.

Sind Sie nach wie vor, wie schon in der Zeit als Offensive-Vorsitzender, ein Marketing-Mensch?

Wilhelm Möhrke: Um es vereinfacht zu sagen, habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Aber natürlich ist das nur ein Aspekt der Arbeit als Bürgermeister.

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